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Döbelner Ärztin rettet Roßweiner Praxis

Die Internistin Grit Hennicke übernimmt ab 1. April das Team und die Patienten von Clemens Otto. Die Erleichterung ist groß.

Seit 2003 arbeitet Diplom-Medizinerin Grit Hennicke im Dialysezentrum in Döbeln. Ab 1. April übernimmt sie die Praxis von Clemens Otto in Roßwein als „Praxis Alte Post.“
Seit 2003 arbeitet Diplom-Medizinerin Grit Hennicke im Dialysezentrum in Döbeln. Ab 1. April übernimmt sie die Praxis von Clemens Otto in Roßwein als „Praxis Alte Post.“ © Dietmar Thomas

Roßwein/Döbeln. Grit Hennicke spricht gern in Bildern. Auch, wenn es um ihre neue Herausforderung geht: „Ich springe sozusagen auf ein fahrendes Schiff.“ Dass sie die Kapitänin ist, das wird ihr im nächsten Moment auch bewusst. Angst macht ihr das mitnichten: „Ich weiß einen super Ersten Offizier und eine tolle Mannschaft an meiner Seite.“

Mit Letzterem ist das Team der Hausarztpraxis von Clemens Otto gemeint. Der Allgemeinmediziner ist im vergangenen September überraschend gestorben. Seitdem hält das Team mit Christoph Schneider, einem jungen Arzt in Ausbildung, den Praxisbetrieb am Laufen.

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Für eine Übergangszeit übernahmen Dr. med. Brigitte Knüpfer und Dr. med. Franziska Seiß das „Ruder“. Beide wollen Grit Hennicke auch in Zukunft noch mit Rat und – wenn es nötig ist – mit Tat zur Seite stehen.

Weiter Haus- und Besuche im Pflegeheim

Am Kurs des Schiffes will die Döbelner Internistin nichts ändern. „Ich wünsche mir sehr, dass sich die Patienten weiterhin so wohl fühlen wie bisher“, sagt sie. Beibehalten werden sollen auch die Hausbesuche bei jenen, die nicht mehr in die Praxis kommen können, und die Betreuung von Patienten im Pflegeheim. Was noch dazukommt, will Grit Hennicke mit ihrem neuen Team besprechen.

Auf jeden Fall will sie Videosprechstunden anbieten. „Die moderne Technik macht‘s möglich. Das sollten wir auch nutzen“, findet sie. Bisher hat sie sich mit Patienten mitunter telefonisch verabredet, sie auf diesem Weg beraten.

Die Allgemeinarztpraxis von Clemens Otto zu übernehmen, darauf ist Grit Hennicke von ihrer Kollegin Franziska Seiß direkt angesprochen worden. Die beiden hätten einen langen Spaziergang gemacht.

"Eigentlich wollten wir etwas gemeinsam machen"

Später hat sich die Medizinerin die Praxis angeschaut, schon mal auf Probe mitgearbeitet, hospitiert. Das erste Kennenlernen habe sie als überaus positiv empfunden, sie habe sich gut auf- und angenommen gefühlt.

Zu wissen, dass es passen könnte und wahrscheinlich wird, sei ihr wichtig gewesen. Immerhin übernimmt sie zum Monatswechsel die Verantwortung für das Praxisteam, geht aus einer Festanstellung in die Selbstständigkeit und damit ein unternehmerisches Risiko ein. Das sei nicht unbedingt die Regel. „Mit fast 55 Jahren schaut man zumindest ab und an schon mal in Richtung Ruhestand“, sagt sie.

Dass es bei ihr anders ist, darauf freut sich Grit Hennicke. Sie sieht die Übernahme der Praxis als eine berufliche Herausforderung und eine Chance, sich weiterzuentwickeln. Letzteres hätte sie gern mit Clemens Otto gemeinsam getan. Die beiden haben sich geschätzt und gemocht.

Menschen, die hierbleiben, ordentlich versorgen

„Wir waren sehr gute Kollegen und wollten eigentlich immer etwas gemeinsam machen“, erzählt Grit Hennicke. Nun werde sie versuchen, ein Stück seiner Arbeit fortzusetzen. In seinem Sinne wolle sie sich zum Beispiel der Ausbildung des Medizinernachwuchses annehmen.

Die Verbundenheit zu Clemens Otto und die neue Herausforderung waren aber nur zwei der Gründe, weshalb sich die Medizinerin bereiterklärt hat, eine Hausarztpraxis zu übernehmen. Sie findet es traurig, dass die kleinen Städte schrumpfen: „Da müssen doch wenigstens die Menschen, die hierbleiben, ordentlich versorgt werden.“

Schließung der Praxis zum 1. April stand im Raum

Diese Versorgung stand jetzt auf der Kippe. Hätte sich kein Nachfolger für die Hausarztpraxis gefunden, wäre sie zum 1. April geschlossen worden, hätten sich die Patienten erneut einen Arzt ihres Vertrauens suchen, sich an neue Räume und Abläufe gewöhnen müssen.

„Dass es nicht so ist, ist auch der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen zu verdanken, die die Übergangsregelung mitgetragen hat, und Christoph Schneider, der seine Zeit in Roßwein noch bis Mitte des Jahres verlängert hat“, sagt Grit Hennicke.

An diesem Freitag hatte die Praxis Otto das letzte Mal geöffnet. Nächste Woche werden keine Patienten betreut, dafür Computer- und andere System umgestellt und auch ein neues Schild „Praxis Alte Post“ an der Tür und am Haus angebracht.

Die Praxis des im vergangenen September verstorbenen Allgemeinmediziner Clemens Otto heißt in Zukunft "Praxis Alte Post". Die neuen Räume dort hatte sich Otto bewusst ausgesucht und mit viel Liebe zum Details und Herzblut eingerichtet.
Die Praxis des im vergangenen September verstorbenen Allgemeinmediziner Clemens Otto heißt in Zukunft "Praxis Alte Post". Die neuen Räume dort hatte sich Otto bewusst ausgesucht und mit viel Liebe zum Details und Herzblut eingerichtet. © André Braun/Döbelner Anzeiger

Am 6. April beginnt die Sprechstunde zur bekannten Zeit. Auf die Arbeit als Hausärztin freut sich Grit Hennicke schon. Nicht zuletzt, weil sie wahrscheinlich mehrere Generationen einer Familie betreuen darf – und, weil sie ihren Beruf liebt, dankbar ist, dass sie ihn lernen konnte.

„Ich wollte schon immer Ärztin werden, Kinderärztin“, erzählt sie. Dazu ist es dann nicht gekommen, weil die Zeit ihrer Ausbildung in die Zeit nach der Wende fiel und damals viele Kinderärzte aus Kliniken in Niederlassungen gedrängt worden sind.

Als Internistin fühlt sie sich genauso angekommen wie in ihrer Wahlheimat. 1998 ist sie, weil ein Notarzt gebraucht wurde, nach Döbeln gekommen. Vorher hat sie in Potsdam an der Havel gelebt. Von der Nähe zum Wasser stammt wahrscheinlich auch ihr Faible für maritime Bilder. Die Muldeninsel und die Menschen, die gefallen ihr: „Wir haben hier alles, was es auch in der Großstadt gibt – außer Lärm.“

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