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Raum Döbeln droht Hausarzt-Mangel

Krankheit und Urlaub bescheren den Leisniger Hausärzten einiges an Mehrarbeit. Ein Ende dieser Situation ist nicht in Sicht.

Für die Region Döbeln werden im Moment zehn Hausärzte gesucht. Die meisten praktizierenden Allgemeinmediziner spüren das in einem höheren Patientenaufkommen – auch in Leisnig.
Für die Region Döbeln werden im Moment zehn Hausärzte gesucht. Die meisten praktizierenden Allgemeinmediziner spüren das in einem höheren Patientenaufkommen – auch in Leisnig. © Lars Halbauer

Leisnig. Klaus Streil ist 79 Jahre alt und muss im Moment auf den bewährten Rat seiner Hausärztin verzichten. Die Leisniger Allgemeinmedizinerin, der der Rentner vertraut, ist selbst krank. „Und fällt wahrscheinlich länger aus“, hat Streil erfahren. Er ist ratlos, wohin er sich wenden kann.

Seine bisherige Recherche hat ihm wenig Hoffnung gemacht. Seine Ärztin sei nicht die einzige, die gegenwärtig krankheitsbedingt nicht praktiziert. Deshalb hätten andere Allgemeinmediziner im Raum Leisnig ein beachtliches Mehr-Pensum zu bewältigen.

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Letzteres bestätigt Schwester Mandy. Sie managt die Praxis von Allgemeinmediziner Ernst-Christian Schleußner. „Seit Wochen kümmern wir uns als Vertretungspraxis um die Patienten von erkrankten Ärzten. In den vergangenen beiden Wochen kamen noch die Patienten von zwei Medizinern dazu, die im Urlaub waren“, sagt sie und versichert: „Wir sind zu den normalen Sprechzeiten für alle Patienten da. Eine Einschränkung gibt es nur mittwochs.“ Dieser Tag sei für Hausbesuche reserviert.

Vergeblich nach Partner für die Praxis in Leisnig gesucht

hne das Corona-Bestell-Management säße auch das Wartezimmer von Ulf Fischer voll. Der Hausarzt und Palliativmediziner bekommt im Moment genau wie seine Kollegen zu spüren, dass es Ausfälle durch Krankheit und Urlaub gibt.

Bei ihm kommt hinzu, dass sein Vater vor einiger Zeit aus der Praxis ausgestiegen und in den Ruhestand gegangen ist. „Ich habe mich lange intensiv um einen Partner für die Praxis bemüht und wäre ihm oder ihr auch mit Teilzeit entgegengekommen“, erzählt Fischer. Doch seine Suche war erfolglos.

„Und es sieht auch nicht danach aus, dass es in absehbarer Zeit anders, für alle besser wird“, vermutet er. Ulf Fischer sei mit 51 Jahren der jüngste Hausarzt mit eigener Praxis. Schon vor Jahren habe er mit Kollegen auf die aus ihrer Sicht drohende Unterversorgung aufmerksam gemacht.

Zehn Hausärzte fehlen derzeit in der Region Döbeln

Wirklich geändert hat sich seitdem nichts. Im Gegenteil. Durch den Weggang von Birgit Stockmann hat eine Arztpraxis in Leisnig geschlossen. Auch sie habe vordem lange Zeit nach einem Mediziner gesucht, der die Praxis übernimmt, ihre Patienten weiter betreut.

Mit ihrer Prognose haben die Leisniger Ärzte damals richtig gelegen. Denn zu dem gleichen Ergebnis kommt mittlerweile auch der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen Sachsen.

„Er hat für den Planungsbereich Döbeln für die hausärztliche Versorgung eine drohende Unterversorgung festgestellt.“ Das teilt André Reiche von der Landesgeschäftsstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) mit.

