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Immer mehr Städte testen Blühwiesen

Die Innenstädte werden bunter. Viele Kommunen sammeln Erfahrungen mit Pflanzen, die Insekten Nahrung bieten. Die ersten sind nicht nur positiv.

Eine Bienen- und zugleich Augenweide haben die Döbelner Stadtgärtner an der Roßweiner Straße angelegt.
Eine Bienen- und zugleich Augenweide haben die Döbelner Stadtgärtner an der Roßweiner Straße angelegt. © Dietmar Thomas

Region Döbeln. Immer häufiger bleiben Passenten jetzt wieder an der Ecke Muldenstraße/Roßweiner Straße in Döbeln stehen. Dort haben die Stadtgärtner im vergangenen Jahr eine Blühwiese angelegt, die im Moment ein wirklich schönes Fotomotiv bietet: roter Mohn und weiße Margeriten strahlen in der Sonne um die Wette. Die ersten blauen Kornblumen sind auch schon zu sehen: eine Freude fürs Auge.

So ganz zufrieden ist René Kordos, der Chef der Döbelner Stadtgärtner, mit dieser Fläche dennoch nicht. Für seinen Geschmack befindet sich darauf noch zu viel Unkraut.

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Der Boden muss mager sein

Das, so hofft er, sollte im nächsten Jahr von den Blühpflanzen verdrängt werden. Dafür tut er aber auch etwas: im Herbst kalken, damit der pH-Wert des Bodens stimmt.

Eigentlich sei geplant gewesen, in den Klostergärten eine weitere Blühwiese als Nahrungsquelle für Insekten anzulegen. „Das haben wir leider nicht geschafft“, gibt Kordos zu, verspricht aber, dass dieses Projekt nur aufgeschoben und nicht aufgehoben ist.

Dass sich Insekten in Döbeln schon jetzt wohlfühlen, davon ist der Stadtgärtner überzeugt. Bienenfreundlich seien zum Beispiel die Flächen um die Kreisel, die Anlagen vorm Blumen-Abc oder am Lutherplatz angelegt.

Erstmals Bienenweiden in Hartha

Zum ersten Mal haben Hartha und Roßwein Blühwiesen angelegt. „Wir haben uns in der Verwaltung mit dem Thema intensiv beschäftigt und uns vom Landratsamt beraten lassen“, sagt Harthas Bauamtsleiter Ronald Fischer.

Mehrere Flächen seien daraufhin als „Blühwiese für Insekten“ ausgewiesen worden, darunter zwei Wiesenstücke am Garagenkomplex in Hartha-Nord, im Bereich des Friedrich-Engels-Platzes zwischen Garten- und Robert-Schumann-Straße oder hinter der August-Bebel-Straße.

Diese Flächen würden bewusst sich selbst überlassen, von der turnusmäßigen Mahd und Pflege ausgenommen. Lediglich zweimal im Jahr sei auf diesen Blühwiesen noch ein Schnitt vorgesehen. Dabei werde darauf geachtet, dass Blumen und Gräser genug Zeit hatten, auszusamen.

Leisnig ändert die Strategie

Ähnlich ist zunächst Leisnig vorgegangen. Nach Kritik von Anwohnerin Maja Lichtenstein, dass Grünflächen zu häufig gemäht werden, hatten sich Bürgermeister Tobias Goth (CDU) und das Bauhofteam Flächen ausgeschaut, die nicht so oft gemäht werden. Möglich ist das nicht an jedem Standort.

So sollte hohes Grün beispielsweise nicht die Sicht von Kraftfahrern einschränken. „Wir haben allerdings schon in der ersten Saison festgestellt, dass unsere Bauhoftechnik für die Pflege dieser Blühwiesen ungeeignet ist“, sagte der Rathauschef. „Einfach nur wachsen lassen, das war zu blauäugig“, gibt er zu.

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Mittlerweile ist Leisnigs Lindenplatz neu gestaltet und bei der Begrünung des Umfeldes hat Stadtgärtner Steffen Holz darauf geachtet, dass Bienen und andere Insekten von Frühjahr bis Herbst Nahrung finden. Außerdem hat er einen kleinen Blühstreifen entlang des Johannistales angelegt. „Wir stehen der Sache auch weiterhin offen gegenüber“, versichert Bauhofchef Ralf Herrmann. Sogar auf dem Bauhofgelände sei bei der Begrünung auf Büsche und Bäume geachtet worden, die Insekten gern anfliegen.

Ein Lernprozess für die Roßweiner

Herrmann gibt zu bedenken, dass bei größeren Blühwiesen der Pflegeaufwand größer ist. Roßweins Bauhofchefin Monika Weigel sieht das genauso. Gegebenenfalls müssten solche Flächen mit der Sense bearbeitet, das Schnittgut mit der Hand oder mit den Rasentraktor „weggeräumt“ werden.

In Roßwein gibt es eine Insektenwiese jetzt an der Stadtbadstraße am Festgelände. Die hat das Bauhofteam schon im vergangenen Jahr angelegt. Die Tafeln sollen auch verdeutlichen: Nacholbedarf bei der Pflege gibt es da nicht.
In Roßwein gibt es eine Insektenwiese jetzt an der Stadtbadstraße am Festgelände. Die hat das Bauhofteam schon im vergangenen Jahr angelegt. Die Tafeln sollen auch verdeutlichen: Nacholbedarf bei der Pflege gibt es da nicht. © Heike Heisig

Denn: Der Boden müsse mager bleiben beziehungsweise schon von vorherein sein. Das sei zum Beispiel beim Anlegen von Blühstreifen zu beachten. In Roßwein gibt es unter anderem einen an der Stadtbadstraße. Darauf weist ein Schild hin.

Das kommt nicht von ungefähr. Denn Monika Weigel hat sich nicht erst einmal Beschwerden über zu hoch stehendes Gras anhören müssen – was ja bei Blühstreifen so sein muss. „Ich denke, diese Flächen zu akzeptieren, wird ein Lernprozess“, so die Roßweiner Bauhofchefin..

Mit Vier-Punkte-Plan zum Erfolg

Diesen und das Anlegen von Blühstreifen unterstützt das Landratsamt Mittelsachsen. Wie viele Kommunen sich derzeit für Insektenwiesen und Ähnliches öffnen, ist der Behörde aber nicht bekannt, teilt Pressesprecher André Kaiser auf Anfrage mit.

Die Untere Naturschutzbehörde befinde die Initiativen auf jeden Fall für richtig und wichtig. Dazu laufen im Moment verschieden Aktionen. Ein Beispiel dafür sei „Puppenstuben gesucht“ der Sächsischen Landesstiftung für Natur und Umwelt, die unter gewissen Bedingungen auch Saatgut für Insektenwiesen zur Verfügung stellt.

Doch gibt es einen Unterschied zwischen Insekten- und Blühwiesen? „Hinsichtlich der Wirkung nicht“, sagt Kaiser. Ziel sei jeweils, etwas gegen das Insektensterben und für die Artenvielfalt zu tun.

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