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Spätberufener in Sachen Naturschutz

Rolf Müller hat sich schon immer für Tiere und Pflanzen interessiert. Richtig aktiv betreibt er das Metier, seit er Rentner ist.

Gleich hinter seinem Garten in der Siedlung Roßweiner Straße beginnt der Wald, den Rolf Müller seit seiner Kindheit kennt. Die Liebe zur Natur begleitet ihn sein ganzes Leben.
Gleich hinter seinem Garten in der Siedlung Roßweiner Straße beginnt der Wald, den Rolf Müller seit seiner Kindheit kennt. Die Liebe zur Natur begleitet ihn sein ganzes Leben. © Dietmar Thomas

Döbeln. Manchmal wird Rolf Müller in seinem Garten von der Natur eingeholt. Den Hahn seiner kleinen Gruppe Zwerghühner hat ein Raubzeug im Hühnerzwinger erlegt. Trotz der gespannten Netze. „Vielleicht ein Sperber“, sagte Müller. „Die Tiere machen keinen Schaden, sie wollen sich ernähren.“

Müller sieht die Sache eben auch aus der anderen Perspektive. Er ist seit einigen Jahren als Naturschutzhelfer ehrenamtlicher Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises. Und neuerdings nach dem altersbedingten Rückzug von Siegfried Reimer auch Naturschutzbeauftragter für die Region. Wobei: Jung ist Müller mit knapp 81 Jahren auch nicht mehr. Aber noch fit.

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Ein Biberrevier am anderen

Jeden Tag ist er draußen unterwegs. Auf jeden Fall mit seinen beiden Hunden. Aber mindestens einmal in der Woche auch in Sachen Naturschutz. Er betreut mehrere Schutzgebiete und betreibt auch auch das Bibermonitoring an der Mulde. „Ich bin für den Abschnitt vom Stadtbad in Döbeln bis nach Gleisberg zuständig“, sagte er.

Entlang des Flusses reiht sich ein Biberrevier am anderen. Die großen Nager haben den Bielbach und den Kaiserbach besiedelt. Zum neusten Revier hat es Müller nicht weit: An der Bachmühle in Ebersbach hat der Biber den Bach gestaut. „Ein Stromversorgungsmast steht jetzt im Wasser“, erzählt er. Einer der Konflikte, die das Zusammenleben von Biber und Mensch mit sich bringt. Zu Klärgruben, die nicht mehr ablaufen und Straßen, die überspült werden. Auch mancher Landwirt hat darunter zu leiden, wenn der Biber eine Wiese unter Wasser setzt. „Am Bielbach muss man dem Landwirt auch mal entgegenkommen und den einen oder anderen kleinen Damm wegmachen“, sagte Müller.

Ein-Kind-Familie als Anpassung

Es gibt viele Biber. Mittlerweile passen sich die Nager dem steigenden Populationsdruck an, so der Naturschutzbeauftragte. „Wir stellen fest, dass die Familien oft nur noch ein Junges bekommen. Und viele davon werden nicht alt. Wenn sie durch fremde Biberreviere müssen, kommt es oft zu Beißereien, bei denen die Tiere verletzt werden und sterben.“

Rolf Müller ist ein Spätberufener. Für Natur hat er sich aber schon immer interessiert. Er ist in dem Siedlungshaus in der Roßweiner Siedlung aufgewachsen, in dem er immer noch wohnt. Der Wald beginnt dort gleich hinterm Gartenzaun. „Mein Großvater meinte: Du bist ein Siedlerjunge. Mit elf Jahren konnte ich eine Ziege melken und mit der Sense umgehen.“ Der Wald und die nahe Mulde waren sein Revier und die Liebe zur Natur habe ihn auch nie losgelassen. Eine Zeit lang war er Stellvertreter des Vogelschutzwarts des Siedlervereins. Gelernt hat er den Beruf des Stahlgraveurs. Später studierte er Ingenieurökonomie. Bis zur Rente arbeitete er im VEB Rotes Banner, später Matec.

Als Rentner aktiv im Naturschutz

Richtig eingestiegen in das Thema Naturschutz sei er aber erst mit der Rente. „Ich war schon immer von der botanischen Vielfalt im Zweiniger Grund begeistert. Mit 65 Jahren fing ich an, das durch Fotos zu dokumentieren. Ich dachte, da hätte ich zehn Jahre zu tun.“ In dem Seitental der Mulde wachsen seltene Pflanzen die auf der Roten Liste der gefährdeten Arten stehen. In den Teichen gedeihen Pflanzen wie der Igelkolben und leben Amphibien, erzählt er. Mit Siegfried Reimer sei er 16 Jahre unterwegs gewesen. „Ich hatte Probleme mit der Pflanzenbestimmung und zu ihm Kontakt aufgenommen“, sagte er. Jetzt ist er Reimers Nachfolger.

In dieser Eigenschaft soll er auch die Arbeit der ehrenamtlichen Naturschutzhelfer in der Region koordinieren. Wobei der Nachwuchs fehlt. „Es ist schwer, Leute für das Ehrenamt zu begeistern. Die Helfer bekommen das nicht bezahlt, es gibt aber eine Aufwandsentschädigung und Kilometergeld“, sagte er. Der Naturschutzhelfer müsse sich die nötigen Kenntnisse erarbeiten, Literatur kaufen und sich auch mit der nötigen Technik anfreunden. „Ich erfasse vieles mit dem Handy“, sagte er. Müller kümmert sich auch um das Heranziehen des Nachwuchses. Dabei arbeitet er mit dem Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel zusammen, das die „Jungen Naturwächter“ für die Region ausbildet.

Kulturlandschaft verändert sich

Den Begriff Naturschutz hält Müller für nicht ganz richtig. „Wir schützen eine Kulturlandschaft.“ Aber auch diese Kulturlandschaft, in 1.000 Jahren entstanden, verändere sich. „Man merkt, dass vieles verschwindet.“ Müller macht die moderne Landwirtschaft dafür verantwortlich. Aber nicht nur. Auch die Entfremdung des Menschen von der Natur. „Die Menschen wollen auf dem Land und in der Natur leben, aber nicht mit dem Land und der Natur“, sagte Müller. In den Gärten stehen Koniferen und glattgeraspelter Rasen. „Und dann fragen mich die gleichen Leute, warum es immer weniger Vögel gibt.“

Auch die Ängste seien oft nicht rational. „Da gibt es ein Riesengeschrei, weil mal einer in seinem Garten mit der Wildkamera einen Biber aufgenommen hat. Aber der Biber fällt niemanden an. Er ist auch nur nachts unterwegs.“

Dass der Wolf wieder da ist, wenn auch nicht in der Region, findet Müller schön. „Das Theater um den Wolf kann ich nicht verstehen.“ Auch die Jäger könnten mit ihm leben, meint er. „Der Wolf fängt vor allem kranke und schwache Tiere. Das hält den Bestand gesund.“ Ängste vor dem Wolf kann er nicht teilen. Es habe bisher noch keinen Fall gegeben, dass ein Wolf einen Menschen angefallen hat.

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