merken
PLUS Döbeln

"Das Singen hat mir Kraft gegeben"

Claudia Decker ist an Krebs erkrankt. Die Zeit der Behandlung war hart. Dabei hat die junge Frau aber auch Erfahrungen gemacht, die sie nicht missen möchte.

Claudia Decker hat gegen den Krebs gekämpft und dabei viel über sich und andere gelernt.
Claudia Decker hat gegen den Krebs gekämpft und dabei viel über sich und andere gelernt. © privat

Döbeln. Das vergangene Jahr war für die Künstlerin Claudia Decker geprägt von Chemotherapie, Bestrahlung, großen Schmerzen und körperlichen Veränderungen. Ihre Erfahrungen während der Zeit ihrer Krebsbehandlung hat sie in einem Blog festgehalten. Dort hat sie viel Zuspruch erhalten und gleichzeitig anderen Betroffenen Mut gemacht. Mit Sächsische.de sprach Claudia Decker, die viele Döbelner als Darstellerin im „Musical on the Rocks“ und „Der kleine Horrorladen“ auf der Seebühne Kriebstein kennen, über die bisher schwerste Zeit in ihrem Leben.

Frau Decker, was war während der Behandlung besonders schlimm und womit sind Sie besser zurechtgekommen?

Während ich innerlich schon gespürt habe, dass der Grund, weswegen ich zum Arzt gehe, nicht einfach mit einem Schnupfen zu vergleichen ist, war der viel schwierigere Weg, es den Lieben mitzuteilen, als die Diagnose dann schwarz auf weiß feststand. Am schlimmsten war es für mich, es meiner Familie zu sagen. Gerade weil wir diese schwere Diagnose schon einmal bei meiner Mama miterleben mussten und es dort leider nicht gut ausging. Ich hatte Angst, dass in meiner Familie sofort die Ängste übermächtig sind, dass es bei mir ebenso ausgehen wird. Deshalb hatte mir meine Frauenärztin den Rat gegeben, so lange damit zu warten, bis ich genau weiß, wie es weitergehen wird und wie weit der Krebs bei mir fortgeschritten ist, damit ich sofort auf alle Befürchtungen mit Fakten reagieren kann. Das kann die Ängste nicht komplett im Keim ersticken, aber es hilft ein wenig.

Wie haben Sie die Zeit der Behandlung erlebt?

Während der langen Zeit der Behandlung ist man zwar ständig in Arztpraxen, in Krankenhäusern und unter Beobachtung, aber dennoch fühlt man sich ziemlich allein gelassen. Das geht fast allen so, das stelle ich immer wieder im Gespräch mit anderen Krebspatienten fest. Frei nach dem Motto: „Einem Krebskranken geht es nun mal schlecht, das ist normal“, bin ich mehr als einmal mit starken Schwindel aus Krankenhaus und Praxen geschwankt. Oft fühlte ich mich schlecht, weil ich nicht einfach durch die Behandlungen gegangen bin, wie manch andere, sondern jede Nebenwirkung schön brav abgearbeitet habe und oft schien es leider so, als ob man dann eine große Belastung für die Ärzte ist, ja fast schon nervt.

Die Schwestern mussten mich mehr als einmal mit ihrer Empathie auffangen und mir klar machen, dass ich aufgrund meiner aggressiven Tumorart eine der stärksten Chemos bekomme, die es gibt und man da eben nicht einfach durchgeht. Wenn die üblichen Medikamente, die zur Behandlung der Nebenwirkungen verschrieben werden, nicht helfen, dann hat man oft einfach Pech. Hin und wieder habe ich von anderen Krebspatienten mehr Tipps bekommen, als von den Ärzten.

Wie sind Sie mit den körperlichen Veränderungen zurechtgekommen?

Die äußerlichen und innerlichen Veränderungen haben mir zusätzlich schwer zu schaffen gemacht. Viele setzen Krebs und Chemo mit Haare verlieren und Übelkeit in Verbindung, aber da passiert noch so viel mehr – eine komplett vereiterte Kopfhaut, nachdem ich alle Haare verloren hatte, fehlende Wimpern und Augenbrauen, extreme Gewichtsabnahme und dann plötzlich -zunahme durch die Cortisongabe, Veränderung der Hautbeschaffenheit, Verlieren der Nägel, Thrombose, schwere Polyneuropathie und vieles mehr. Jede einzelne Nebenwirkung macht etwas mit dir, macht dich schwächer und schwächer, deprimierter und verändert dich.

