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Von Hartha in die ganze Welt

Nach 28 Jahren schließt Heidrun Bernhardt ihr Reisebüro. Tausende Urlaube hat sie für Kunden gebucht. Ein einziges Mal hat das nicht geklappt.

Heidrun Bernhardt hat 28 Jahre lang für Kunden aus der Region Hartha Reisen in die ganze Welt gebucht. Jetzt schließt sie ihr Reisebüro.
Heidrun Bernhardt hat 28 Jahre lang für Kunden aus der Region Hartha Reisen in die ganze Welt gebucht. Jetzt schließt sie ihr Reisebüro. © Lars Halbauer

Hartha. Das Schild, das fast drei Jahrzehnte am Haus an der Annenstraße in Hartha auf das Reisebüro Bernhardt hinwies, wurde bereits abmontiert. Zum 31. Dezember schließt Heidrun Bernhardt. Das hat aber nichts mit Corona zu tun.

„Eigentlich sollte 2019 mein letztes Jahr sein. Aber dann hatte ich für 2020 so viele Buchungen, dass ich noch ein Jahr drangehangen habe“, erklärt die 67-Jährige. Obwohl gerade die letzten 24 Monate durch die Pleite von Thomas Cook und die Lockdowns in der Corona-Pandemie die schwierigsten waren, sagt sie aus vollem Herzen: „Das Reisebüro war genau das Richtige für mich.“

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Im Ilm-Kreis aufgewachsen, hat Heidrun Bernhardt einen für Mädchen recht untypischen Beruf gelernt: Forstwirt. Dem schloss sich das Studium zum Forst-Ingenieurökonom an. Die Liebe verschlug sie nach Hartha, wo sie bis zur Wende in der Arbeitsökonomie von Elmo tätig war. Dann sah sie sich nach einem neuen Job um.

Schwieriger Start als Quereinsteiger

„Eigentlich wollte ich in den Versandhandel. Aber das Unternehmen ging pleite, bevor ich dort einsteigen konnte“, so Heidrun Bernhardt. Bereits zu DDR-Zeiten sei sie gern verreist und hatte sich zum Wanderleiter ausbilden lassen. Deshalb sah sie in der Branche ihre berufliche Zukunft und eröffnete nach einer Umschulung bei Inbit 1992 ihr eigenes Reisebüro.

Als Quereinsteiger sei das anfangs nicht ganz einfach gewesen. „Die Kunden, die sich vorher schon mit ihrem Reiseziel beschäftigt hatten, wussten in manchen Dingen besser Bescheid als ich“, sagt sie schmunzelnd. Aber nicht nur deshalb war der Start schwierig.

Mit dem Gewerbe hat sie ein Telefon beantragt und ohne Computer ging gar nichts mehr. Aber das System hatte seine Tücken. „Ich hatte ganz schön mit der Technik zu kämpfen.“ Außerdem durften sie zu dieser Zeit nur Reisen von einem der großen Veranstalter wie Neckermann oder Tui Reisen anbieten.

Reise vor der Geburt gebucht

„Diese Vorgabe ist aber bald gelockert worden“, sagt Heidrun Bernhardt. Zum Schluss hatte sie 25 Anbieter. Die Reisemöglichkeiten seien immer vielfältiger geworden und individueller. Die Kunden hätten sich zunehmend mit „Bausteinen“, zum Beispiel Flug, Hotel und Ausflugsmöglichkeiten, ihren eigenen Urlaub zusammengebaut.

Nur ein Problem ist bis zum Schluss geblieben: „Wir sind eine Generation, die nicht gut Englisch spricht.“ Aber auch dafür habe sie immer eine Lösung gefunden.

Heidrun Bernhard verbindet viele schöne und teils auch kuriose Erinnerungen mit ihrem Reisebüro. Der jüngste Kunde, war noch nicht einmal geboren, als seine Eltern eine Reise nach Amerika gebucht haben. „Den Namen wussten sie schon, aber das Geburtsdatum haben wir erst später eingetragen“, erzählt sie.

