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Warum der Drehorgel-Dirk aus Roßwein manchmal verfolgt wird

Eineinhalb Jahre bremste die Corona-Pandemie den Hobbymusiker aus. Jetzt kann er endlich wieder spielen.

Mit seinem Großvater Erhard Hochtritt hat der Roßweiner Drehorgelspieler Dirk Baur vor fast 30 Jahren begonnen, das ältere Instrument zu bauen. Mittlerweile ist er nur noch mit der elektronischen Drehorgel (links im Bild) unterwegs.
Mit seinem Großvater Erhard Hochtritt hat der Roßweiner Drehorgelspieler Dirk Baur vor fast 30 Jahren begonnen, das ältere Instrument zu bauen. Mittlerweile ist er nur noch mit der elektronischen Drehorgel (links im Bild) unterwegs. © Thomas Kube

Roßwein. Wenn Dirk Baur am Rad dreht, kommt Musik aus seiner Orgel heraus. Und wenn er dem Äffchen die Hand drückt, fängt es an, zu lachen und zu zappeln. Damit zieht Roßweins einziger Drehorgelspieler bei Festen die Besucher an. Normalerweise.

In letzter Zeit hatte er allerdings kaum Gelegenheit dazu, mit seinem Instrument loszuziehen. Auf einer privaten Geburtstagsfeier spielte er zuletzt im Februar 2020. Dann kam Corona und damit die Kontaktbeschränkungen, die Feste sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich nahezu unmöglich machten.

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Der Garten verwöhnt im Spätsommer mit frischem Obst und Gemüse. Und langsam heißt es auch, sich auf den Herbst und die anstehenden Arbeiten vorzubereiten.

Erst jetzt wird er langsam wieder gebucht, zum Beispiel für den kommenden Sonntag, an dem er im Kloster Buch beim Tag des offenen Denkmals spielt. Und auch für private Feiern bekommt er nun wieder Einladungen.

Dirk Baur bezeichnete sich früher als „Mann ohne Heimat.“ Der gebürtige Bornaer ist 13 Mal umgezogen. Von 1980 bis 1986 hat er in Roßwein gelebt und seit 1992 wieder. „Jetzt bin ich hier angekommen, habe meine Familie, ein Haus und meinen Lebensmittelpunkt“, erzählt der 54-Jährige.

Großvater vererbte das Drehorgel-Gen

Zum Drehorgelspielen kam er mehr oder weniger durch Zufall und seinen Großvater Erhard Hochtritt. „Beim Schul- und Heimatfest 1995 waren Leipziger Leierkastenleute vor Ort. Mein Großvater war damals so begeistert, dass er sagte: So ein Instrument bauen wir auch“, erzählt Dirk Baur.

Gesagt - getan. Die Roßweiner kauften für 4.500 D-Mark einen Bausatz für eine „Schlemmer-Orgel“. „Das war eine Riesenkiste mit über 1000 Teilen“, erinnert sich Dirk Baur. Und dann ging es los. Der Zusammenbau nahm mehrere Jahre in Anspruch. Die Vollendung erlebte der Großvater leider nicht mehr.

„Als mein Opa starb, war die Drehorgel zwar zusammengebaut und gab auch Töne von sich, aber der Unterwagen war noch nicht fertig und gestimmt werden musste sie auch noch“, so Dirk Baur. Um das noch zu erledigen, verging nochmals einige Zeit. Dann löste Dirk Baur zunächst den Wunsch seines Großvaters ein und spielte im Pflegeheim Bertha Börner auf.

„Das mache ich auch heute noch manchmal“, erzählt der Roßweiner. In Nicht-Corona-Zeiten ist er aber auch in ganz Deutschland unterwegs. In Bayern, Thüringen, Brandenburg und natürlich in Sachsen erfreut er die Besucher von Stadtfesten, Erntedankfesten, Weihnachtsmärkten und bei privaten Jubiläen, wie runden Geburtstagen, oder Hochzeiten. Im vergangenen Advent war er schon für einen Auftritt beim lebendigen Adventskalender eingeplant. Doch auch das musste dann kurzfristig abgesagt werden.

Kleidung muss dem Anlass entsprechen

Vor der Corona-Pandemie hatte er manchmal zwei bis drei Auftritte pro Wochenende. „Ich arbeite als Baumaschinist, bin meistens auf Montage“, sagt er. Da bleibt nur das Wochenende für das Hobby. Seine Frau sieht es gelassen, wie Dirk Baur sagt.

Sie unterstützt das Hobby ihres Mannes, näht beispielsweise die dem Anlass entsprechende Kleidung. „Bei Hochzeiten etwa spiele ich in Frack und Zylinder. Bei Stadtfesten mit der Melone“, erzählt er. die gleiche Kopfbedeckung wie sein „Chef“ trägt zumeist auch der kleine Plüschaffe, der auf der neueren und moderneren Orgel sitzt, die Dirk Baur angeschafft hat.

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Mit dieser neuen elektronisch gesteuerte Drehorgel kann der Roßweiner flexibler reagieren und hat viel mehr Titel an Bord, als mit dem alten mechanischen Instrument, die noch ein sogenanntes Lochband hat. „Da sind auf einer Rolle nur vier Lieder drauf“, erklärt Dirk Baur.

Zu seiner Drehorgel-Musik singt Dirk Baur auch, am liebsten Lieder, die die Zuhörer mitsingen können. Von „Sing, mei Sachse, sing“ seien mittlerweile auch die Bayern begeistert. Aber auch russische Folklore, wie „Kalinka“ oder „Kasatschok“, komme immer gut an. „Den Kalinka-Text haben wir ja früher in der Schule gelernt“, sagt Dirk Baur und lacht.

Für Aufsehen sorge auch immer wieder einmal die Heckscheibe seines Autos: DDR ist darauf zu lesen, was aber nichts mit Deutscher Demokratischer Republik zu tun hat. „Es heißt einfach Drehorgel Dirk Roßwein“, klärt Baur auf. Es sei schon vorgekommen, dass Autofahrer ihm hinterhergefahren sind, um die Aufschrift zu entziffern.

Mittlerweile hat der Drehorgelspieler schon so viele Auftritte absolviert, dass er sich nicht mehr an alle erinnern kann. „Meine Frau hatte eine geniale Idee. Irgendwann haben wir angefangen, eine Art Tagebuch zu führen. Darin sind besondere Auftritte in Bild und Text verewigt. Inzwischen sind schon zwei Bücher voll.“

Gänsehaut beim Spielen in der Kirche

Regelmäßig hat der Roßweiner Hobbymusiker an den internationalen Drehorgeltreffen in Leipzig teilgenommen. Beim großen Abschlusskonzert spielen dort viele verschiedene Drehorgeln und die große Orgel der Nikolaikirche gemeinsam. „Das ist eine Wucht und erzeugt Gänsehaut“, sagt er.

Am Sonntag wird er wieder versuchen, in der Klosterkapelle zu spielen. „Darin ist eine hervorragende Akustik.“ Und einen ganz besonderen Wunsch würde er sich gerne selbst erfüllen: „Einmal möchte ich in der Roßweiner Kirche das ,Ave Maria‘ spielen“, sagt er. „Ich könnte mir vorstellen, dass auch dort die Akustik überragend ist.“

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