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In Leisnig blüht Kaiser Wilhelm

Die wohl schönste Zeit in Streuobstwiesen ist jetzt. Um diese Wiesen dreht sich das Engagement einer Klosterbucher Familie und eines Vereins.

Auf fast sechs Hektar Fläche bewirtschaftet eine Klosterbucher Familie alte Obstbäume. Die eigene Streuobstwiese am Rande Klosterbuchs öffnet sie ab Freitag für etwa einen Monat für Besucher.
Auf fast sechs Hektar Fläche bewirtschaftet eine Klosterbucher Familie alte Obstbäume. Die eigene Streuobstwiese am Rande Klosterbuchs öffnet sie ab Freitag für etwa einen Monat für Besucher. © Dietmar Thomas

Leisnig/Region Döbeln. Naturliebhabern, die in diesen Tagen draußen sein können, geht das Herz auf. Die Baumblüte hat begonnen. Durch einst offene Plantagen zu spazieren, ist vielerorts nicht mehr möglich, da die Obstbauern diese zum Schutz etwa vor Wildverbiss eingezäunt haben. Doch solche Zäune gibt es um Streuobstwiesen eher selten. Und zumindest am Rande von Klosterbuch steht die Einfriedung um eine Wiese weit offen – die der Familie Pohl.

„Die Apfelblüte ist jetzt am Anfang“, sagt Elsbeth Pohl-Roux. Ab Freitag lädt sie Interessierte zu einem Spaziergang über ihre private Streuobstwiese ein. Ab Freitag deshalb, weil dann europaweit der erste Tag der Streuobstwiesen begangen wird.

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Aus diesem Anlass initiiert der Verein Hochstamm aus Baden-Württemberg einen Streuobstwiesentag. An dem wiederum beteiligen sich Jürgen (66) und Elsbeth (65) Pohl, weil sie seit kurzem zu den ersten Mitgliedern des Vereins in Sachsen gehören. Davon erhoffen sich die beiden Klosterbucher einen regen Erfahrungsaustausch, was die Gesunderhaltung von alten Obstbäumen, die Pflege von Streuobstwiesen und den fachgerechten Schnitt der alten Bäume betrifft.

Altes Wissen bewahren

Zu Letzterem hat sich Elsbeth Pohl-Roux bislang stets Fachleute eingeladen. Doch perspektivisch soll das ein wenig anders laufen. Sie hofft, dass sie einige junge Leute begeistern kann, sich im Baumschnitt unterweisen zu lassen.

Eine solche Wissensvermittlung wäre auch auf anderen Gebieten nützlich – bei der Sortenbestimmung. Zu diesem Zweck hat Pomologe Klaus Schwartz aus Löbau die Pohls im vergangenen Jahr in Klosterbuch besucht. Dabei hat der Experte auch gleich eine Rarität entdeckt: einen Altländer Pfannkuchenapfelbaum. „Diese Sorte steht in unserer Region auf der Roten Liste der gefährdeten einheimischen Nutzpflanzen“, so Elsbeth Pohl.

Aber auch andere schöne alte Apfelbäume und -sorten wie Kaiser Wilhelm, Goldparmäne, Geheimrat Dr. Oldenburg, Schöner aus Nordhausen oder der Herbstapfel Erwin Baur, benannt nach einem bekannten deutschen Botaniker und Züchter, wachsen auf der Pohlschen Streuobstwiese. Die erstreckt sich auf einer Fläche von 1,8 Hektar auf den ehemaligen Weinbergen der Bucher Mönche.

Auch neue Bäume sollen in die Erde

Statt neuer Reben haben die Betreiber der Landwirtschaftsschule, die nach Mönchszeiten einen Teil der Klosteranlagen bewirtschaftet haben, Obstbäume angepflanzt. „Einige der jetzt noch hier stehenden Bäume sind mehr als 100 Jahre alt“, sagt Elsbeth Pohl.

In diesem Jahr soll es mit der Bestimmung von Kirschbäumen weitergehen. Sollte sich dabei wieder ein Kandidat von der Roten Liste finden, wollen die Pohls Reißer pfropfen und für den Erhalt der Sorte sorgen. Dafür genügt es prinzipiell, wenn es noch einen Baum einer Sorte – irgendwo auf der Welt – gibt.

Andernfalls ist auch so geplant, mindestens 40 neue Obstbäume zu pflanzen. Vorstellen könnte sich Elsbeth Pohl, Baumpflanzaktionen mit Geburtstagsfeiern zu verbinden. Familien sollen auf dem im Entstehen begriffenen Schulbauernhof, auf dem auch vom Aussterben bedrohte Geflügel- und Schafrasen auf einem Archehof leben, einmal Kindergeburtstage feiern können. Aber das ist im Moment noch ein wenig Zukunftsmusik.

Schon zur Blüte an die Ernte denken

Auch, weil der Schulbauernhof frühestens im nächsten Frühjahr öffnet, wenn die Natur erwacht. Deshalb werden in diesem Jahr noch einmal Helfer gesucht, die beim Lesen der Äpfel auf den Streuobstwiesen mit anpacken. Das betrifft dann nicht nur die Pohlsche Wiese, sondern auch noch die etwa vier Hektar großen Streuobstwiesen, die die Familie von Sachsenforst gepachtet hat und nun die nächsten Jahre bewirtschaften wird.

Das Lesen und Verarbeiten der Äpfel soll später einmal in die Projektarbeit mit den Schulen eingebunden werden. In diesem Herbst können Natur- und Obstfans mithelfen, die Hälfte der gesammelten Früchte dürfen sie behalten, die andere Hälfte wollen die Pohl in einer kleinen Mosterei bei Grimma zu sortenreinem Saft pressen lassen.

Ab Freitag liegt am Eingang der Streuobstwiese auch eine Art Chronik aus. Dort sind einige Details zum Obstanbau auf den früheren Weinbergen festgehalten. Außerdem wird es eine Liste geben. In die können sich diejenigen eintragen, die beim Äpfelsammeln im Herbst dabeisein wollen.

Freitag: Streuobstwiesentag auf dem Grundstück der Familie Pohl in Klosterbuch (nach dem Alten Forsthaus Richtung Altenhof der Ausschilderung Schulbauernhof folgen). Etwa einen Monat soll ein Besichtigen der Wiese möglich sein.

Der Verein Hochstamm

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Wer denkt, dass es sich nur um ein paar alte Bäume handelt, der irrt gewaltig. Deshalb werden die Flächen als Biotope geschützt. Aber es werden immer weniger.

  • Der Verein wird nach eigenen Angaben von 480 Privatpersonen und 80 Institutionen unterstützt.
  • Er bringt Unterstützer von verschiedenen Projekten zusammen.
  • Grundlage ist eine Analyse, wie es um die Streuobstwiesen in Deutschland steht.
  • Die UNESCO hat die Streuobstwiese im März 2021 auf die deutsche Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Dafür hatte sich der Verein Hochstamm im Vorfeld eingesetzt und verdeutlichet, wie abwechslungsreich und wichtig die Streuobstkultur in Deutschland ist.

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