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EU bremst Littdorfer Hanfanbauer aus

Die Europäische Kommission bewertet einen weiteren Wirkstoff als Betäubungsmittel. Das Aus für den Hanfanbau?

Für die Ernte des Hanfs haben Schönleber und seine Partner herkömmliche Erntemaschinen technisch aufgerüstet. Umsonst war das nicht, auch wenn nun ein Großteil der Ernte nicht wie geplant verarbeitet werden kann.
Für die Ernte des Hanfs haben Schönleber und seine Partner herkömmliche Erntemaschinen technisch aufgerüstet. Umsonst war das nicht, auch wenn nun ein Großteil der Ernte nicht wie geplant verarbeitet werden kann. © Dietmar Thomas/DA-Archiv

Region Döbeln. Er soll unter anderem Schmerzen lindern, Bakterienwachstum verlangsamen, den Blutzuckerspiegel senken sowie das Wachstum von Tumor- und Krebszellen hemmen, der Wirkstoff Cannabidiol (CBD), der in Hanfpflanzen vorkommt. Doch nun droht dem CBD das Aus. Mit Folgen für die Landwirtschaft in der Region Döbeln. Denn der Littdorfer Landwirt Dr. Heinz Friedrich Schönleber hatte auf das CBD im Hanf gesetzt, und musste jetzt seine Pläne auf Eis legen.

Grund für die Umnutzung der Ernte in Richtung Körner- und Strohernte sowie Düngung ist eine Eingabe bei der Kommission der Europäischen Union, sagt Schönleber. Diese habe Anfang Juli festgelegt, dass das in dem Hanf enthaltene CBD einen ähnlichen Status wie das Betäubungsmittel THC habe. „Damit gilt das CBD als Droge“, so Schönleber. Reinhard Hönighaus, Sprecher der Europäischen Kommission in Deutschland, bestätigt das: „Die Europäische Kommission ist vorläufig der Ansicht, dass natürliches CBD als ein Betäubungsmittel betrachtet werden sollte.“

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Entscheidung gegen Ende des Jahres

Es gebe Zweifel daran, ob das natürliche CBD als „Lebensmittel“ zu betrachten sei. „Das Allgemeine Lebensmittelgesetz schließt Stoffe, die als narkotisch oder psychotropisch im Sinne von zwei UN-Konventionen gelten, von der Definition aus“, ergänzt der Sprecher. Diese vorläufige Ansicht gelte nur für natürliches CBD, nicht aber für synthetisch hergestelltes. „Jenes fällt nicht in den Geltungsbereich des Einheitsübereinkommens der Vereinten Nationen, kann daher als ‚Lebensmittel‘ im Sinne des allgemeinen Lebensmittelrechts und als neuartiges Lebensmittel im Sinne der Verordnung über neuartige Lebensmittel eingestuft werden.“

Gegen Ende des Jahres soll es eine Abstimmung zu dem Thema geben, sagt Reinhard Hönighaus. Das Ergebnis sei nicht vorhersehbar. Im Vorfeld der Abstimmung habe die Kommission bei den Herstellern von Hanf-Lebensmittelprodukten um Stellungnahmen zur vorläufigen Entscheidung gebeten. In jener sollen die Hersteller ihre Argumente vorbringen. „Erst danach wird die Kommission eine endgültige Entscheidung treffen“, erklärt der Sprecher. Schon jetzt habe die Kommission mehr als 50 Anträge für die Zulassung von aus Hanf gewonnenen Produkten erhalten, insbesondere in Bezug auf CBD. Bleibt es bei der jetzigen vorläufigen Einstufung, dann dürfen die Produkte in der EU nicht als Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden.

Nur ein Teil der Ernte kann verwendet werden

Doch was bedeutet das für Schönleber? Das CBD, das er eigentlich aus den Blüten der Hanfpflanzen gewinnen wollte, war nicht mehr zu verwerten. Die Pflanzen wurden geerntet, aber zu Stroh verarbeitet oder als Gründung genutzt. Auch die Nüsse konnte er verwenden. Zumindest ein kleiner Trost. „Die Nüsse werden gereinigt und getrocknet. Anschließend können sie gepresst und Öl daraus gewonnen werden“, erklärt der Landwirt. Aber die CBD-haltigen Pflanzen sind laut Schönleber schlechte Nuss-Lieferanten, die Erträge daher gering.

