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Döbeln

Leisnig: Zwei Ausstellungen gegen das Vergessen

Im Rathaus wird Besuchern vor Augen führen, wozu Hass und Rassenwahn vor rund 80 Jahren geführt haben. Das ist derzeit wichtiger denn je, finden Leisniger.

Die Schautafeln über Olbricht und andere Widerständler ergänzen die gerade im Rathaus aufgebaute Wanderausstellung „Gegen das Vergessen“ der Presley-Stiftung.
Die Schautafeln über Olbricht und andere Widerständler ergänzen die gerade im Rathaus aufgebaute Wanderausstellung „Gegen das Vergessen“ der Presley-Stiftung. © Heike Heisig

Leisnig. Wer heute Kinder hat, will sie beschützen. Er kann sich nicht vorstellen, sie den Gefahren eines Krieges auszusetzen. Im Zweiten Weltkrieg blieb manchen Eltern keine Wahl. Thomas Greve ist dem Holocaust entkommen und lebt heute in Israel. Er ist 13 Jahre alt, als er im Juni 1943 im Konzentrationslager (KZ) Auschwitz ankommt und völlig Fremde bei der Selektion entscheiden, ob er leben darf oder sterben muss.

Was er damals als Kind unter tausenden Häftlingen verschiedener Nationen durchmachen musste, hat der Jugendliche gezeichnet: Die „Kinderbilder“ zeigen die Selektion, wie Häftlinge die ihnen zugeteilte Nummer tätowiert bekommen und die Mordkammer, wie der junge Greve sie damals bezeichnet.

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Alles Dinge, die kein Kind, kein Mensch überhaupt sehen und schon gar nicht miterleben sollte. Dass die François Maher Presley Stiftung für Kunst und Kultur diese Zeichnungen mit einigen Fotos aus Konzentrationslagern trotzdem öffentlich macht, hat einen Grund. Die Stiftungsmitglieder treten damit gegen das Vergessen an. So ist die Wanderausstellung überschrieben.

Statt wegschauen sich selbst hinterfragen

Seit dieser Woche ist sie in Leisniger Rathaus zu sehen. „Nicht, damit sich die Mitarbeiter etwas anschauen können“, sagt Bürgermeister Tobias Goth (CDU). Auch die Stadt Leisnig halte mit verschiedenen Aktionen Erinnerungen wach: An Gräueltaten, aber auch daran, was Widerstand zu leisten vermag.

Eine Facette dessen zeigt die Lebensgeschichte des gebürtigen Leisnigers Friedrich Olbricht. Nach einer bürgerlichen Erziehung schlug er eine militärische Laufbahn ein, war kein Unbedeutender unter Hitlers Gefolgsleuten.

1938 kommt er mit Widerständlern in Kontakt und schlägt sich sozusagen auf deren Seite. Er beteiligt sich 1944 an der Operation Walküre, einem Plan zum Sturz des nationalsozialistischen Regimes. Weil der und das Attentat auf den Diktator misslingen, wird Olbricht hingerichtet.

Diese Zeichnungen stellen Szenen aus dem Alltag im KZ Auschwitz dar. Thomas Greve, damals 13 Jahre alt, hat einiges erlebt, was sich nie wiederholen sollte. Deshalb hat er eine Ausstellung "Gegen das Vergessen" der François Maher Presley Stiftung für Kuns
Diese Zeichnungen stellen Szenen aus dem Alltag im KZ Auschwitz dar. Thomas Greve, damals 13 Jahre alt, hat einiges erlebt, was sich nie wiederholen sollte. Deshalb hat er eine Ausstellung "Gegen das Vergessen" der François Maher Presley Stiftung für Kuns © Heike Heisig

Leisnigs früherer Bürgermeister Heiner Stephan findet die Biografie Olbrichts erstaunlich. Sie zeige, dass es möglich ist, dass jemand aus gutbürgerlichem Elternhaus zum maschinellen Töten kommen, sich aber auch rückbesinnen und das Ausmaß dessen erkennen kann.

„Dieser fürchterliche Teil der Geschichte, immerhin kostete der Zweite Weltkrieg fast 60 Millionen Menschen das Leben, ist für uns heute immer noch wichtig“, findet Stephan. „Denn was passiert heute immer wieder? Das Wegschauen dominiert.“ Damals habe kaum einer der heute Lebenden Verantwortung getragen. „Trotzdem sollten wir uns, statt wegzuschauen, mit diesem Teil der Geschichte beschäftigen und uns fragen: Wo hätten wir damals gestanden? Wozu hätten wir uns bekannt?“, so Stephan.

Für ihn persönlich sei es total unverständlich, dass bei Protesten gegen Corona-Regelungen im Moment auch solche Menschen an der Spitze stehen, die den Holocaust damit in Verbindung bringen.

Große Achtung vor den Widerstandskämpfern von damals

Unter diesem Gesichtspunkt sei es nach Meinung von Heimatfreunden kein schlechter Zeitpunkt, die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ gerade jetzt in Leisnig zu zeigen – neben den sechs Schautafeln des Heimatvereins über Olbricht und andere Widerständler.

„Beide ergänzen sich, verbinden territoriale mit globalen Sichtweisen.“, so Siegfried Bretsch vom Leisniger Geschichts- und Heimatverein. Er gibt zu, dass die Achtung vor Widerständlern von Bonhoeffer bis Thälmann über die Geschwister Scholl bis hin zu Olbricht gewachsen sei, seit sich der Verein für die Schautafeln intensiv mit den Personen auseinandergesetzt und sich in deren Lage hineinversetzt hat.

Wenn es nach den Leisniger Heimatfreunden geht, soll die vom Verein gestaltete Ausstellung über Friedrich Olbricht und andere Widerständler sowie die von Olbrichts Nachfahren hinterlassenen Infotafeln einmal im Geburtshaus des Generals an der Friedrich-Na
Wenn es nach den Leisniger Heimatfreunden geht, soll die vom Verein gestaltete Ausstellung über Friedrich Olbricht und andere Widerständler sowie die von Olbrichts Nachfahren hinterlassenen Infotafeln einmal im Geburtshaus des Generals an der Friedrich-Na © André Braun/Döbelner Anzeiger

Bis Anfang Juni kann die Doppelausstellung im Leisniger Rathaus nach Anmeldung (Tel. 034321 66622) unter Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften angeschaut werden. Für die Zeit danach gibt es eine Vision, wie Siegried Bretsch es nennt.

„Wir könnten uns vorstellen, die Olbrichtausstellung ins Geburtshaus Olbrichts zu bringen“, sagte er. Dafür wären ein Eigentümerwechsel und Sicherungen im Haus an der Friedrich-Naumann-Straße nötig. Diese Überlegungen gab es schon einmal vor Jahren, als der Zustand der Immobilie immer kritischer geworden war. Indes sind Notsicherungen erfolgt.

Genauso gut denkbar wäre für Bretsch und den Rathauschef, dass zu den beiden Ausstellungen auch die Wanderausstellung "Gegen das Vergessen" kommt, wenn die Tour erfolgreich abgeschlossen sind. Entscheiden wird das allerdings die Stiftung, so die Ideengeber.

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