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Steinzeit unter Karls Erlebnis-Dorf

Die Archäologen untersuchen das Baufeld von Karls Erlebnis-Dorf in Döbeln. Vor 7.000 Jahren wohnten dort Menschen. Und sie haben viel zurückgelassen.

Von Jens Hoyer
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Ausgrabungsleiter Thomas Lukas zeigt auf dem künftigen Bauplatz von Karls Erlebnis-Dorf die Bruchstücke von Mahlsteinen aus der Steinzeit, die gefunden wurden.
Ausgrabungsleiter Thomas Lukas zeigt auf dem künftigen Bauplatz von Karls Erlebnis-Dorf die Bruchstücke von Mahlsteinen aus der Steinzeit, die gefunden wurden. © Dietmar Thomas

Döbeln. In der Erde herumzugraben, ist bei diesem Wetter kein angenehmer Job. Es nieselt leicht und der Wind pfeift kalt über die 17 Hektar große gewellte Fläche am Schnittpunkt von B 169 und A 14 in Döbeln Nord. Der braune Lehm klumpt an den Stiefeln. „Man wächst beim Gehen“, scherzt Dr. Saskia Kretschmer, die für Döbeln zuständige Referentin beim Archäologischen Landesamt.

Auf der Fläche will Karls Mitte des Jahres beginnen, sein Erlebnis-Dorf zu bauen. Für die Archäologen ist das ein Glücksfall, eine derart große Fläche untersuchen zu können. Der prominente Bauherr hat schon viele Medien auf die Ausgrabungen aufmerksam werden lassen. Fernsehen und Presse haben sich die sprichwörtliche Klinke in die Hand gegeben.

Christoph Heiermann, Pressesprecher der Behörde, findet es gut, dass der Blick der Öffentlichkeit auf die Archäologie gerichtet wird. Um die 150 Ausgrabungen im Jahr finden in Sachsen im Zusammenhang mit Bauvorhaben statt, sagt er. Und zwar überall dort, wo Bodenfunde zu erwarten sind oder in der Vergangenheit schon etwas gefunden wurde.

Viele Funde in der Gegend

Beides trifft auf das Feld an der B 169 zu. Sie ist von Fundplätzen eingerahmt. Schon beim Bau des Gewerbegebietes Mockritz war man auf Siedlungsreste gestoßen. Auch bei der Erweiterung der B 169 wurde eine steinzeitliche Siedlung ausgegraben. Jenseits der Eisenbahnlinie sind zwei Fundstellen bekannt. „Die Gegend war wegen des guten Bodens damals dicht besiedelt. Es gibt viele Nachweise aus dieser Zeit“, sagt Saskia Kretschmer.

Saskia Kretschmer und Thomas Lukas stehen im Grabungsareal. Verfärbungen weisen auf Pfostenlöcher und Gruben hin.
Saskia Kretschmer und Thomas Lukas stehen im Grabungsareal. Verfärbungen weisen auf Pfostenlöcher und Gruben hin. © Dietmar Thomas
Das Fragment eines abgebrochenen Steinbeils wurde gefunden.
Das Fragment eines abgebrochenen Steinbeils wurde gefunden. © Dietmar Thomas
Die typischen Verzierungen auf den Gefäßscherben weisen auf die Kultur der Linienbandkeramik hin.
Die typischen Verzierungen auf den Gefäßscherben weisen auf die Kultur der Linienbandkeramik hin. © Dietmar Thomas
Alle Fundstellen werden Vermessen und die Funde dokumentiert.
Alle Fundstellen werden Vermessen und die Funde dokumentiert. © Dietmar Thomas

Damals, das ist die Zeit vor etwa 7.000 Jahren. Die Menschen waren schon sesshaft geworden, betrieben Ackerbau und Viehzucht. Die Archäologen benennen die Kultur dieser Menschen nach den häufigsten Fundstücken: Keramikscherben.

Diese sind mit typischen Ornamenten – Linien oder eingestochenen Bändern – verziert. Der Zeit der Linienbandkeramik folgte die Periode der Stichbandkeramik. Ihre Geräte fertigten die Menschen damals noch aus Stein.