Für ihn war es die dritte Hanfsaison, in die er bei der Aussaat im April gestartet war. Auf rund 250 Hektar Fläche hat er den Nutzhanf ausgesät. In diesem Jahr hatte sich Schönleber auch an neuen Sorten versucht, deren CBD-Gehalt noch höher sein sollte, als bisher. In das Experiment eingebunden waren auch Züchter aus Bayern sowie die Bologna Universität aus Italien.

Zudem hatte Schönleber auf rund 120 Hektar Sorten angebaut, aus denen er Cannabigerol (CBG) gewinnen kann. „Das hat einen deutlich besseren Effekt im Bereich der Krebstherapie und wirkt antioxidativ“, beschreibt Schönleber. Doch auch diese Versuche wurden abgebrochen. „Dank der Eingabe bei der EU. Wir haben auf einer Teilfläche das Stroh geerntet, gepresst und zu Fasern weiterverarbeitet“, so Schönleber. Über die Höhe des finanziellen Verlustes in dieser Angelegenheit will sich der Landwirt nicht äußern.

Ganz auf Eis legen muss er den Hanfanbau aber nicht. Weiter festhalten kann der Landwirt an der Verwendung der Hanffasern für Textilien. Erstmals wird in diesem Jahr der Bast, der den Stängel der Hanfpflanze umhüllt, genutzt. Die Stängel wurden bislang bei der Ernte nur zerkleinert und als Düngung auf den Feldern ausgebracht. Jetzt werden aus diesen verspinnbare Fasern für Stoffe und Fleece zur Isolierung sowie Material für die Verkleidung in der Automobilindustrie gewonnen.

Textile Verwertung geht weiter

„Die Verwertung für Wertstoffe und Textilien läuft weiter“, bekräftigt Schönleber. Hier sei er auch eingebunden in verschiedene Forschungsprojekte. „Da habe ich keine Risiken, was die Vermarktung angeht“, sagt Schönleber. Die Finanzierung der textilen Verwertung der Pflanzen sei gesichert. Im Rahmen der Projekte würden unter anderem auch die Erntemaschinen sowie die Methoden zur Faseraufbereitung weiterentwickelt und patentiert. Die Anstrengungen, die in der Richtung bisher unternommen worden sind, waren nicht umsonst. So sind in der Vergangenheit die Erntemaschinen speziell auf den Hanf angepasst worden. Denn Maschinen vom Band gibt es bisher für diesen noch relativ neuen Bereich der Landwirtschaft nicht.

„Für die Fasergewinnung wird es Versuchsanlagen in Littdorf geben“, sagte Schönleber im April. Die Fasern könnten dann zum Beispiel auch für die Produktion von Socken genutzt werden. Schönleber arbeitet hier mit einem Partner aus Ungarn zusammen. „Es wurden zwischenzeitlich mehrere Maschinen zur Faserverarbeitung angeschafft“, sagt der Landwirt. Genutzt werden können die Hanffasern aber auch für die Produktion von Jeans. In dem Bereich liefen erste Versuche, die ersten Garne seien bereits gesponnen, äußert sich Schönleber zum aktuellen Stand. 

"Hanf ist klimafreundlicher als die Baumwollproduktion“, sagt Schönleber. Während Baumwolle viel Wasser sowie Pflanzenschutzmittel benötige, komme der Hanfanbau fast komplett ohne Pflanzenschutzmittel aus. Gerade jener Aspekt der Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit hat ihn auch zum Hanfanbau bewogen. Die Pflanzen sind vielseitig verwendbar. Nicht nur in der Stoffproduktion. „Angedacht ist, dass wir auch einmal Ziegel oder Dämmstoff aus Hanf produzieren“, sagt der Landwirt. 

Anfang 2020 hat er mit mehreren Partnern eine neue Firma gegründet, die sich auf Hanf spezialisiert hat. Mit im Boot sitzen bei der Farmhus GmbH unter anderem ein Lichtensteiner und ein Kanadier. Die Firma bestehe, trotz der EU-Entscheidung weiter.

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