merken
PLUS Döbeln

„Ich habe damals nie über die Lager gesprochen"

Der 91-jährige Thomas Geve hat Auschwitz und Buchenwald überlebt. Mittlerweile ist er ein gefragter Zeitzeuge.

Thomas Geve ist mehrmals nach Europa gereist, um Jugendlichen zu erzählen, was er in den Lagern erlebt hat. Das Bild zeigt ihn mit Schülern 2015.
Thomas Geve ist mehrmals nach Europa gereist, um Jugendlichen zu erzählen, was er in den Lagern erlebt hat. Das Bild zeigt ihn mit Schülern 2015. © privat

Mittelsachsen. Thomas Geve gehörte zu den „Buchenwald-Kindern“, die im Rahmen der Schweizer Hilfsaktion für ein paar Monate in einem Kinderheim in der Schweiz aufgenommen wurden.

Noch 1945, also relativ rasch nach Kriegsende, konnte er zu seinem Vater, der 1939 nach England emigriert war, reisen. Geve ging 1950 nach Israel. 1995 reiste er das erste Mal seit dem Krieg nach Berlin, in die Stadt, in der er aufgewachsen war.

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Erst Jahrzehnte später konnte er damit beginnen, als Zeitzeuge über das Erlebte zu sprechen. Er hat es sich seitdem zur Lebensaufgabe gemacht. Denn was der damals 13-, 14-Jährige und Millionen weitere Kinder wie Erwachsene durchmachen musste, soll sich nicht wiederholen. Die Jugend davor zu bewahren, sie zu sensibilisieren, das liegt Geve am Herzen.

Sächsische.de hatte die Möglichkeit, dem inzwischen 91-jährigen Thomas Geve Fragen zu stellen. François Maher Presley, der Namensgeber der gleichnamigen Stiftung für Kunst und Kultur, die unter anderem in Waldheim sehr aktiv ist, hat die Fragen übersetzt.

Mr. Geve, viele Holocaust-Überlebende haben die Erfahrung gemacht, dass ihnen kaum geglaubt wurde, was sie erzählten, weil es so ungeheuerlich war, so unvorstellbar. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Seit 1956 verwende ich ein Pseudonym für meine Aufzeichnungen. Ich habe damals nie mit Leuten über die Lager gesprochen.

Wann haben Sie Ihren Kindern das erste Mal vom Holocaust erzählt? Wissen Sie noch, wie sie darauf reagiert haben?

Ich berichtete meinen Kindern über meine Erlebnisse, als diese 13 Jahre alt waren. Ohnehin erfuhren sie in der Schule sehr viel über den Holocaust.

Sie wurden 1943 gemeinsam mit Ihrer Mutter nach Auschwitz deportiert. Ihre Mutter sahen Sie dort nur noch ein einziges Mal für einen kurzen Moment, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal ist. Haben Sie jemals Rachegedanken gegenüber den Deutschen gehegt?

Die meisten der Gefangenen, die mir halfen, die 22 Monate in den Lagern zu überleben, waren Deutsche.

Können Sie sich noch an den besonderen Tag im April erinnern, als das Konzentrationslager Buchenwald von den amerikanischen Soldaten befreit wurde?

Am 11. April 1945 erschienen die amerikanischen Panzer, und im Lager selbst befreiten uns bewaffnete Gegangene. All das wird in meinem Buch erläutert, in den Ausgaben von 1958, 1981, 1987, 1993 und nun in 2021.

Wissen Sie um die rechtsradikalen und neonazistischen Tendenzen einschließlich antisemitischer Denkweisen in Deutschland? Was sagen Sie denen? Was entgegnen Sie den Holocaustleugnern?

Das alles ist sehr weit weg von mir. Es ist, als würde man sagen, die Erde ist flach.

Sie kamen als Jugendlicher ins Konzentrationslager. Der Tod war allgegenwärtig. Wie gelang es Ihnen, die Hoffnung nicht zu verlieren?

Wir haben immer auf eine bessere Zukunft gehofft. Je länger wir in den Lagern überlebten, desto mehr hatten wir das Gefühl, einmal auch die Befreiung zu erleben.

Haben Sie sich damals jemals die Frage gestellt, warum ausgerechnet die Juden?

Es wird oft vergessen, doch wird es in vielen Büchern dokumentiert. Hitler wollte die Hilfe anderer Europäer haben, um ab 1939 schwarze Kriegsgefangene, ab 1933 Kommunisten, ab 1934 Homosexuelle, ab 1941 asiatische Kriegsgefangene, Zigeuner und Juden zu töten.

Weiterführende Artikel

22 Monate Todesangst

22 Monate Todesangst

In der vergangenen Woche haben Menschen überall auf der Welt der Opfer des Holocaust gedacht. Einer der überlebt hat, ist Thomas Geve, inzwischen 91.

Nach dem Krieg haben Sie Ihren Vater wiedergefunden. Gab es noch weitere Familienmitglieder, die den Holocaust überlebt haben?

Wir waren eine kleine Familie. Niemand sonst überlebte.

Vielen Dank für die Zeit und Kraft, die Sie sich genommen haben.

Das Gespräch führte: Dagmar Doms-Berger

Mehr lokale Nachrichten aus Döbeln und Mittelsachsen lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Döbeln