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Attacken auf die Feuerwehr

Mittelsächsische Brandschützer sehen sich zunehmend Beleidigungen ausgesetzt. Für manche ist das Maß jetzt voll.

Müssen Feuerwehrleute während eines Einsatzes eine Straße sperren, sehen sie sich zunehmend Anfeindungen ausgesetzt.
Müssen Feuerwehrleute während eines Einsatzes eine Straße sperren, sehen sie sich zunehmend Anfeindungen ausgesetzt. © Dietmar Thomas

Heike Hubricht, Maria Fricke und Cathrin Reichelt

Mittelsachsen. Eigentlich ist es ein eher unspektakulärer Einsatz gewesen, zu dem die Freiwillige Feuerwehr Großschirma am 6. Januar gerufen wurde.

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Ein abgebrochener Ast war auf die Straße gefallen, der lädierte Baum musste gefällt werden. Und doch werden die Feuerwehrleute den Einsatz nicht so schnell vergessen. Denn während der 45-minütigen Sperrung der Großschirmaer Straße im Münzbachtal „spielten sich unbegreifliche Dinge ab“. Das berichtet Wehrleiter Paul Kretzschmar.

Der Kamerad der FFW Großschirma, der mit dem Absperren der Straße beauftragt war, habe an dem Abend ein dickes Fell gebraucht. „Grimmige Blicke und genervte Gesten wie Vogel-Zeigen waren noch das Harmloseste“, sagt Kretzschmar.

Hinzugekommen seien Aussprüche wie „Was soll dieses Kaspertheater?“, „Verpisst euch von der Straße“ und „Habt ihr nichts Besseres zu tun, als auf der Straße zu stehen?“. Ein 20-jähriger Großschirmaer aber habe dem Ganzen die Krone aufgesetzt.

„Er kam mit seinem Wagen angeprescht, hupte laut, ließ den Motor aufheulen und machte erst kurz vor dem Kameraden eine Vollbremsung. Wenn der Kamerad nicht zur Seite gesprungen wäre, hätte er ihn vielleicht erfasst“, berichtet Kretzschmar.

Verkehrsrowdy entschuldigt sich

An dieser Stelle war für die Großschirmaer Feuerwehrleute Schluss mit lustig. „Wenn Einsatzkräfte körperlich in Gefahr gebracht werden, ist der Spaß vorbei. Das tolerieren wir nicht“, so Paul Kretzschmar.

Nach kurzer Beratung suchten er und weitere Feuerwehrleute das Gespräch mit dem Vater des jugendlichen Verkehrsrowdys. Dabei stellten sie ein Ultimatum: Entweder der 20-Jährige entschuldigt sich binnen drei Tagen, oder er wird wegen Bedrohung und Gefährdung von Einsatzkräften angezeigt.

Am dritten Tag war das Entschuldigungsschreiben im Briefkasten der Feuerwache. Letztlich verzichteten die Einsatzkräfte auf eine Anzeige. „Wir wollen dem jungen Mann eine Chance geben“, so Kretzschmar. „Aber das nächste Mal folgt sofort eine Anzeige – ohne Vorwarnung.“

Keine Toleranz bei Angriffen

Dieses Vorgehen befürwortet auch Michael Tatz. Er ist der Vorsitzende des Kreisfeuerwehrverbandes, dem mehr als 5.100 aktive Feuerwehrleute und über 1.600 junge Brandschützer in den Jugendfeuerwehren angehören. Tatz spricht sich für einen Null-Toleranz-Kurs bei Angriffen auf Einsatzkräfte aus.

„Wir dürfen keine Luft ranlassen. Schließlich setzen die Kameraden oft Gesundheit und Leben aufs Spiel, um anderen Menschen zu helfen“, sagt er. Zugleich verweist Tatz darauf, dass verbale Attacken auf Feuerwehrleute zunehmen. „Dem müssen wir Einhalt gebieten. So etwas geht gar nicht. Wer Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst oder Technischem Hilfswerk bedroht, greift die Mitte der Gesellschaft an!“

Solch negative Erfahrungen machen auch die Feuerwehrleute der Roßweiner Ortswehr. „Manche interessiert nicht, dass wir vor Ort sind, um zu helfen. Sie sind respektlos, beleidigen und gefährden die Kameraden manchmal auch“, sagt Wehrleiter René Bernhard. Dieses Verhalten habe auch schon die Anzeige bei der Polizei zur Folge habt.

