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Bewegender Abschied von Roßweiner Arzt

Hunderte erweisen Clemens Otto die letzte Ehre. Sein Vermächtnis ist für Familie, Freunde und Patienten bestimmt.

Zwei Wochen nach dem überraschenden Tod haben Familie, Freunde und Wegbegleiter von Clemens Otto Abschied genommen.
Zwei Wochen nach dem überraschenden Tod haben Familie, Freunde und Wegbegleiter von Clemens Otto Abschied genommen. © Dietmar Thomas

Roßwein/Döbeln.  Ein lustiger Mensch sei er gewesen, häufig ein schelmisches Lächeln im Gesicht. So beschreibt Trauerrednerin Katharina Klutz den Döbelner Clemens Otto. Genau so zeigt ihn auch das Foto, das neben seinem Sarg in der Trauerhalle des Döbelner Bestattungshauses Illgen an der Thielestraße steht und ein zweites in einem Zelt auf dem Freigelände. Dort haben sich zur Familie und zum engen Freundeskreis in der Halle noch einmal mehr als 200 Wegbegleiter von Clemens Otto eingefunden. 

Der Anlass ist ein trauriger. Es gilt Abschied zu nehmen, und zwar unvermittelt, wie Katharina Klutz sagt. Der Allgemeinmediziner Clemens Otto ist vor zwei Wochen beim Freizeitsport zusammengebrochen. Für ihn, der so vielen Menschen auf unterschiedliche Art geholfen hat, kam jede Hilfe zu spät. Er ist nur 48 Jahre alt geworden.

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Aufgewachsen ist Otto als Clemens Finkgräf in Fischendorf, in Polkenberg zur Schule gegangen. Nach seinem Studium hat er am Klinikum in Döbeln gearbeitet, bevor er in Roßwein in eine Praxis mit einem Kollegen einstieg. Die wollte er eigentlich gar nicht so schnell selbst führen, doch das Schicksal wollte es so. Im vergangenen Jahr konnte er sich dann einen Traum erfüllen und in der ehemaligen Post in Roßwein eine eigene Praxis eröffnen.

Nichts mit Regenschirmen am Hut

Er sei angekommen und stolz auf das beruflich Erreichte und auf seine kleine Familie. Das ist der Eindruck von Ottos Schwester, die ihrem „Bruderherz“ nach dessen Tod einen Brief schreibt, den Katharina Klutz vorliest. Darin verrät sie, dass beide keine Freunde von Regenschirmen und Mohntorte waren, was dem einen oder anderen dann doch wieder ein kleines Lächeln übers Gesicht huschen lässt.

Dass Otto eine nicht mehr zu füllende Lücke hinterlässt, das bringen neben Schwester Cordelia auch einige seiner engen Freunde zum Ausdruck – in Worten und Musik. Musik, die Otto gern gehört und die ihn auch bewegt hat.

Wie hoch angesehen und geschätzt der 48-Jährige als Mediziner und Chef war, das hat nicht nur die große Trauergemeinde gezeigt. Unmittelbar nach dem plötzlichen Tod Ottos wurden Blumen vor seiner Praxis niedergelegt. Auch am Dienstag noch waren dort mehr Blumen zu finden als bei manchem Floristen. Auf der Gedenkseite des Bestattungshauses haben Besucher symbolisch Kerzen angezündet, nette, tröstende Worte hinterlassen.

Roßweiner füllen drei Kondolenzbücher

Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte der Stadt Roßwein hatten die Einwohner Gelegenheit, sich in ein Kondolenzbuch einzutragen. „Drei Bücher sind es am Ende geworden“, sagt Bürgermeister Veit Lindner (parteilos). Die hat er am Dienstag der Familie übergeben.

Otto hinterlässt eine Frau und einen kleinen Sohn. Beide seien sein größtes Glück gewesen, berichten die Trauerrednerin und auch die Freunde des Mediziners. Er sei liebevoll, ehrlich, zuverlässig, emphatisch und bodenständig gewesen: Einfach ein Mensch, mit dem man gern Zeit verbracht hat.

Weiterhin viele Fragen offen

Alle, die Clemens Otto gekannt haben, hätten wohl gern mehr Zeit mit ihm verbracht, nimmt Katharina Klutz an. Sie beendet die Gedenkstunde mit der Frage: „Was hätte uns Clemens Otto gern noch mit auf den Weg gegeben?“ Wahrscheinlich mindestens zwei Ratschläge: Das Leben jetzt zu genießen, nichts aufzuschieben. Und Corona ernst zu nehmen.