Mit mir war ein Großteil der Zeit kein normales Gespräch mehr möglich, der Kopf ist nicht mehr klar, ich habe einen Großteil der fünfmonatigen Chemo nur geschlafen. Man kann sich nicht mehr konzentrieren, ist nach kürzester Zeit völlig überfordert. Das hat für mich Entscheidungen wie Brustamputation oder Chemostärke verringern oder gar ganz absetzen, komplett unmöglich gemacht. Gerade in so einer Zeit muss man solch schwere Entscheidungen treffen.

Die Bestrahlungen habe ich besser vertragen, allerdings begannen kurze Zeit nach Chemo-Ende die schlimmen Gelenk-, Muskel- und Sehnenschmerzen, die eine Chemo meist mit sich bringt, gegen die ich bis heute kämpfe. Und auch da steht man völlig allein da, obwohl diese Schmerzen sehr viele Krebspatienten plagen.

Krebs kann behandelt werden, ja sogar im besten Fall geheilt, aber mit den Neben- und Nachwirkungen steht man eher allein da. Wenn ein Arzt dann sagt, dass man froh sein soll, dass man überlebt hat und man einfach mit den Schmerzen klar kommen muss, dann fragt man sich ab und zu schon, ob der Kampf das wert war.

Mit Ihrem Blog sprechen Sie sicher vielen Betroffenen aus der Seele. Wie wichtig ist der Blog für sie selbst ?

Mein Blog war zunächst nur aus dem Antrieb entstanden, dass ich mir etwas von der Seele schreiben wollte. Ich hab am Anfang nicht damit gerechnet, dass so ein großes Interesse entstehen könnte. Mittlerweile folgen meinen Erzählungen fast 4.000 Menschen. Krebs ist immer noch ein Tabuthema. Keiner will ihn haben, deshalb will man sich möglichst damit nicht beschäftigen. Das Straußenprinzip ist aber nicht immer die beste Wahl.

Brustkrebs ist eine Volkskrankheit, leider. Viele versuchen sogar, es zu verheimlichen, wenn es sie trifft. Jeder soll das tun, was für ihn gut ist. Ich bin von Anfang an offen damit umgegangen und habe auf meinem Blog gesehen, dass vielen nicht klar ist, was mit dieser Diagnose alles einhergeht, welche verschiedenen Brustkrebs- und Therapievarianten es gibt. Erst wenn man selbst betroffen ist, fängt man an zu suchen und verstehen zu wollen. Gerade für diese Menschen ist ein ehrlicher Erfahrungsbericht Gold wert.

Können Sie aus Ihren Erfahrungen heraus anderen Betroffenen Tipps geben?

Mich schreiben sehr viele Betroffene an und stellen Fragen. Manchmal kann ich Mut machen, beruhigen, Tipps geben oder sie darin bestärken die Ärzte weiterhin zu löchern und Rat einzuholen. Ich bin kein Arzt, aber manchmal kann ich Befunde oder Therapien in etwas verständlicheren Worten beschreiben.

"Der Kampf ums Überleben geht über in den Kampf zurück ins Leben"

Mir hat der Zuspruch aller Wegbegleiter meines Blogs Auftrieb gegeben. Manchmal konnte ich mich zu nichts aufraffen außer ein paar Worte auf meinem Blog zu schreiben. Das hieß für mich, verarbeiten und trotz der Schwere der Dinge den Humor nicht zu verlieren.

Ich werde auch weiter schreiben, denn der Weg ist noch nicht zu Ende. Auch wenn die Akuttherapie vorbei ist, gelte ich noch lange nicht als gesund. Der Kampf ums Überleben geht über in den Kampf zurück ins Leben, in ein Leben mit Schmerzen durch die Krebstherapie und mit der Genmutation BRCA1.

Inwiefern wirkt sich die Corona-Pandemie auf Ihre Behandlung aus?

Ich möchte mich an den ganzen Diskussionen überhaupt nicht beteiligen, deshalb hier wirklich nur die Fakten, wie sich das Ganze auswirkt. Ich muss mich mit anderen austauschen, will die Erfahrungen anderer wissen, Menschen in den Arm nehmen und in den Arm genommen werden. Das gehört für mich zur Verarbeitung. Aber natürlich ist das nicht möglich gewesen. Alle Kurse – Rehasport, Selbsthilfe, Schminkkurs, sogar Psychoonkologie – alles ist ausgefallen. Der Austausch beschränkte sich von Anfang an auf Onlinerecherche. Onlinekurse habe ich versucht, aber das war für mich nicht mal ansatzweise das Gleiche und hatte für mich leider kaum bis keinen Nutzen.

