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Döbelner Gastwirte: Wir sind am Limit

Manchen plagen bereits Existenzängste. Die Ungewissheit, wie es weitergeht, ist groß. Die Gäste sind verunsichert.

Sie bereiten im Landhotel Sonnenhof Ossig Essen für die Außer-Hauslieferung vor: Restaurantleiterin Anke Förster und der stellvertretende Küchenchef Michael Haseloff.
Sie bereiten im Landhotel Sonnenhof Ossig Essen für die Außer-Hauslieferung vor: Restaurantleiterin Anke Förster und der stellvertretende Küchenchef Michael Haseloff. © Dietmar Thomas

Region Döbeln. Sachsens Ministerpräsident hat dem bereits geschwundenen Optimismus der Gastronomen einen weiteren Dämpfer versetzt. Michael Kretschmer (CDU) kündigte an, dass die Gaststätten voraussichtlich erst nach Ostern wieder öffnen dürfen.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) spricht von einer Hinhaltetaktik und kritisiert das Vorgehen scharf. „Unverständlich und inakzeptabel sind die Äußerungen zur Öffnung sieben Wochen im Voraus, ohne Not“, sagt Axel Hüpkes, Präsident des Dehoga Sachsen.

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Was sagen die Gastwirte in der Region zu den sächsischen Plänen?

„Ich gebe gar nichts auf solche Aussagen“, meint Markus Weinert vom Sonnenhof Ossig. „Wir brauchen einen verbindlichen Tag, damit wir uns auf eine Öffnung vorbereiten können.“ Der Sonnenhof habe eine Betriebsgröße, bei der etwa ein Jahr Vorplanung nötig sei. Das betreffe vor allem Veranstaltungen wie die Hochzeitsmesse, den Fasching und die Dinner-Shows, für die auch Künstler gebucht werden müssen. Zudem sei eine gewisse Gästezahl nötig. „Tanzveranstaltungen mit 50 Leuten rechnen sich nicht“, so Weinert.

Auch die Gäste seien verunsichert. „Es rufen fast täglich Hochzeitspaare und Menschen an, die bei uns ihren Geburtstag feiern wollen. Und wir können keine Auskunft geben, ob das möglich ist“, sagt der Sonnenhof-Chef. „Die Ungewissheit macht alles kaputt.“

Als den größten Hohn bezeichnet Lars Lemke vom Döbelner Bürgergarten Kretschmers Nach-Ostern-Ansage. „Die Zahlen gehen immer weiter nach unten und es passiert einfach nichts“, meint er.

Abwarten ist die Devise der Gaststätte „Zur Wartburg“ in Choren. „Wir lassen das auf uns zukommen“, sagt Ina Klug. „Wir haben nichts gekonnt, wenn wir zu zeitig öffnen und dann im September wieder zuschließen müssen“, meint sie. Natürlich mache auch sie sich Gedanken, denn sie wolle gerne wieder richtig arbeiten. Aber man könne nichts erzwingen.

Für viele fast ein Todesurteil

„Wir sind alle am Limit. Das Öffnen erst nach Ostern ist für viele fast ein Todesurteil“, beschreibt Thomas Albert von Albis Petrol Corner Part 2 in Waldheim die Situation. „Man verliert langsam die Lust.“ Am 1. November habe er den letzten Gast bedient. Und wie es nach fast sechs Monaten nach Ostern weitergeht, wisse niemand.

Albert rechnet weiter mit Einschränkungen: keine Familienfeiern, große Abstände, an einem Tisch nur Personen aus einem Haushalt. „Vielleicht gehen wir daran kaputt“, sagt er resigniert. Sein Bestellbuch sei voll gewesen. Familienfeiern, die er vom vergangenen auf dieses Frühjahr umgebucht hat, müsse er nun erneut verschieben.

Adelbert Jentzsch hatte im Gasthof „Zur Post“ auch das Ostergeschäft im Blick und hofft, dass das nun außer Haus genauso funktioniert „Die Familien wollen ja in diesen Tagen auch mal zusammensitzen“, meint er. Er halte sich an alle Regeln, aber dass er erst in einigen Wochen wieder öffnen darf, findet er nicht in Ordnung.

Zweifel hat er auch daran, dass sowohl die Künstler als auch die Gäste wieder zu den Veranstaltungen kommen werden, die immer gut gelaufen seien. „Aber wir sind mit Herzblut Gastronomen und wollen noch ein bisschen am Ball bleiben“, sagt er.

Wie wird der Abholservice von den Kunden angenommen?

Der Sonnenhof Ossig hatte während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 komplett geschlossen. „Diesmal ist es eine halbe Schließung“, so Markus Weinert. „Der Hotelbetrieb läuft ganz gut.“ Zehn bis zwölf Zimmer seien stets mit Geschäftsreisenden belegt. Außerdem profitiere das Landhotel von der Schießhalle, die jetzt an fünf Tagen in der Woche von der Landespolizei genutzt werde. „Der Vertrag läuft über vier Jahre. Das ist eine sichere Bank“, meint Weinert. Und das „[email protected]“ habe sich grandios entwickelt. In den Außer-Haus-Verkauf habe das Team sehr viel Energie gesteckt und zum Beispiel 40.000 Flyer selbst in die Briefkästen der Region verteilt.