Obwohl eine Straße voll gesperrt war, damit die Feuerwehrleute eine drei Kilometer lange Ölspur beseitigen konnten, habe ein Kraftfahrer die Sperrung ignoriert und sei durchgefahren, ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren. Dabei sei eine Umleitung ausgewiesen gewesen. „Solche Vorfälle häufen sich. Jeder denkt, ihm gehört die Straße“, so Bernhard.

Sperrung dient der Sicherheit der Kameraden

Die Harthaer Kameraden bekämen auch ab und an einen „Dummen Spruch“ zu hören. „Aber nicht so, dass ich es als Belästigung aufgefasst hätte“, meint Wehrleiter Rene Greif. Meistens sei auch die Einsicht bei den Bürgern vorhanden, ohne, dass ein Gespräch in stundenlange Diskussionen ausarte. Auf die würde sich Greif auch nicht einlassen. „Schließlich dienen Straßensperrungen unserer Sicherheit“, sagt er.

Dass Bürger bei Einsätzen der Feuerwehr nicht einsichtig sind, haben die Döbelner Feuerwehrleute ebenfalls schon erlebt. „Aber, wenn man es ihnen erklärt, geben sie in der Regel nach“, so Ortswehrleiter Heiko Hentzschel. Körperliche Angriffe habe es aber noch nicht gegeben. Die Leisniger Wehr habe in dieser Beziehung noch keine Probleme gehabt, sagt Wehrleiter Bernd Starke.

Workshops über Entschärfen von Konflikten

Und trotzdem müssen sich die Kameraden der Feuerwehren für solche Situationen wappnen. Vor diesem Hintergrund hatte sich der Kreisfeuerwehrverband 2020 zu dem Projekt „Gewalt geht gar nicht“ entschieden. Geplant waren Workshops mit den Führungskräften der mittelsächsischen Wehren, um diese auf den Umgang sowie die Entschärfung von Konfliktsituationen vorzubereiten.

Rund 6.000 Euro gab es dafür vom Landkreis, gefördert über den Aktionsplan „Toleranz ist ein Kinderspiel“. Weitere 1.500 Euro musste der Verband dazugeben, um das Projekt zu realisieren. Keine leichte Aufgabe im Jahr 2020 mit all den Einschränkungen aufgrund der Pandemie.

Online- statt Präsenz-Schulung

„Ursprünglich waren mehrere Seminare in den Regionen Döbeln, Freiberg und Mittweida in Präsenzform angedacht. Leider hat uns hier Covid-19 einen Strich durch die Rechnung gemacht. Insofern mussten wir zunächst die technischen Voraussetzungen für Online-Schulungen schaffen“, schildert Michael Tatz.

Hier hatte der Verband zunächst mit den gestiegenen Preisen für die Technik aufgrund der hohen Nachfrage zu hadern. Doch es sei gelungen, die Voraussetzungen für die Online-Schulungen zu schaffen. „Anfang Oktober konnten wir im DBI Freiberg trotz aller Widrigkeiten ein Seminar zum Thema ,Strafrecht im Feuerwehralltag’ in Präsenzform anbieten“, berichtet Tatz. Es sei nach kurzer Zeit ausgebucht gewesen.

Auch Kameraden aus der Region Döbeln hätten sich beteiligt. „Die Resonanz war durchweg positiv“, informierte Michael Tatz. Weitere zwei Seminare seien seitdem im Rahmen des Projektes platziert worden, ebenfalls mit einer hohen Nachfrage im Verband. Doch der Aufwand dahinter sei immens gewesen und habe viel Nerven und Zeit gekostet, so Tatz weiter.

Reaktionsmöglichkeiten gezeigt

Im Zuge des Projektes sei den Führungskräften der Wehren aufgezeigt worden, welche Reaktionsmöglichkeiten sie bei Angriffen haben. Er sieht hier auch die Bürgermeister in der Pflicht. „Da die Feuerwehren in der Trägerschaft der Gemeinde sind, sollten insbesondere die Bürgermeister reagieren und als Dienstherr den Feuerwehrangehörigen den Rücken stärken.“

Das Projekt „Gewalt geht gar nicht“ will der Verband auch in diesem Jahr am Laufen halten. Motto dieses Mal „Respekt statt Gewalt“. „Wir wollen auch in diesem Jahr das Projekt weiter ausbauen und neue Impulse in Form von Seminaren setzen sowie mediale Möglichkeiten nutzen, um stärker auf das ehramtliche Engagement aufmerksam zu machen und Respekt für unsere Arbeit einzufordern“, so Tatz.

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