Natürlich hab ich meine Lieben, die mir immer versichern, dass ich mit ihnen über alles sprechen kann, aber wenn sich so eine lange Zeit alles um dieses Thema dreht, dann kann man einfach nicht immer und immer wieder darüber reden. Das Leben geht weiter und so soll es auch sein. Dennoch sind der Krebs, die Therapiezeit und auch die anschließende Zeit ein großer Teil von einem selbst, das kann man nicht einfach ablegen. Meine Psychoonkologin hat gesagt, während der Therapie ist der Körper auf Überlebenskampfmodus, da muss die Psyche zurückstecken. Die wahre Verarbeitung beginnt erst nach dieser Zeit. Genau da, wo Familie und Freunden hoffen, dass nun endlich das normale Leben wieder beginnen kann.

Eine Reha ist trotz Corona erfolgt?

In der Anschlussheilbehandlung konnte man auch nur das Beste draus machen. Sport mit Puls von über 170 und schweißnassem Mundschutz ist nicht das Angenehmste und erleichtert das Atmen nicht gerade. Jemand Trauriges nicht mal in den Arm nehmen zu können, das herzliche Lachen nur zu hören und nicht zu sehen, gestresst zu essen, weil es zeitlich streng getaktet ist, all das ist nicht die Reha, die ich mir vorgestellt habe und bringt auch nicht den Effekt, den eine Reha bringen kann. Aber gar keine Reha wäre auch keine Option gewesen.

Ein Corona-Test wurde trotz wöchentlicher Praxis- und Krankenhaustermine nicht ein einziges Mal bei mir durchgeführt. Ich hatte nur Bedenken, dass Therapien, Operation und Anschlussheilbehandlungen nicht stattfinden, was bei mir glücklicherweise nicht der Fall war und was ich auch sehr fahrlässig gefunden hätte. Leider war das bei nicht allen Krebspatienten so.

Und ich hatte große Angst, dass ich meine geliebte Oma nicht mehr sehen kann. Sechs Tage nach meiner letzten Chemo, im ersten Lockdown, musste ich sie dann hergeben, ohne sie noch einmal gesehen zu haben, der schwerste Tag in meiner Therapiezeit.

Das letzte Jahr war für mich eine einzige Quarantäne durch die Auswirkungen der Therapie und meinem schwachen Immunsystem, die bisherigen Bestimmungen kamen da noch on top und die momentanen und folgenden Bestimmungen verlängern mein Quarantäne-Jahr weiter und so auch die Genesungs- und Verarbeitungsphase. Das ist leider Fakt.

Wer hat Sie in der schwierigen Zeit besonders unterstützt?

Allen voran mein Partner und meine Schwester. Gerade in der Chemo-Zeit konnte ich mich kaum selbst versorgen. Ich war nicht fähig Auto zu fahren, einzukaufen und zu kochen, konnte oftmals nicht mal aufstehen. Der Weg ins Bad und zurück zur Couch war schon ein kleiner Marathon. Nur mit Mühe und viel Zuspruch konnte ich ein paar Schritte gehen. Wenn mein Partner nicht so viel aufgegeben (Job, Zeit mit seiner Familie usw.) und nicht seinen Fokus in dieser Zeit auf mich ausgerichtet und mir zu Seite gestanden hätte, dann ist es auch jetzt im nachhinein für mich schwer vorstellbar, wie ich da durchgekommen wäre.

Meine Schwester hat ihre eh schon unfassbar knappe Zeit mit mehreren Jobs so sortiert, dass sie so oft wie möglich die weite Strecke gefahren ist um bei mir zu sein, auch wenn das für sie noch größeren Stress bedeutet hat. Ihre kleinen Überraschungen und Belohnungen für die vielen schweren Behandlungsschritte haben mich immer wieder zum Lachen bringen können.

Ganz wichtig waren auch ein paar Freundinnen, die mich besucht und die niemals das Interesse an mir verloren haben, auch wenn ich schlafend auf der Couch lag und mit mir wenig oder kein Gespräch möglich war.

Und auch der Rest meiner Familie unterstützte mich. Diesen Herzensmenschen bin ich unendlich dankbar, dass sie mich durch diese Zeit getragen haben und es bis jetzt tun.

Aber natürlich hab ich auch ganz viel Herzlichkeit von lieben Menschen aus Fern und Nah gespürt. Meine ehemaligen Schulmädels, die mich ständig angefeuert haben, einige meiner ehemaligen Kunden, die zu Freunden und Unterstützern geworden sind. Aber auch viele fremde Menschen, die mich über meinen Blog begleitet und mir Mut zugesprochen haben.

Spannenderweise waren die, von denen ich am Anfang gedacht habe, dass sie garantiert für mich da sind, am wenigsten oder gar nicht für mich da. Eine Erfahrung, die ganz viele Krebspatienten machen.

