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„Die Feuerwehr ist kein Hausmeisterservice“

Döbelns Feuerwehr ist 2021 schon 105 Mal ausgerückt. Das zehrt an den Kräften. Wehrleiter Steffen Janasek und sein Stellvertreter Ingo Geidelt erklären warum.

Oft müssen die Feuerwehrleute ausrücken, um kleinere Äste wegzuräumen. Das könnten andere Dienstleiter übernehmen.
Oft müssen die Feuerwehrleute ausrücken, um kleinere Äste wegzuräumen. Das könnten andere Dienstleiter übernehmen. © Archiv/André Braun

Döbeln. Viermal sind die Döbelner Feuerwehrleute in der vergangenen Woche an einem Tag zum Einsatz gerufen worden, 105 Mal schon seit Beginn des Jahres. Das spüren auch die Kameraden. Trotz dessen, dass die Döbelner Wehr gut aufgestellt ist, gibt es Probleme bei der Tagesbereitschaft.

Feuerwehrleiter Steffen Janasek und sein Stellvertreter Ingo Geidelt, erklären im Interview mit Sächsische.de, welche Probleme es derzeit gibt und welche Möglichkeiten zur Verbesserung die beiden Chefs sehen.

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Feuerwehr Döbeln: "Die Personaldecke am Tag ist dünn"

Herr Janasek, Sie haben schon zur Wahl als Gemeindewehrleiter darauf hingewiesen, dass es bei der Tagesbereitschaft personelle Probleme gibt. Die letzten Einsätze haben das ebenfalls gezeigt. Wie wirkt sich das aus?

Wir waren in diesem Jahr bisher 105 Mal im Einsatz. Das ist schon eine beträchtliche Zahl und kaum noch händelbar. An manchen Tagen wurden wir viermal alarmiert. Dabei ist unsere Personalstärke gerade jetzt in der Urlaubszeit reduziert.

Andere Kameraden arbeiten auswärts und stehen uns nur nach der Arbeit und an den Wochenenden zu Verfügung. Deshalb müssen wir manchmal warten, bis eine entsprechende Anzahl von Kameraden da ist, um überhaupt losfahren zu können. Außerdem müssen bei einem Wohnungsbrand, eines Pkw oder eines Gabelstaplers unbedingt die Atemschutzgeräteträger dabei sein.

Zurzeit verschaffen wir uns in allen Ortswehren einen Überblick, wer uns als Atemschutzgeräteträger zur Verfügung steht und ob auch die Untersuchung durch den Arzt noch gültig ist.

Welche Möglichkeiten sehen Sie und Ihr Stellvertreter, um diese Situation zu verbessern?

Wir müssen Konzepte finden, wie wir unsere Stärke trotz des demografischen Wandels behalten können und auch am Tag einsatzbereit sind. Einen Baustein davon setzten wir jetzt schon um. Das heißt, dass Feuerwehrleute, die aus anderen Orten kommen, aber hier in Döbelner Unternehmen arbeiten, uns unterstützen. Das geht aber nicht mal einfach so.

Die auswärtigen Kameraden müssen teilweise an unserer Ausbildung teilnehmen, damit beim Einsatz alle mit einer Sprache sprechen und jeder Handgriff sitzt.

Wenn wir von Tageseinsatzbereitschaft reden, dann ist damit die Zeit von 7 bis 17 Uhr gemeint. In diesem Zeitraum sind auch die Ortswehren ins Alarmierungssystem eingebunden, um alles auf breiten Schultern zu verteilen. Doch auch da ist die Personaldecke am Tag dünn.

Im März mussten die Döbelner Feuerwehrleute zu einem Feuer an der Ziegelstraße ausrücken.
Im März mussten die Döbelner Feuerwehrleute zu einem Feuer an der Ziegelstraße ausrücken. © Archiv/Erik-Holm Langhof

Herr Geidelt, würde es Ihnen helfen, wenn jeder Mitarbeiter der Stadtverwaltung verpflichtet würde, bei der Feuerwehr mitzuarbeiten?

Nein. Es bringt nichts, wenn jemand zum Ehrenamt verpflichtet wird. Die Kameraden müssen mit Herzblut dabei sein. Wir hoffen, dass wir immer wieder Leute finden, die uns bei unserer ehrenamtlichen Arbeit unterstützen wollen.