Steinbeile und Spinnwirtel

Die Archäologen haben die Fragmente von Steinbeilen ausgegraben. Grabungsleiter Thomas Lukas zeigt eines, das gefunden wurde. Der hintere Teil steckte damals in einem Holzschaft, die Klinge ist abgebrochen.

Das notwendige Material haben die Menschen von damals teilweise von weit her geholt. „In Tschechien ist ein Steinbruch gefunden worden“, sagt Lukas. Er kennt sich damit aus. Er habe seine Abschlussarbeit über Steinbeile geschrieben, erzählt er. „Ich finde auch kleine Splitter von Steinbeilen. Man bekommt ein Auge dafür.“ Auch jede Menge Scherben, sogenannte Spinnwirtel aus Ton und die Bruchstücke von Mahlsteinen haben sie gefunden.

In der gesteinsarmen Erde fallen auch kleine Artefakte auf. So sind die Archäologen auf die Spuren einer noch älteren Kultur gestoßen. In der Nähe von Gewässern, in diesem Falle der Gärtitzbach, hielten sich auch gern die Menschen in der mittleren Periode der Steinzeit auf. Die waren noch Jäger und Sammler.

Steinwerkzeuge der Jäger und Sammler

Oft sind es nur ganz kleine Steinwerkzeuge oder auch nur sogenannte Abschläge, die Splitter, die beim Bearbeiten entstehen. In der Gegend gibt es einige solcher Fundstellen, sagte Saskia Kretschmer. Unter anderem auf der Schanze in Westewitz und an der Mulde.

Bei der Sondierung der Fläche von Karls heißt es: nicht kleckern, klotzen. In hunderte Meter langen Streifen ist der Oberboden bis auf den darunter anstehenden Lößlehm abgezogen. Kleine Zettel markieren Befunde. An die 1.200 sind es bei dieser Ausgrabung, sagt Lukas.

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Organische Materialien sind aber komplett vergangen. Knochen werden nicht gefunden. Die lösen sich über 7.000 Jahre im kalkarmen Boden komplett auf. Auch das Holz ist verschwunden. Alles, was die Archäologen davon noch finden, sind Verfärbungen im Boden.

Pfostenlöcher zeigen Häuser an

Und die lesen die Experten wie eine Landkarte. Deutlich heben sich die dunkleren Pfostenlöcher im einheitlich hellbraunen Untergrund ab. Doppelpfahlreihen deuten auf Außenwände von Häusern hin. In langgezogenen Strukturen, den „Gräbchen“, waren vielleicht Spaltbohlen oder Pfahlreihen eingegraben. Bis zu 30 Meter lang konnten die Wohnhäuser der Steinzeitleute sein, erklärt Kretschmer.

Zwischen den Pfostenlöchern sieht man unregelmäßige schwärzliche Konturen. Die Reste von Gruben. Wofür sie einmal gedient haben, finden die Archäologen in den seltensten Fällen heraus. Es könnte Material entnommen worden sein. Lehm für die Wände der Häuser, sagte Lukas.

Es können Vorratsgruben gewesen sein oder der Herstellung von damals vielseitig verwendetem Bast gedient haben. Der wurde in den Gruben eingeweicht. Wenn überhaupt, stoßen die Archäologen nur am Grund der Grube auf Hinweise zu ihrem früheren Verwendungszweck, erklärt Saskia Kretschmer.

Aber so tief werden die Archäologen an den meisten Stellen nicht graben. Sie kratzen im wahrsten Sinne des Wortes nur an der Oberfläche. Das, was darunter ist, bleibt erhalten. Es wird später bei Überbauung durch eine „konservatorische Überdeckung“ aus Vlies und Sand geschützt. Nur an einigen Stellen werden die Archäologen in die Tiefe gehen. Viel Arbeit bekommen die Archäologen an der Stelle des geplanten großen Regenrückhaltebeckens im unteren Teil des Areals.