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Von wegen alles Käse

Die Verbraucher kaufen wieder regional. Corona hat das Umdenken beschleunigt.

Sarah Schmidt gehört zu den Frauen, die in der Käserei im Hofgut Pulsitz die Milch veredeln. Sie stellen Käse, Joghurt und Butter her.
Sarah Schmidt gehört zu den Frauen, die in der Käserei im Hofgut Pulsitz die Milch veredeln. Sie stellen Käse, Joghurt und Butter her. © Dietmar Thomas

Ostrau/Pulsitz. Mit einem tiefen Muhen begrüßen die Kühe die Besucher des Hofgutes Pulsitz. Zu sehen sind die Milchkühe auf den ersten Blick nicht. Denn sie und ihre Nachzucht stehen oberhalb der Hofstelle im Stall oder auf der Weide. Aber wer will, kann sich die Tiere ansehen und sich davon überzeugen, dass sie artgerecht gehalten werden. Und nicht nur das.

Bewusste Entscheidung der Kunden

Landwirtin Dr. Sabine Reichardt und ihr Team vom Demeter Hofgut Pulsitz laden zum Erlebniseinkauf ein. Denn im Hofladen gibt es die Produkte, die die Landwirte selbst anbauen, Milchprodukte aus der eigenen Käserei oder Angebote, die von anderen Bio-Höfen stammen.

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 „Wer zu uns kommt, will uns kennenlernen und wissen, woher die Produkte sind“, sagte Sabine Reichardt. Sie schätzt den persönlichen Kontakt mit den Kunden, die sehr oft den Einkauf zum Familienausflug, zu einem Erlebnis, werden lassen. Die Leute können sich auf dem Hof umsehen. Wer im Hofladen in Pulsitz einkauft, hat sich bewusst dafür entschieden und nimmt den Weg auf sich. Denn in den kleinen, abgelegenen Ort der Gemeinde Ostrau kommt niemand einfach mal so vorbei.

Was die Besucher erleben und zu spüren bekommen, sind überzeugte Demeter-Bauern. Demeter steht für Öko-Landbau nach strengen Vorgaben. „Es geht nicht nur um die biologisch-dynamische Erzeugung, sondern auch um geistige Arbeit, Gesundheitsfürsorge, um einen geschlossenen Kreislauf.

Aufgrund der Kreislaufwirtschaft vom Anbau des Futters bis zur Vermarktung der Produkte gilt die Demeter-Landwirtschaft als nachhaltigste Form der Landbewirtschaftung“, sagte Sabine Reichardt. Sie schätzt ein, dass etwa die Hälfte ihrer Kunden, wissen will, woher die Produkte kommen, und der anderen Hälfte ist die Bio- Qualität sehr wichtig ist.

Umsatz enorm gestiegen

In den vergangenen Monaten gab es einen beachtlichen Umsatzzuwachs. Zum einen setzen die Kunden auf regionale Produkte, die schneller wieder in den Regalen nachgefüllt werden können. Zum anderen sind es Skandale, wie zuletzt die Arbeitsbedingungen bei Tönnis, weshalb Leute ihr Kaufverhalten überdenken. „Alle Skandale, ob BSE oder Gammelfleisch, helfen uns“, sagte die Landwirtin.

 Immer mehr Leute wollen regionale und Bio- Produkte kaufen. Konkret bedeutet das für den Hofladen auf dem Hofgut in Pulsitz einen Anstieg des Absatzes von etwa 20 Prozent in den letzten Monaten.„Bei uns können sich die Kunden persönlich informieren und dann ihre Entscheidung treffen. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber Großmärkten, die Bio-Produkte anbieten. Bio heiße zwar: nicht chemisch gedüngt und gespritzt, die Arbeitsbedingungen zum Beispiel für die Herstellung der Waren würden jedoch nicht in Betracht gezogen, so Reichardt.

Das ist auf Demeter-Höfen oft anders. Wichtig sei, dass die Menschen aus der näheren Umgebung hier auch Arbeit finden. So ernährt der Betrieb, der auf die Milchhaltung und- verarbeitung sowie den Getreideanbau ausgerichtet ist, neben den Landwirten sieben weitere Mitarbeiter und zwei Lehrlinge. Die Gemeinschaft wird zeitweise durch Studenten, Praktikanten und Schülern der Walddorfschulen, die ihr Landbaupraktikum absolvieren, ergänzt.

