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Die tragische Liebe von Ilse und Erich

Rainer Martick hat seinen Vater erst aus Briefen kennengelernt, die dieser an die Mutter geschrieben hat. Für die beiden gab es kein Happy End.

Von Jens Hoyer
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Die Bilder von Ilse und Erich Martick sind auf der Titelseite des Buches zu sehen, das der Sohn Rainer Martick mit ihren Briefen herausgegegeben hat. Sie erzählen die eine Liebesgeschichte in Zeiten des Krieges, die tragisch endete.
Die Bilder von Ilse und Erich Martick sind auf der Titelseite des Buches zu sehen, das der Sohn Rainer Martick mit ihren Briefen herausgegegeben hat. Sie erzählen die eine Liebesgeschichte in Zeiten des Krieges, die tragisch endete. © Jens Hoyer

Döbeln. Von seinem Vater Erich hat Rainer Martick nur ein sehr schwaches Bild. „Ich erinnere mich, dass wir mal an der Talsperre in Kriebstein waren“, erzählt er. Viel mehr Erinnerungen sind ihm nicht geblieben. Ein sehr viel schärferes Bild vermitteln ihm die etwa 100 Briefe, die seine Mutter Ilse in einem Schuhkarton aufgehoben hat. Die meisten stammen aus dem Krieg. Einige auch aus der Zeit danach. „Ich habe damit als Kind gespielt und die Briefmarken abgelöst“, erzählt Rainer Martick.

Gelesen hat er sie erst, als er in Rente war. Denn die Briefe sind in der altertümlichen Sütterlin-Schrift geschrieben. „Ich habe einen Kurs in der Volkshochschule belegt, um sie lesen zu können. Ich habe meinen Vater über diese Briefe kennen- und vieles verstehen gelernt.“

Sohn bringt Buch mit den Briefen heraus

Rainer Martick hat ein Buch mit der Korrespondenz seiner Eltern herausgebracht. „Es ist meine Familiengeschichte. Aber in erster Linie ist es Zeitgeschichte. Die Briefe machen klar, welcher Situation junge Menschen im Krieg ausgesetzt waren“, sagt Martick.

Die beiden hatten sich wahrscheinlich bei einem Schlachtfest in Wöllsdorf kennengelernt. Ilse lebt auf dem Hof ihrer Eltern. Er stammt aus Döbeln und ist Friseur. „Er war mit seinem Beruf sehr unzufrieden“, sagt der Sohn.

Die Liebe der beiden entwickelt sich praktisch nur durch das Schreiben von Briefen. Gesehen haben sie sich in der Kriegszeit selten. Geheiratet haben sie dann 1943. Drei Kinder wurden nach dem Krieg geboren, Rainer Martick ist der älteste Sohn. Die Geschichte der beiden endet 1952 tragisch.

Gute Ratschläge per Post

Erich hat praktisch den ganzen Krieg mitgemacht. 1939 Polenfeldzug, später Frankreich, dann der Balkan, Griechenland. Schließlich ab 1941 Russland. Die ersten Briefe stammen von 1940. Ilse war damals 15, Erich 23 Jahre alt. Ein ziemlich großer Altersunterschied, den Erich manchmal herauskehrt.

In manchen Briefen nennt er sie „Ilsekind“ und gibt Ratschläge. Erich ist ein eifriger Schreiber langer Briefe in gestochenem Schreibstil, der auch gern einmal moralisiert, etwa wenn er sie auffordert, sich ihre „körperliche und sittliche Reinheit zu erhalten“ – wobei wohl mitschwingt, dass sie andere Männer kennenlernen könnte.

Die Briefe erzählen einiges vom Leben, das die Menschen damals führen. Strümpfe sind im Krieg „in der Heimat“ Mangelware. Erich ist im Januar 1941 in Rumänien und kann dort welche ergattern. Ein Paket darf er nicht schicken. „Also schicke ich sie dir einzeln. In diesem Brief einen Strumpf“, schreibt er ihr.

Briefe aus dem Lazarett

Briefe von Ilse an Erich sind sehr viel seltener in der Sammlung. Im Juli 1941 schreibt sie ihm von einer Zugfahrt nach Oschatz, von einem Kinobesuch und dem Sammeln von Heidelbeeren. „Wir haben zu zweien 11 Pfund gepflückt“.