Wir haben interessante Technik zu bieten. Nicht zu unterschätzen ist die Gemeinschaft. Leute, die nach Döbeln ziehen, könnten so schnell Anschluss finden. Wir sind auch an Quereinsteigern interessiert.

Wer bei uns mitmachen will, wird mit offenen Armen empfangen. Wir bedanken uns bei allen, die unsere ehrenamtliche Arbeit unterstützen, vor allem bei unseren Familien, die sehr viel Verständnis aufbringen müssen, und bei den Betrieben, die die Kameraden für Einsätze freistellen.

"Es muss bewusst sein, dass die Feuerwehr ehrenamtlich arbeitet"

Gibt es noch andere Möglichkeiten, um die Feuerwehr zu entlasten?

Ja. Wir sind gern im Einsatz, wenn es darum geht Leben und Gut zu schützen, oder wenn Gefahr in Verzug ist. Aber wir sind kein Hausmeisterservice. Manchmal kommen wir uns allerdings so vor. Wir werden zum Beispiel gerufen, wenn zehn Zentimeter Wasser im Keller stehen.

Wenn dann der Vermieter oder dessen Hausmeister nicht erreichbar sind, wird die Feuerwehr alarmiert. Der Diensthabende in Chemnitz kann die Lage nicht einschätzen und alarmiert die Feuerwehr. Mit dem Kopf schütteln können wir auch nur, wenn wir zum Beräumen eines 70 Zentimeter langen Astes, der auf der Straße liegt, gerufen werden. Es wäre schön, wenn der Autofahrer, der ihn bemerkt hat, dann selbst mal anpackt.

Auch zu Unfällen, wie hier am Holländerweg, müssen die Feuerwehrleute ausrücken.
Auch zu Unfällen, wie hier am Holländerweg, müssen die Feuerwehrleute ausrücken. © Archiv/Erik-Holm Langhof

Es muss jedem bewusst sein, dass die Feuerwehr ehrenamtlich arbeitet. Wenn wir alarmiert werden, müssen wir unsere Arbeit stehen und liegen lassen, verpassen den Kindergeburtstag oder andere Dinge. Ärgerlich ist es, wenn es dann um Nichtigkeiten geht.

Oder gar der eine Nachbar den anderen anzinken will. Er sieht, dass es sich um ein Feuer handelt, das unter Beobachtung steht, meldet aber eine starke Rauchentwicklung mit Explosionsgeräuschen. Dann müssen wir, die vielleicht auch gern einen schönen Abend am Grill verbracht hätten, ausrücken.

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Das ist nicht notwendig. So verschleißen wir unser Personal. Es wäre auch schön, wenn Hausbesitzer selbst Vorsorge tragen und zum Beispiel Pumpen oder ein Notstromaggregat vorhalten.

Die Kameraden säubern auch die Straßen nach Schlammlawinen oder sägen Äste ab, die nach Starkniederschlägen abzustürzen drohen. Ist das eigentlich ihre Aufgabe?

Wenn Gefahr für Leib und Leben besteht, ja. Aber oft ist es so, dass schon ein vorausschauendes Fällen der Bäume oder Absägen der Äste gar nicht erst zu dieser Situation führen würde.

Hier sind die Grundstückseigentümer, aber auch die Stadt gefragt entsprechende Vorsorge walten zu lassen. Ziel ist es, dass das Beräumen der Straßen vom Schlamm oder anderen Dingen, bei denen gewisse Technik benötigt wird, vom Bauhof übernommen werden soll.

Ausbildungsstau wegen Corona-Pandemie

Welche Folgen hat die Corona-Pandemie bei der Feuerwehr verursacht?

Zunächst sind wir alle wieder froh, Dienste machen zu können. Das war sehr lange nicht möglich. Deshalb gibt es einen Ausbildungsstau, auch bei den überörtlichen Lehrgängen. Die gibt es nun schon eineinhalb Jahre nicht.

Diese Zeit ist uns verloren gegangen. Unsere jungen Leute wollen aber loslegen, sie sind motiviert. Darüber sind wir sehr froh. Nun werden wir und auch der Landkreis Mittelsachsen alles daran setzen, um diesen Ausbildungsstau zu beheben.

Das betrifft auch den jährlichen Test auf der Atemschutzstrecke. Die konnten wir ein Jahr lang nicht nutzen. Sie ist aber eine Voraussetzung, um diese Funktion zu übernehmen.

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