Vierseithof hat lange Familiengeschichte

Seit 1927 lebten die Vorfahren von Sabine Reichardt auf dem Vierseithof. Nach Rückführung des Hofes 1992 wurde der ökologische Landwirtschaftsbetrieb mit derzeit 200 Hektar Land und 50 Kühen und deren Nachzucht aufgebaut.
Seit 1927 lebten die Vorfahren von Sabine Reichardt auf dem Vierseithof. Nach Rückführung des Hofes 1992 wurde der ökologische Landwirtschaftsbetrieb mit derzeit 200 Hektar Land und 50 Kühen und deren Nachzucht aufgebaut. © Dietmar Thomas

Seit 1927 lebten die Vorfahren von Sabine Reichardt auf dem Vierseithof. 1953 wurden die Ländereien und die Gebäude im Zuge der Kollektivierung enteignet. Nach Rückführung des Hofes 1992 wurde der ökologische Landwirtschaftsbetrieb mit derzeit 200 Hektar Land und 50 Kühen und deren Nachzucht aufgebaut. Auf etwa 60 Hektar Fläche wächst das Futter für die Tiere. 15 Hektar sind Dauergrünland und auf dem Rest wird Getreide angebaut, das von der Erzeugergemeinschaft Öko- Bauernhöfe Sachsen GmbH vermarktet wird. Auch Möhren, Kartoffeln, Zwiebeln und Kürbisse wachsen auf den Feldern rund um Pulsitz. Sie werden im Hofladen verkauft.

Da das Bestreben eines Demeter- Betriebes die Strukturierung und Verarbeitung der erzeugten Produkte ist und außerdem die Milch schlecht bezahlt wird, hat sich die Landwirtin im Jahr 2000 für den Bau einer Käserei entschieden, die zwei Jahre später in Betrieb genommen wurde.

Sarah Schmidt und Elke Kruhn arbeiten in der Käserei. Hier entstehen Frischkäse, Joghurt, Quark und Butter.
Sarah Schmidt und Elke Kruhn arbeiten in der Käserei. Hier entstehen Frischkäse, Joghurt, Quark und Butter. © Dietmar Thomas

Die Produkte des Hofgut Pulsitz gibt es auch: Einklang – Der Bioladen in Döbeln,Hofladen Hofgut Gadewitz, Der grüne Laden in Mügeln, Vorratskammer– Der Unverpacktladen zwischen Riesa und Lommatzsch, Biogärtnerei Auenhof Niederlützschera,Milchtankstelle Haßlau

Etwa die Hälfte der erzeugten Milch wird hier zu Sauerrahmbutter, Schlagrahm, Schmand, Frischkäse, Quark und Joghurt verarbeitet und selbst vermarktet. „Was in der Käserei des Hofgutes Pulsitz hergestellt wird, ist Handarbeit. Zurzeit haben wir gerade eine Stelle in diesem Bereich frei. Wer Interesse, an einer Arbeit mit Individualismus hat, kann sich gern bei mir melden“, sagte Sabine Reichardt. 

Im Hofladen können die Produkte, die in der Käserei hergestellt werden, gekauft werden.
Im Hofladen können die Produkte, die in der Käserei hergestellt werden, gekauft werden. © Dietmar Thomas

Die andere Hälfte der Milch wurde bis zum vergangenen Jahr als Bio- Milch an die „Gläserne Molkerei“ in Berlin geliefert. Die holte die Milch in Pulsitz ab und zahlte einen fairen Preis. Doch der Vertrag wurde mit der Begründung von zu hohen Transportkosten gekündigt.

Trotz intensivstem Bemühen, eine Bio- Molkerei für die Abnahme zu finden, muss Sabine Reichardt die Milch vorläufig wieder konventionell vermarkten und bekommt dafür bedeutend weniger Geld.

Theater und Kunst auf dem Hof

Die Landwirtschaft und der Hofladen werden von der Theaterimkerei Sanne Weber ergänzt. Alexander Weber ist nicht nur für den Ackerbau im Unternehmen zuständig. Mit seiner Frau Sandy Sanne betreut er mehrere Bienenvölker und stellt einen vorzüglichen Honig her, den nach Aussage der Landwirtin viele Kunden des Hofladens zu schätzen wissen. Hinzu kommt der künstlerische Bereich.

„Die Theaterimkerei ‚SanneWeber‘ liegt mir sehr am Herzen“, sagte Sabine Reichardt. Denn Alexander Weber und Sandy Sanne stellen nicht nur Honig her, sondern sind auch für die Kultur auf dem Hof zuständig (wir berichteten). Sie bieten Theater mit Menschen, Musik und Puppen der besonderen Art.

Die nächste Serie erscheint am 16. Oktober

  • Die Produkte des Hofgut Pulsitz gibt es auch: 
  • Einklang – Der Bioladen in Döbeln, 
  • Hofladen Hofgut Gadewitz, 
  • Der grüne Laden in Mügeln,
  • Vorratskammer – Der Unverpacktladen zwischen Riesa und Lommatzsch, 
  • Biogärtnerei Auenhof Niederlützschera,
  • Milchtankstelle Haßlau

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