Erich ist in dieser Zeit in Russland und schreibt von schweren Kämpfen. „Ich werde schon noch in die Heimat kommen und auch mit gesunden Gliedern. Aber manchmal ist es eigenartig, wenn man am Grab eines Kameraden steht.“ Und er schreibt ihr, dass er stolz ist, als Soldat „für Deutschland, für unsere herrliche Heimat, zu kämpfen.“

Im September 1941 wird er an der Hand verwundet. Er schreibt ihr aus dem Lazarett in Zwickau und aus Tschechien. Er schreibt von Saufgelagen bis in den Morgen und dass er in St. Pölten 250 Reichsmark in zwölf Tagen auf den Kopf gehauen hat. „Ja Ilse, als Entschuldigung, dafür ist Krieg.“ Im Januar 1942 ist er wieder zurück in Russland. Er schreibt von Gefechten mit den Russen und wie diese mangelhaft ausgerüstet ins feindliche Feuer rennen. „40 Mann waren bewaffnet, 80 hatten Knüppel in der Hand.“

In Russland 40 Grad unter Null

Er schreibt von 35 bis 40 Grad unter Null, den schönen kalten Morgen und russischen Soldaten, die in Minenfeldern in die Luft fliegen. „Ja, so ist er nun einmal, der Krieg, mit allen Mitteln wird der Kampf ausgefochten, ob sie fair sind oder nicht, spielt keine Rolle.“1942 arbeitet Ilse in einem Kindergarten der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ in Ziegra. Dass sie bei der Organisation angestellt ist, wird ihr einige Jahre später schaden.

Erich wird im Juni 1943 verwundet, als er in einem Unterstand verschüttet wird. „Eigentlich ist das eine Gemeinheit von den Russen, wollten mich begraben, obwohl ich gar nicht tot gewesen bin“, schreibt er sarkastisch. Er sollte sich von den Verletzungen nicht richtig erholen. Er sei danach nicht mehr frontverwendungsfähig gewesen und habe den Rest des Krieges in Schreibstuben verbracht, erzählt der Sohn.

1943 in Technitz geheiratet

Am 3. Oktober 1943 haben Ilse und Erich in Technitz geheiratet. Ilse ist da gerade 18 Jahre alt. Die Beziehung der beiden basiert fast nur auf Briefen. „Meine Eltern haben sich von 1940 bis 1943 nur viermal gesehen“, erzählt der Sohn.

Für den Vater geht der Krieg in Belgrad zu Ende. „Er ist sofort aus der Gefangenschaft entlassen worden.“ In Döbeln geht Erich nicht in seinen alten Beruf als Friseur zurück. „Durch einen Onkel hat er eine Stelle im Arbeitsamt bekommen. Er hat sich schnell hochgearbeitet“, sagt Rainer Martick. Im Amt sei er für Angelegenheiten der Sowjetischen Militäradministration und für das Beschaffen von Arbeitskräften für den Uranabbau verantwortlich gewesen. „Das war eine schwierige Arbeit. Diese Mitarbeiter waren nicht sehr beliebt bei den Leuten.“

Erich war in die SPD eingetreten, die später mit der KPD zur SED wurde. „Er hat dann ein Parteiverfahren bekommen. Er sollte eine Gruppe der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft gründen und hat das abgelehnt. Daraufhin ist er von seinem Posten abgelöst worden.“

Rätselhafter Weg

Erich geht dann einen rätselhaften Weg. Er wird Geschäftsführer der „Himmelsstürmer“, einer Hochseilgruppe aus Döbeln. „Die sind durch Ostdeutschland gereist“, erzählt der Sohn. 1950 dann der Bruch. Der Vater geht in den Westen und verlässt damit seine Familie – Ilse hatte da schon das dritte Kind bekommen. Zu sich geholt hat er die Familie nie.

Erich arbeitet in einer Hütte am Hochofen. „Vom ersten Geld hat er Pakete geschickt. Ich habe noch ein Spielzeugauto, da spielen jetzt meine Enkel damit“, erzählt Rainer Martick. Die Familie kann die Unterstützung gebrauchen. Die Mutter hat keine Arbeit. „Sie hatte als Kindergärtnerin Berufsverbot“, sagt der Sohn. „Wir haben mit wenig Geld leben müssen.“ Die Briefe von Ilse an Erich in dieser Zeit sprechen von der Not. Die Kinder sind krank. Bei 120 Mark Fürsorge im Monat für die vierköpfige Familie reicht das Geld kaum fürs Essen.

Im Westen kommt es zur Katastrophe

Erich kann im Westen keinen Fuß fassen. Er bekommt keine Aufenthaltsgenehmigung in der britischen und französischen Besatzungszone. Sein Sohn erzählt, dass er in Mühlheim unter der Brücke geschlafen und manchmal nicht einmal die zehn Pfennige für eine Briefmarke hatte. Monatelang meldet er sich nicht.

Am 21. Dezember 1952 schreibt er einen letzten Brief. Er wolle seiner Familie nicht noch mehr Unglück bringen, steht darin. Zwei Tage später wirft er sich vor einen Zug.

Der Mann, den Rainer Martick später „Vati“ nennt, kommt 1954 zur Familie. Ein Freund des Vaters kehrt aus einem russischen Straflager zurück. „Unser Wissen, unsere Erziehung haben wir von ihm. Meine Erinnerungen an meinen richtigen Vater sind schnell verblasst.“