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So kam der Müller an eine Wand in Stockhausen

Karola Kunze lebt in vierter Generation in der ehemaligen Mühle in Stockhausen bei Döbeln. Heute ist diese eine Station am Lutherweg.

Der Dreschflegel hängt bei Karola Kunze an der Wand, gehörte früher aber ganz selbstverständlich zum Mühlenbetrieb, in dem auch Landwirtschaft betrieben wurde.
Der Dreschflegel hängt bei Karola Kunze an der Wand, gehörte früher aber ganz selbstverständlich zum Mühlenbetrieb, in dem auch Landwirtschaft betrieben wurde. © Jens Hoyer

Döbeln. Der kleine Dreiseithof am Ortseingang von Stockhausen ist schnell als das zu erkennen, was es einmal war: Ein gemütlicher Müller schaut von der Giebelwand und das große Mühlrad lässt keinen Zweifel daran, dass hier einmal Mehl und Schrot gemahlen wurden. Und das ziemlich lange.

1493 wurde die Mühle zum ersten Mal erwähnt. Im Jahr 1963 schickte der letzte Müller für immer das sechs Meter hohe Wasserrad in den Ruhestand. Das war der Vater von Karola Kunze, die heute – in vierter Generation – in der ehemaligen Wassermühle lebt.

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Urgroßvater hat Mühle in Stockhausen gekauft

Sie kann Geschichten erzählen über die Stockhausener Mühle. Geschichten, die sich bis heute fortsetzen, wo das schmucke Fachwerkhaus nur noch als Wohnhaus dient. Der Lutherweg führt an dem Anwesen vorbei.

„Hier kommen viele Leute vorbei und bleiben stehen, machen Fotos. Die Mühle ist in einer Broschüre zum Lutherweg enthalten“, erzählt die Hausbesitzerin. Aus diesem Grund sollte das Bild mit dem Müller auch wieder an den Giebel, als das alte bei der Renovierung überstrichen werden musste.

In den 1990er Jahren hatte es der Döbelner Graffiti-Künstler Frank Schäfer an die Wand gebracht. „Ich hatte das in Bayern gesehen“, sagte Karola Kunze. Schäfer hatte auch dieses Mal den Auftrag bekommen, den lustigen Müller und sein Mühlrad zu gestalten. Zusammen mit einer Katze, die Mäuse fängt und ein paar anderen Tieren, die in der Umgebung leben. Schlange, Eisvogel, Schmetterling, erklärte die Hausbesitzerin.

Ihr Urgroßvater Gustav Döge hatte die Mühle seinerzeit gekauft. Der war nicht nur Müller, sondern auch Bäckermeister. Eine gar nicht so ungewöhnliche Kombination, denn die Müller buken damals auch Brot. Auch in Simselwitz war eine Backstube angeschlossen. „Mein Urgroßvater ist mit dem Ochsengespann über die Dörfer gefahren und hat die Brote verkauft“, erzählt Karola Kunze.

Mühlenzeitalter hautnah miterlebt

Sie kennt die riesigen 10-Pfund-Laibe noch, die früher gebacken wurden. Damals gehörte noch eine Ölmühle an der Straße nach Masten zum Betrieb.1930 hatte der Urgroßvater die Mühle an seinen Schwiegersohn Max Voigt verkauft und war in die kleine Auszugswohnung über dem Pferdestall gezogen, die heute noch existiert. Die Ölmühle ging an die Gemeinde, die in dem Haus zwei Wohnungen einrichtete.

Karola Kunzes Urgroßvater hatte die Mühle im Döbelner Ortsteil Stockhausen einst gekauft.
Karola Kunzes Urgroßvater hatte die Mühle im Döbelner Ortsteil Stockhausen einst gekauft. © Jens Hoyer

Voigt modernisierte die Mühle und baute einen Elektromotor ein, sodass er nicht mehr allein von der Wasserkraft abhängig war. Er wurde als Stockhausener Bürgermeister 1945 von den Russen interniert und kam im Lager Mühlberg ums Leben, erzählte die Enkelin.

Karola Kunze ist 67 Jahre alt und sie hat das Mühlenzeitalter noch miterlebt. Ihr Vater führte die Mühle, nachdem er aus amerikanische Gefangenschaft zurückgekommen war. Im Haus lebten nach Kriegsende nicht nur die Müllerfamilie, sondern auch Flüchtlinge aus Schlesien und dem Sudetenland.

Moderne Standards in historischer Mühle

Zur Mühle, in der Mehl und Schrot gemahlen und Hafer gequetscht wurde, gehörte eine respektable Landwirtschaft. „Wir hatten sieben Kühe, zwei Pferde, bestimmt zehn Schweine, Hühner und Enten. Es gab viel Arbeit und nie Urlaub“, erzählte die Hausbesitzerin.

Eine alte Milchkanne steht bis heute in einem Nebengebäude. „Wir Kinder haben die Milch früh zur Milchrampe nach Masten geschafft. Wir hatten vier Kannen auf dem Wagen. Die haben wir dann voll Magermilch für die Schweine wieder mit zurückgebracht. Ich hatte das so satt“, sagte sie.

In der DDR waren die kleinen Mühlenbetriebe nicht mehr gefragt. Mit Schikanen und hohen Abgaben wurde auch Karola Kunzes Vater zur Aufgabe gezwungen. Danach arbeitete er in der LPG, erzählte sie. 1969 war er ganz plötzlich gestorben. „Er wurde nur 45 Jahre alt“, sagte Karola Kunze. Die Mutter stand plötzlich allein mit zwei Kindern da. Bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren hatte sie noch mit im Haus gelebt.

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Vom alten Mühlenbetrieb ist heute nicht viel mehr übrig als ein paar Mahlsteinen, die in der Ausfahrt eingelassen sind. Das alte Mühlrad, das sich früher nachts zum Erschrecken der Schlafgäste laut knarrend in Bewegung setzte, ist lange abgebaut. In den 1970er-Jahren war die Mühlentechnik ausgebaut und das Haus zu Wohnzwecken umgebaut worden, erzählte Karola Kunze.

Nach der Wende wurde das Mühlengebäude in alter Form aber mit modernen Standards modernisiert. Heute lebt Karola Kunze allein mit ihrem Partner in dem Haus, die Kinder sind weggezogen. Sie bedauert das. „Hier sollten eigentlich zwei Generationen wohnen.“

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