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Nach 19 Monaten endlich wieder arbeiten

Döbeln ist erst die dritte Stadt, in der die Schausteller aus Herzberg ihre Fahrgeschäfte aufbauen. Aber die Ungewissheit bleibt.

Jessy Krämer betreut auf dem Rummel auf dem Döbelner Steigerhausplatz den Autoscooter.
Jessy Krämer betreut auf dem Rummel auf dem Döbelner Steigerhausplatz den Autoscooter. © Dietmar Thomas

Döbeln. Wenn er die Kinder sieht, die lachend und quietschend im Karussell sitzen, bekommt er Gänsehaut, sagt Michael Krämer. Er gehört zu den Schaustellern, die ab Donnerstag mit dem Rummel auf dem Steigerhausplatz für etwas Abwechslung vom Alltag sorgen wollen.

Nach Meißen und Großenhain ist Döbeln erst die dritte Stadt in diesem Jahr, in der die Fahrgeschäfte aufgebaut werden – nach 19 Monaten Zwangspause durch die Corona-Pandemie. Seit 23 Jahren ist Michael Krämer als Schausteller unterwegs. Aber solch eine Situation hat er noch nie erlebt.

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„Die erste Zeit war es unvorstellbar. Dann haben wir uns damit abgefunden, weil wir es nicht ändern konnten. Später kam der Punkt, wo das Licht am Ende des Tunnels gefehlt hat. Und der Wegfall der Weihnachtsmärkte im vergangenen Jahr war der Supergau“, sagt der 47-Jährige.

Aufgeben war nie eine Option

Trotzdem sei Aufgeben nie eine Option für ihn und seine Familie gewesen. Ein paar Schaustellerbetriebe gebe es allerdings nicht mehr. Vor allem bei der älteren Generation habe die Angst überwogen, das Ganze finanziell nicht mehr stemmen zu können.

„Sie hatten teilweise begonnen, ihr Erspartes und die Rente aufzubrauchen und wollten keine Kredite mehr aufnehmen“, begründet Krämer die Entscheidung seiner Kollegen.

Er selbst habe mit seinem ältesten Sohn eine Zeit lang für eine Möbelfirma Schränke, Tische und Betten ausgeliefert und aufgebaut. Andere Schausteller hätten sich als Fahrer bei Speditionen etwas dazuverdient. Zudem haben Krämers die unfreiwillig freie Zeit für Reparaturen und das Aufräumen der Lagerhalle im heimischen Herzberg (Elster) genutzt.

Dankbar für staatliche Unterstützung

Dankbar ist Michael Krämer für die staatliche Unterstützung. Etwa 75 Prozent der laufenden Betriebskosten konnten die Schausteller davon bezahlen. „Auch wenn wir nicht unterwegs sind, müssen wir die Krankenkassenbeiträge, Versicherungen, den Tüv für die Fahrgeschäfte und Kredite bezahlen“, zählt Krämer auf.

Zu Beginn der Pandemie habe er dafür private Rücklagen genutzt und einen weiteren Kredit aufgenommen. „Wir können uns glücklich schätzen, dass uns Vater Staat auf diese Weise geholfen hat. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätten wir keine Chance zum Überleben gehabt“, meint er.

Aber jetzt sei der Punkt erreicht gewesen, an dem es irgendwie weitergehen musste. Normal wäre eine neunmonatige Saison mit drei Tagen pro Wochen, in denen die Fahrgeschäfte in Betrieb sind. Die Zeit dazwischen wird für den Ab- und Aufbau sowie den Umzug an den nächsten Ort benötigt. In den neun Monaten müssen die Schausteller erwirtschaften, was sie in zwölf Monaten zum Leben brauchen und für ihren Betrieb ausgeben.

Tammy Maatz unterstützt die Schausteller auf dem Steigerhausplatz.
Tammy Maatz unterstützt die Schausteller auf dem Steigerhausplatz. © Dietmar Thomas

Nur eine Einschränkung für Besucher

Angesichts der stark verspätet begonnen Saison sagt Michael Krämer: „Jetzt freuen wir uns sehr, dass wir wieder machen dürfen, was wir können.“ Auch bei den Besuchern in den letzten beiden Städten habe er die Dankbarkeit gespürt, dass sich die Karussells wieder drehen, die Menschen sich mit anderen treffen und ganz unkompliziert ein frisch gezapftes Bier trinken können.

In Döbeln bauen 19 Schaustellerfamilien 28 Fahrgeschäfte, Schieß-, Los- und Imbissbuden auf. Obwohl jede Familie mehrere Geschäfte besitzt, ist sie nur mit ein oder zwei angereist. „In diesen Zeiten ist es uns wichtig, dass Viele die Chance haben, Geld zu verdienen und ein normales Leben zu leben. Bei uns wird das Miteinander großgeschrieben“, sagt Krämer, der mit einem Autoscooter dabei ist.

Maximal 1.000 Besucher dürfen sich gleichzeitig auf dem Rummel aufhalten. Damit das von einer Security kontrolliert werden kann, wird das Gelände eingezäunt. Aber außer der Zählung der Gäste, die den Rummel betreten und verlassen, gibt es keine Einschränkungen – auch keine Kontaktnachverfolgung.

Ungewiss, wie es weitergeht

Trotz dass die Saison für die Schausteller begonnen hat, bleibt die Unsicherheit. Bisher gibt es nach Döbeln mit Elsterwerda, Waldheim und Herzberg noch drei weitere Standorte. „Wir wissen nicht, wie weit wir in die Zukunft planen können oder ob es wieder einen Lockdown gibt“, so Krämer. Dazu komme, dass jedes Bundesland andere Vorschriften habe, die bei den Vorbereitungen berücksichtigt werden müssen.

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Viele größere Stadtfeste seien abgesagt worden. Ein wenig Hoffnung setzen die Schausteller stattdessen in das Jahresende. Einige haben bereits ganz sachte mit den Planungen für die Weihnachtsmärkte begonnen. Aber, ob es die geben wird, ist heute noch völlig offen.

Dennoch sieht Michael Krämer die Situation positiv. „Wir durften wieder loslegen, wenn auch mit angezogener Handbremse“, meint er und denkt dabei an Künstler, Bühnenbauer und ähnliche Berufsgruppen, „Die Menschen, die bei Veranstaltungen im Hintergrund arbeiten, werden oft vergessen. Viele von ihnen sind immer noch im Lockdown“, meint er.

Rummel, Steigerhausplatz Döbeln: Donnerstag und Freitag ab 14 Uhr, Sonnabend und Sonntag ab 11 Uhr.

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