Nach seinen Darstellungen gibt es zum Stand Januar 2021 insgesamt 43 Hausärzte im Bereich Döbeln. Damit werde ein Versorgungsgrad von 88,1 Prozent erreicht. Freie Stellen gebe es zehn. Für Leisnig konkret hat die KVS sieben niedergelassene beziehungsweise angestellte Hausärzte registriert.

KVS kann Ärzte nicht dorthin verpflichten, wo sie fehlen

Dass Klaus Streils Hausärztin längere Zeit ausfällt, ist der Kassenärztlichen Vereinigung bekannt. „Frau Tur de la Cruz hat für die Zeit ihrer Abwesenheit aber Vertreter gemeldet, sodass die Versorgung ihrer Patienten sichergestellt ist“, so André Reiche.

Er geht außerdem auf das Problem ein, dass offenbar viele Mediziner kennen, die Nachfolger und/oder Entlastung suchen: „Leider gestaltet sich die Besetzung von Praxen ausscheidender Vertragsärzte zunehmend schwieriger. Der Gewinnung von ärztlichem Nachwuchs gilt daher ein besonderes Augenmerk der KV Sachsen. Aufgrund der uns bekannten schwierigen Versorgungslage bemühen wir uns seit vielen Jahren, Ärzte für die vertragsärztliche Tätigkeit in unserer Region zu gewinnen.“

Ärzte dorthin zu verpflichten, wo Mediziner fehlen, das sei der Kassenärztlichen Vereinigung allerdings nicht möglich.

Sind Landarzt-Praxen zu wenig attraktiv?

Mit der Unterversorgung von Hausärzten steht die Region Döbeln nicht allein da, wie Reiche darstellt: „In nahezu allen Planungsbereichen im Direktionsbezirk Chemnitz sind aktuell offene Hausarztstellen zu besetzen. Die Besetzung von Praxen ausscheidender Vertragsärzte gestaltet sich bundesweit insbesondere bei Hausärzten zunehmend schwieriger.“

Die Auswirkungen zeigten sich unter anderem darin, dass viele Arztpraxen an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Für Patienten entstünden dadurch längere Wege für das Aufsuchen von Arztpraxen oder lange Wartezeiten.

„Diese Situation ist sowohl für die Patienten als auch für die Arztpraxen unbefriedigend.“ Die Gründe für den zunehmenden Ärztemangel vor allem in ländlichen Gebieten sind der KVS zufolge vielfältig: Lange Wege, schwache Infrastrukturen, die Altersstruktur und zunehmende Bürokratisierung gehören dazu. Immer weniger Mediziner sind bereit, sich abseits der großen Städte niederzulassen. Hinzu kommt, dass neben dem wachsenden Versorgungsbedarf einer älter werdenden Bevölkerung auch die Altersstruktur der Ärzte zu Problemen führt.

Angesichts dessen und zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung wurden dem KV-Sprecher zufolge schon Mitte vergangenen Jahres wieder drei Förderstellen für den Bereich Döbeln geschaffen. „Zwei davon konnten bereits vergeben werden“, so Reiche.

Er weist überdies auf neue innovative Projekte des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen Sachsen hin: „Dazu gehören die Förderung des Quereinstiegs in die Allgemeinmedizin und des sogenannten Hausarztes auf Probe.“ Details dazu finden Interessierte auf der Internetseite der KVS unter „Fördermaßnahmen Landesausschuss.

Wie finde ich Ärzte?

  • Wer keinen festen Hausarzt hat oder auf der Suche nach einem neuen ist, kann die Arztsuche der KV Sachsen nutzen und erhält darüber eine aktuelle Aufstellung der (Haus-)Ärzte in seiner Umgebung.
  • Unter bestimmten Umständen können Patienten auch über die Terminservicestelle der KVS einen Arzt finden.
  • Für die Versorgung aktueller Beschwerden besteht zu festgelegten Zeiten die Möglichkeit, den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst unter Tel. 116117 in Anspruch zu nehmen.
  • Quelle: KV Sachsen

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