Als etwas anstrengend erwiesen sich die Urlaubspläne eines Paares. „Sie haben zwölf Mal umgebucht. Jeden zweiten Tag kamen sie mit einer anderen Idee.“ Anfangs wollten sie auf die Kanaren reisen, letztendlich wurde es Amerika. „Dazwischen lag die ganze Welt.“

Ohne gültigen Pass am Flughafen

Mehrfach sei es passiert, dass Kunden ohne gültigen Pass auf dem Flughafen gestanden hätten. Entweder sei es gelungen, diesen vor Ort zu verlängern, oder es musste für den nächsten Tag ein Ersatzflug gebucht werden. Auch Geld habe sie in den Anfangsjahren öfter an Urlaubsorte ihrer Kunden überweisen müssen, weil diese nicht genug dabei und noch keine EC-Karte hatten.

Die preiswerteste Reise, die sie an den Mann oder die Frau gebracht hat, war kostenlos, denn sie war der Preis eines Gewinnspiels. Das meiste haben Kunden mit rund 10.000 Euro pro Person für Urlaube in Australien, auf den Kanaren und Hawaii bezahlt.

Um Geld ging es auch beim Angebot eines Mannes an Heidrun Bernhardt. Der hatte einen Gutschein in Höhe von 500 Euro von einem unseriösen Unternehmen zugeschickt bekommen und wollte diesen für 250 Euro an das Reisebüro verkaufen.

Vor dem Orkan geflüchtet

Die Harthaerin ist auch selbst viel verreist – bis zu dreimal im Jahr. „Ich habe mir immer mal angeschaut, was ich verkaufe.“ Die wildeste Reise sei die nach Costa Rica gewesen. Die Rundfahrt durch das Land in Zentralamerika sei gerade beendet gewesen, als die Regenzeit anbrach – 14 Tage eher als geplant.

Deshalb hätten einige der Reisegruppe den Urlaub in Costa Rica abgebrochen und einen Flug in die Dominikanische Republik zum Badeurlaub gebucht. Auf dem Weg zum Flughafen erlebten sie noch den ersten von drei Orkanen.

Am interessantesten sei eine Rundreise durch China gewesen. „Die war genial und mit so vielen Eindrücken, dass ich anschließend gar nicht gleich darüber reden konnte“, so Heidrun Bernhardt. Das leckerste Essen sei ein Königshummer in Finnland gewesen, auch wenn die Portion 60 Euro gekostet habe. Dort hat sie auch Gold gewaschen und sie erinnerte sich an ihren erlernten Beruf. „Ich habe noch nie so dünne Bäume gesehen, die schon so alt waren“, erzählt sie.

Künftig Kunde bei den Kollegen

Tausende Reisen hat Heidrun Bernhardt über die Jahre für ihre Kunden gebucht. Wie viele genau, kann sie nicht sagen. Nur einen Wunsch konnte sie nicht erfüllen. Eine Frau wollte die russische Halbinsel Kamtschatka besuchen, weil sie als Kind dort gelebt hatte. „Aber für die Region gab es kein Pauschalreiseangebot.“

Auch im Ruhestand zieht es die Harthaerin in die Ferne. „Dann werde ich Kunde bei meinen Kollegen im Reisebüro“, meint sie. Ihre Traumziele sind Peru, Argentinien und Jordanien. Oder noch einmal nach Gambia. Diese Reise habe ihrer Gesundheit sehr gutgetan.

Ihr nächstes Ziel liegt aber viel näher. Gemeinsam mit Ehemann Jürgen, der sie in all den Jahren unterstützt hat, möchte sie in ihrer alten Heimat, dem Ilm-Kreis, ein Zimmer in einer Pension buchen und von dort aus die Ilm-Radwege erfahren. Die Region ist zwar recht hügelig. „Aber mit dem E-Bike ist das kein Problem“, so Heidrun Bernhardt.

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