Daniel Klöden hat ja für Sie eine Spendenaktion initiiert. Inwiefern hat das geholfen?

Selbständig sein und schwer zu erkranken, das passt einfach nicht zusammen, leider auch in einem Sozialstaat nicht. Wenn man schon vorher nichts beiseitelegen konnte, dann fällt man bei einer schweren Krankheit noch zusätzlich in ein tiefes Loch aus Zukunftsängsten. Durch die Spendenaktion von Daniel aus meiner Schulzeit, konnte ich finanziell etwas entspannter werden und hatte dadurch weniger Sorgen in dieser Richtung und konnte mich viel mehr darauf konzentrieren, auf das es in dieser Zeit ankam, die Behandlungen und die Genesung.

Ich hab so viele Namen gelesen, die mich unterstützt haben, da war ich wirklich von Herzen gerührt und bin bis zum heutigen Tag sehr dankbar.

Nicht umsonst sagt man, Sorgen machen krank, ist man schon krank, machen sie dann auf jeden Fall nicht gesund. Unglaublich, dass so viele Menschen bereit waren, mir da ein paar Sorgen zu nehmen und mir unter die Arme zu greifen.

Schön zu wissen, dass es da draußen viel mehr Menschen mit Herz gibt, als man denkt. Darauf sollte man sich in schweren Zeiten immer besinnen.

Um ehrlich zu sein, wenn meine Krebserkrankung und die Pandemie nicht im selben Jahr gewesen wären, dann wäre die finanzielle Lage noch aussichtsloser. Ich stelle mir oft vor, wie es gewesen wäre, das Jahr vor der Pandemie erkrankt gewesen zu sein, dann wäre das jetzt das zweite Jahr ohne Einnahmen und ob die Lage sich nächstes Jahr entspannen wird, weiß keiner. Die Auswirkungen sehe ich schon jetzt bei der Zahl der Anfragen für Events in diesem Jahr. Da kommt fast gar nichts rein.

Was hat Ihnen Mut gemacht und woran sind Sie vielleicht auch mal verzweifelt?

Es ist wirklich schwer, einem Krebspatienten Mut zu machen. Welche Worte sind die Richtigen? Sätze wie: „Du schaffst das. Du bist stark. Du siehst toll aus“, möchten natürlich Mut vermitteln und sind immer gut gemeint, aber oftmals verfehlen sie ihre Wirkung, weil man es selbst nicht glaubt. Man fühlt sich schwach, ausgelaugt, hässlich. Ich habe so oft gesagt, dass ich eine Mimose bin, weil ich die Therapien so schlecht vertragen habe. Eine Freundin hat mal darauf gesagt: „Weißt du eigentlich, wie schön Mimosen sind?“ Das hat gut getan, ich darf mich also so fühlen, wie ich mich eben fühle, in den Augen der anderen wirke ich dennoch oder gerade deshalb stark.

Äußerlichkeiten erzählen aber meist nichts davon, wie sich ein kranker Mensch wirklich fühlt und wie es ihm geht. Wenn man mich also fragt, wie es mir geht und ohne die Antwort abzuwarten sagt, dass ich aber gut aussehe, hat man mir geraten zu antworten: „Im Gesicht bin ich ja auch nicht krank.“

Manchmal habe ich mich aufs Bett gesetzt und gesungen. In den letzten Jahren konnte ich so viele Menschen mit meiner Stimme auf Hochzeiten, Beerdigungen oder anderen Events berühren und ihr Herz erreichen. Im letzten Jahr hat mich das Singen beruhigt, mir Kraft gegeben und mich für einige Momente Probleme vergessen lassen.

Weiterführende Artikel

Wie Krebs in die Armut führt

Wie Krebs in die Armut führt

Claudia Decker aus Döbeln hat die Diagnose Brustkrebs hart getroffen. Genauso schlimm ist für die Sängerin, dass sie nun von Grundsicherung leben muss.

Und wenn ich die Kraft für einen Spaziergang hatte, hab ich versucht, mich an der Natur zu erfreuen, hab die Blumen angeschaut und Hummeln beobachtet und auch meinen Körper bewundert, wie stark er ist und was er alles aushalten kann, für mich immer wieder ein Zeichen, dass es einen Schöpfer für all das Wunderbare geben muss. Und wenn ich ganz verzweifelt war und nicht schreiben oder reden wollte, dann hab ich einfach die Augen zugemacht. Der Vorteil wenn man gläubig ist, ist der, dass Gott einen auch hören kann, wenn man nicht die Kraft hat, zu sprechen.

Weitere Nachrichten aus der Region lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Döbeln