Weinert ist begeistert von seiner Mannschaft, die zum Beispiel vorübergehend ins Hotel eingezogen ist und die Nächte durchgearbeitet habe, um die Love-Boxen für den Valentinstag zu packen. Die Kunden würden diesen Aktionismus mittragen und hätten das besondere Angebot „gigantisch“ angenommen. Weitere würden folgen, denn so Weinert: „Unternehmer heißt, etwas zu unternehmen.“

>>>Über die Ausbreitung des Coronavirus und über die Folgen in der Region Döbeln berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.<<<

Der Döbelner Bürgergarten hat seine Kunden ebenfalls mit einem Sonderangebot zum Valentinstag begeistert: Mit einem Drei-Gänge-Menü – nicht in der Assiette, sondern mit Geschirr geliefert – Blumen, wein und Schokolade. Etwas niveauvoller sollte es an diesem Tag sein. Für den Frauentag, an dem sonst eine Party im Bürgergarten stattfand, ist die nächste Aktion geplant. „Wir wollen den Frauen Zuhause eine Freude bereiten“, so Lars Lemke.

Seine Euphorie klingt jedoch sehr gedämpft. „Wir bieten das Abholen der Speisen an, um nicht ganz von der Bildfläche zu verschwinden“, sagt er. Der Umsatz reiche gerade, um die laufenden Kosten zu decken. „Um die Kredite bei der Bank zu bedienen, bleibt nichts übrig.“

Stammgäste halten zur Stange

Im Gasthof „Zur Wartburg“ in Choren laufe das Außer-Haus-Geschäft mal besser und mal schlechter. Liefern sei den Gastwirten nicht möglich. „Aber die Stammgäste stehen hinter uns und kommen auch in dieser Zeit“, sagt Ina Klug.

Albis Petrol Corner Part 2 hat nur freitags bis sonntags ein Außer-Haus-Angebot. „In der Woche lohnt es sich nicht“, sagt Thomas Albert. An den drei Tagen kämen nicht nur die Stammgäste, sondern Leute aus dem ganzen Altkreis Döbeln und Nossen nach Waldheim. „Aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein und macht etwa 25 Prozent eines normalen Monatsumsatzes aus“, meint Albert.

Relativ zufrieden äußert sich Adelbert Jentzsch vom Gasthof „Zur Post“. „Wir sind nur zu zweit und liefern deshalb nicht. Aber das Abholen von Mittwoch bis Sonntag funktioniere ganz gut. Vor allem die älteren Gäste hielten weiter zur Stange.

Hilft den Gastronomen die verlängerte Senkung der Mehrwertsteuer

Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen von 19 auf sieben Prozent soll bis Ende 2022 verlängert werden. Das bringe der Gastronomie schon einen Vorteil, schließlich würde sie zwölf Prozent sparen, meint Sonnenhof-Chef Markus Weinert. Allerdings müsse das im Verhältnis gesehen werden.

Es sei ein Unterschied, ob der Gastwirt zwei oder 30 Angestellte hat. Aber jeder müsse Vorschüsse zahlen. Von den Novemberhilfen hätten die Betriebe nur Abschläge erhalten. Viele hätten aber bereits zweieinhalb Monate fast keine Umsätze bei knapp 100 Prozent Kosten und keiner Hilfe. „Es ist krass, dass man so im Stich gelassen wird“, sagt Weinert.

Auch Lars Lemke betrachtet die gesunkene Mehrwertsteuer mit gemischten Gefühlen. Zum einen helfe die Senkung zu wirtschaften. Aber Freudensprünge würde er deshalb nicht machen. Denn gleichzeitig seien von den Hilfen nur Abschläge gezahlt worden, von denen man ein Unternehmen nicht halten könne.

„Wir reden seit November und nun haben wir noch einmal mehr als sechs Wochen vor uns. Da hat man schon mal Existenzängste. Denn keiner weiß, wie es nach Ostern weitergeht,“ so Lemke.

Kündigung ausgeschlossen

Als optimal bezeichnet Ina Klug von der Chorener Wartburg die Steuersenkung. In der reinen Speisegaststätte würden sich sieben statt 19 Prozent schon bemerkbar machen. Ähnlich sieht das Adelbert Jentzsch von der Zschaitzer Post.

So richtig zum Tragen komme dies aber erst, wenn die Gaststätten wieder öffnen können, meint Thomas Albert, Inhaber von Albis Petrol Corner in Waldheim. Wie alle anderen, hat er nur Abschläge von den beantragten Hilfen erhalten.

Seine beiden Angestellten sind in Kurzarbeit. Um sie zu unterstützen, zahle er ihnen aus der eigenen Tasche monatlich eine Coronahilfe. „Eine Kündigung kommt nicht infrage“, so Albert.

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