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Einmal durch die Welt der Opfer

Das Mittelsächsische Theater nimmt das Publikum mit auf eine Zeitreise.

Im Mittelsächsische Theater ist Reisen derzeit nahezu uneingeschränkt erlaubt, und zwar bei einer Zeitreise durch die Welt der Oper.
Im Mittelsächsische Theater ist Reisen derzeit nahezu uneingeschränkt erlaubt, und zwar bei einer Zeitreise durch die Welt der Oper. © Theater

Von Dagmar Doms-Berger

Das Wort Reisen ist in dieser Zeit, in der dies nur eingeschränkt möglich ist, zu einem Reizwort geworden. Da passt es hervorragend, dass das Mittelsächsische Theater zu einer Reise einlädt – durch die Welt der Oper. Alles, was es dazu braucht, ist Fantasie, Offenheit und natürlich etwas Zeit. Von Claudio Monteverdi bis Giacomo Puccini, von Vincenzo Bellini bis Richard Strauss und Andrew Lloyd Webber. 

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Von einer Reise, so sagt man, kehrt man mit anderen Augen zurück. Voraussetzung ist natürlich, dass man sich öffnet und treiben lässt, vielleicht auch mal die Komfortzone verlässt und die Begegnung mit dem Fremden sucht. Nur so kann es dann zu einer Erweiterung des eigenen Horizontes kommen oder wie Goethe es sagte, „[d]ie beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“

Am Freitag hatte die Operngala Premiere im Theater Döbeln. In nur knapp 90 Minuten reisten Sänger und Instrumentalisten durch die Opernwelt und präsentierten dem Publikum Ausschnitte aus 400 Jahre Operngeschichte. Zwar haftet Opern das Klischee an, dass sie nur etwas für alte Leute seien. Die Operngala ist es nicht. Die Zeitreise ist kurzweilig, lässt keinen Zwischenblick auf die Uhr zu, ist einnehmend und animiert, sich das ein oder andere Werk als Gesamtfassung zuzumuten. Die musikalische Leitung hatte Jörg Pitschmann. Für die Szenerie waren Intendant Ralf-Peter Schulze und Judica Semler verantwortlich.

Es ging zu den schönsten Ecken der Welt, mit mehreren Stopps in Deutschland, Spanien, Österreich, Norwegen, es ging in den fernen Osten nach China und nach Amerika.

Die musikalische Reise startet auf der Wartburg, Anfang des 13. Jahrhunderts. Elisabeth wartet sehnsüchtig auf ihren „Tannhäuser“ (Richard Wagner), der am Sängertreffen teilnehmen will. Die Arie „Dich teure Halle grüß ich wieder“ singt Leonora Weiß-del Rio. Es gibt einen Zwischenstopp in Fernost im märchenhaften China bei der eiskalten Prinzessin „Turandot“ (die letzte Oper von Giacomo Puccini), die jeden Freier köpft, der ihre Rätsel nicht lösen kann. Die bekannte Tenor-Arie des Kalaf „Nessun dorma“ wird gesungen von Frank Unger, begleitet vom Opernchor und dem Chorsolisten Sang Tea Lee. Die beiden Geschwister Hänsel und Gretel (Humperdinck) laden zu einer Verschnaufpause ein mit ihrem Abendsegen „Abends, wenn ich schlafen geh“. Einen Abstecher in den Norden gelingt mit dem zeitgenössischen und faszinierenden Werk „Aurora Borealis“ (wissenschaftlich für Nordlichter) von Henning Sommerro mit dem Opernchor und Anja Bachmann am Saxophon.

Die Opernreise ist auch eine Wiederbegegnung mit „alten Bekannten“ und gibt einen Rückblick auf vergangene Erfolgsproduktionen. Mit dabei ist die „Krönung der Poppea“ von Claudio Monteverdi, am Freitag mit dem hinreißenden Schlussduett der Sopranistin Lindsay Funchal und Mezzosopranistin Dimitra Kalaitzi-Tilikidou und die Oper „I Capuleti e i Montecchi“ von Vincenzo Bellini, mit dem Rezitativ und der Romanze von Julia, ebenfalls gesungen von Lindsay Funchal. Kombiniert wird dies mit Neuem, mit hier noch nie gespielten Werken wie Wagners „Rheingold“.

Das Thema „Zeit“ ist das verbindende Element der Opern und der Begleittexte. Da ist Elisabeth, die auf ihren Tannhäuser wartet, oder Norma Desmond (Sunset Boulevard), der Stummfilmstar, der in tiefer Melancholie auf ihre guten Zeiten blickt (Arie „Nur ein Blick“, gesungen von Susanne Engelhard) oder die Marschallin aus dem Rosenkavalier, der klar wird, dass sie altert und dass sie die Zeit nicht aufhalten kann: „Da geht er hin, der aufgeblasene schlechte Kerl“.

Die Bühnenausstattung setzt die Thematik puristisch auf einfache Weise um: im Hintergrund befindet sich eine überdimensionale Uhr mit beweglichem Zeiger. Die Opern werden mit Texten begleitet, die auf den jeweiligen Ausschnitt einstimmen, die Moderation hatte Andreas Kuznick. Auf den Bariton Elias Han und die Arie des Gerard aus „Andrea Chénier“ sowie Verdis Don Carlo musste das Publikum krankheitsbedingt verzichten. Stattdessen gab Sergio Raonic Lukovic (großartig) mit dem Rezitativ und der Kavatine des Figaro aus Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“.

Für das Programm waren alle Sänger des Musiktheaters vertreten sowie der Opernchor und ausgewählte Instrumentalisten. Sie alle leisteten Großartiges. Das Orchester in den engen Orchestergraben zu platzieren verbietet das Hygienekonzept. Die beiden Pianisten Niki Liogka und Hui Won Lee begleiteten sämtliche Werke an den Flügeln und zeigten, dass es möglich ist, große Emotionen auszudrücken. Die ausgeklügelte Personenregie, die die Sänger auf Abstand zu halten hatte, machte es für die Sänger nicht leicht und bleibt gewöhnungsbedürftig. Der Opernchor „fädelte“ sich bei den betreffenden Stücken fast lautlos auf den beiden Seitenrängen ein. Der Abstand zueinander gestaltet es dem Chor schwer, aufeinander zu hören.

Dem Publikum hat dieser Abend gefallen. Für die Vorstellung gab es kräftigen Applaus, wenngleich die Lautstärke zart ausfiel. Mit rund 70 Besuchern gilt das Haus nach den gegenwärtigen Abstandsbedingungen als nahezu „ausgebucht“. Drängt sich einem noch der Ausspruch auf, dass „der Applaus des Künstlers Brot“ ist, wird das „Menü“ wohl eine Weile noch karger ausfallen müssen.

Veranstaltungstipp: Die nächste Opern-Zeitreise startet am 30. Oktober, Theater Döbeln.

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