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Rückblick: Das Schweigen der Hämmer

Mit dem Aus des Schmiedewerkes in Roßwein geht eine Ära zu Ende. Die Nachricht der Schließung war ein schwarzer Tag für die Stadt.

Die Roßweiner Schmiedewerker haben bis zuletzt um ihre Arbeitsplätze gekämpft, sind dafür sogar mehrfach auf die Straße gegangen. Nun schweigen die Schmiedehämmer.
Die Roßweiner Schmiedewerker haben bis zuletzt um ihre Arbeitsplätze gekämpft, sind dafür sogar mehrfach auf die Straße gegangen. Nun schweigen die Schmiedehämmer. © Lars Halbauer

Roßwein. Genau 158 Jahre ist es an der Goldbornstraße in Roßwein laut zugegangen. Ohne Gehörschutz war es in den Werkhallen von Frauenthal beim Dröhnen der Schmiedehämmer kaum auszuhalten.

Mittlerweile ist das Gegenteil der Fall. Schon seit Tagen sind die Parkplätze vor den Gebäuden nahezu verwaist, und gespenstische Ruhe ist in die verbliebenen Räume des einstigen Schmiedewerkes „Hermann Matern“ eingezogen.

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Nur wenige Nachrichten haben die Roßweiner in diesem Jahr so sehr bewegt wie die, dass das Schmiedewerk schließt. Seit dessen Gründung im Jahr 1862 hatte es heute kaum noch vorstellbare Dimensionen eingenommen.

Historiker Matthias Wolf war für seine Recherchen zur Fortschreibung der Roßweiner Chronik auf Berichte über den „gewaltigen Ausbau“ des Betriebes gestoßen, „faktisch habe sich das Schmiedewerk zu einer Stadt in der Stadt entwickelt“. Das wird er für die Chronik notieren.

Marko Lange gehört zu den Schmiedewerkern, die bei der Frauenthal Powertrain GmbH in Roßwein iPleuelstangen und Ausgleichswellen für Verbrennungsmotoren hergestellt haben
Marko Lange gehört zu den Schmiedewerkern, die bei der Frauenthal Powertrain GmbH in Roßwein iPleuelstangen und Ausgleichswellen für Verbrennungsmotoren hergestellt haben © Dietmar Thomas

Mehr als 1.000 Beschäftigte sollen den historischen Aufzeichnungen zufolge in Hochzeiten in den Werkhallen rechts und links der Goldbornstraße gearbeitet haben. Ein großer Einschnitt kam wie für viele Industriebetriebe mit und nach der Wende.

Zuletzt waren es noch 110 Männer und Frauen, die bei der Frauenthal Powertrain GmbH in Lohn und Brot standen und Pleuelstangen und Ausgleichswellen für Verbrennungsmotoren hergestellt haben.

Für sie ist nach wochenlangen Verhandlungen mit Vertretern von Geschäftsführung, örtlichem Betriebsrat und Gewerkschaftern der IG Metall ein Sozialplan ausgehandelt worden, der laut Willi Eisele für die Beschäftigten „weit mehr rausgeholt hat“, als die Firmenleitung anfangs zu geben bereit war.

Die Entschädigungen, so sagten die Beschäftigten im Vorfeld bei Demonstrationen mehrfach, seien für viele Beschäftigten deshalb wichtig, weil es auch um die Existenz von Familien ging. Daher sei den meisten am liebsten gewesen, wenn sie ihren Arbeitsplatz hätten erhalten können. Dafür gingen die Schmiedewerker mehrfach in Roßwein auf die Straße. Sie demonstrierten vor den Werktoren, und zogen aber auch an einem Sonnabend durch die Stadt.

Ein schwarzer Tag für Roßwein

Dabei zeigten sich doch allerhand Roßweiner mit den von Arbeitslosigkeit bedrohten Frauenthal-Beschäftigten solidarisch. Dazu gehörten auch Kommunal- und Landespolitiker. Bürgermeister Veit Lindner (parteilos) war dabei, als die Schmiedewerker von ihrer Geschäftsleitung die Nachricht der Schließung zum 31. Dezember 2020 überbracht bekamen. Darauf reagierte Lindner genau wie die Arbeiter selbst niedergeschlagen: „Ein schwarzer Tag für Roßwein.“

Das neue Jahr wird zumindest für einige der bisherigen Schmiedewerker mit der Hoffnung auf einen neuen Job verbunden sein. Die IG Metall beispielsweise hat Kontakte zu Firmen der Branche vermittelt, die Leute suchen.

„Vorstellungen in den von uns genannten Betrieben sind allerdings erst im Januar 2021 vorgesehen“, so Willi Eisele. Er könne demnach noch nicht sagen, ob und wie viele ehemalige Frauenthal-Mitarbeiter inzwischen anderweitig Arbeit gefunden haben.

Fast 160 Jahre lang wurde an der Goldbornstraße geschmiedet. Mit der Werksschließung ist auch einer der letzten, ehemals großen Industriebetriebe aus der Stadt verschwunden.
Fast 160 Jahre lang wurde an der Goldbornstraße geschmiedet. Mit der Werksschließung ist auch einer der letzten, ehemals großen Industriebetriebe aus der Stadt verschwunden. © Dietmar Thomas

Unterstützung gab es auch von Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). Er hat eine Österreich-Reise genutzt und sich mit dem Vorstand der Frauenthal-Holding zu einem Gespräch verabredet. Inzwischen ist klar, dass sein Werben, den sächsischen Standort zu erhalten, nichts gebracht hat.

Dabei waren mit der Übernahme des damaligen Mahle-Werkes durch Frauenthal im April 2017 einige Hoffnungen verbunden. Hans-Joachim Porst, langjähriger Betriebsratschef in Roßwein, erinnert sich noch genau an die Worte von Martin Sailer von der Frauenthal Holding.

„Wir werden aus euch ein zielorientiertes Unternehmen formen, was an die Weltspitze kommt. Dazu werden wir einen eigenen Bearbeiter unserer Produkte etablieren. Wir werden ganz vorn mitmischen“, zitiert Porst aus der Antrittsrede Sailers.

Die letzten Jahre kein Fördergeld für Roßwein

„Abgesehen von einigen Investitionen in die Schmiedeanlagen, damit weiter produziert werden konnte, war eine strategische Führung und Planung nie zu erkennen“, schätzt der Betriebsratschef ein. Enttäuscht sagt er zum Schluss: „Was der Vorbesitzer nicht geschafft hat, eine Schmiede mit mehr als 100-jähriger Tradition zu Fall zu bringen, hat Frauenthal in nicht einmal vier Jahren geschafft.

“Eine Wirtschaftsförderung für den Standort Roßwein hat seit 2010 weder Mahle noch später Frauenthal in Anspruch genommen. Das geht aus Duligs Antworten auf eine Anfrage der mittelsächsischen Landtagsabgeordneten Marika Tändler-Walenta (Die Linke) hervor.

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