Zu Letzterem wurden auch die Trauergäste angehalten. Es gab Desinfektionsmittel am Eingang des Zeltes und Zettel auf jedem Platz mit der Bitte, die Hygienevorschriften zu beachten. Außerdem nahmen Mitarbeiter Namen und Anschrift der Trauergäste auf.

Die Feier in der Trauerhalle des Bestattungshauses Illgen ist in ein Zelt auf dem Hof übertragen worden. Das bot Platz für mehr als 200 weitere Trauergäste. Die Anteilnahme war riesengroß.
Die Feier in der Trauerhalle des Bestattungshauses Illgen ist in ein Zelt auf dem Hof übertragen worden. Das bot Platz für mehr als 200 weitere Trauergäste. Die Anteilnahme war riesengroß. © Dietmar Thomas
Helga Schnabel ist tief betroffen. Sie war eine von Clemens Ottos Patienten. Indem sie Blumen vor der Praxis abstellt, nimmt sie von ihrem Hausarzt Abschied.
Helga Schnabel ist tief betroffen. Sie war eine von Clemens Ottos Patienten. Indem sie Blumen vor der Praxis abstellt, nimmt sie von ihrem Hausarzt Abschied. © Dietmar Thomas
Die Trauerhalle im Bestattunshaus Illgen an der Döbelner Thielestraße  war ansprechend gestaltet. 
Die Trauerhalle im Bestattunshaus Illgen an der Döbelner Thielestraße  war ansprechend gestaltet.  © Dietmar Thomas
Zum ersten Mal hat im Roßweiner Rathaus ein Kondolenzbuch ausgelegen. Insgesamt drei Bücher sind es am Ende mit Beileidsbekundungen und tröstenden Worten für die Angehörigen von Clemens Otto geworden.
Zum ersten Mal hat im Roßweiner Rathaus ein Kondolenzbuch ausgelegen. Insgesamt drei Bücher sind es am Ende mit Beileidsbekundungen und tröstenden Worten für die Angehörigen von Clemens Otto geworden. © Dietmar Thomas

Nach der Abschiednahme wird Clemens Otto später im Familienkreis beigesetzt. Wie es in seiner Praxis weitergeht, auf diese Frage vieler seiner Patienten hat zumindest die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen nach wie vor keine Antwort. „Sobald neue Informationen vorliegen, werden wir darüber informieren“, teilt Sprecherin Katharina Bachmann-Bux lapidar mit.

Unmittelbar nach dem überraschenden Tod des Roßweiner Arztes hatte die KV empfohlen, sich vorübergehend an andere Mediziner in der Region zu wenden. Und: Bei der Suche nach Spezialisten sei die KV gern behilflich.

Helfen wollen auch gern die Kollegen von Clemens Otto. Allerdings seien einige nur in der Lage, dies übergangsweise oder in besonderen Fällen zu tun, hatte eine kleine Umfrage von Sächsische.de ergeben. Denn einige der Ärzte seien mit ihrem eigenen Patientenstamm schon am Limit oder knapp davor.

Patienten trauern um Arzt ihres Vertrauen

Der Döbelner Allgemeinmediziner hat in seiner Praxis im neuen Roßweiner Gesundheitszentrum in der ehemaligen Post mehr als 2.000 Patienten betreut und sieben Mitarbeiter beschäftigt. An Christoph Schneider, einen jungen Arzt in Weiterbildung, gab er gern seine Erfahrungen weiter. 

Nachdem die Todesnachricht wie ein Lauffeuer die Runde gemacht hatte, lag eine Art Schockstarre über der Stadt. Nach wie vor berichten Roßweiner von derartigen Empfindungen. Sie hätten mit Clemens Otto im wahrsten Wortsinn den Arzt ihres Vertrauens verloren – einen Mediziner, der sich noch Zeit für sie genommen hat, dessen Gedanken auch wirklich bei dem Menschen waren, der vor ihnen saß und der nicht ein volles Wartezimmer im Hinterkopf hatte.

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Fehlen wird der Mediziner auch beim ärztlichen Bereitschaftsdienst. Der wird in Roßwein von Feuerwehrleuten zu den Patienten gebracht, die nach Praxisschluss Hilfe benötigen. Um das abzusichern, hatte Clemens Otto mit Kollegen sogar zusammengelegt und die Kommune beim Kauf eines neuen Feuerwehr-Bereitschaftsfahrzeuges finanziell unterstützt.

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Der Beitrag ist am 29. September um 16.20 Uhr aktualisiert worden.

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