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Döbeln

Wie früher Zeitung gemacht wurde

Reinhard Kästner ist Redakteur im Ruhestand. Er hat noch die Zeit der Schreibmaschine und des Fernschreibers erlebt.

Reinhard Kästner in jungen Jahren mit der Kuriertasche, mit der die Beiträge in die Druckerei gebracht wurden. Nach der Wende gehörte er zu den ersten Redakteuren des Döbelner Anzeigers. Seit einigen Jahren ist der 70-Jährige im Ruhestand.
Reinhard Kästner in jungen Jahren mit der Kuriertasche, mit der die Beiträge in die Druckerei gebracht wurden. Nach der Wende gehörte er zu den ersten Redakteuren des Döbelner Anzeigers. Seit einigen Jahren ist der 70-Jährige im Ruhestand. © Dietmar Thomas

Von Reinhard Kästner

Döbeln. Wenn eine Zeitung 75 Jahre alt wird, ist das Anlass für Gratulationen und Rückblicke. Ich muss da zurückdenken, wie für mich die journalistische Arbeit begann, als es noch keine PC, Handys und WhatsApp gab.

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Als ich 1975 meinen Einstand in der Redaktion gab, war das nicht bei der Sächsischen Zeitung, sondern der Leipziger Volkszeitung in Döbeln. Doch der redaktionelle Alltag war im Prinzip bei allen Bezirkszeitungen damals in der DDR gleich.

Erst rechnen, dann schreiben

Der Tagesablauf damals mutet heute wie eine Erzählung aus längst vergangen Zeiten an. Und das stimmt ja auch. Wir Redakteure setzten uns zusammen, um die neue Lokalseite, damals gab es pro Kreis nur eine davon, zu konzipieren. Dann wurde „gespiegelt“. Das bedeutete, die einzelnen geplanten Artikel wurden auf eine Seite, den „Spiegel“, im Maßstab 1:1 aufgezeichnet, auch die Fotos bekamen ihren Platz und Größe zugeordnet. Nun konnte man die Länge des Artikels genau messen und auf Schreibmaschinenzeilen-Länge umrechnen. Denn die Texte wurden mit der Schreibmaschine verfasst, oft auch der Sekretärin diktiert, die natürlich flinker mit den Tasten war als wir Redakteure.

Für die Fotos stand für die Kreise Döbeln und Oschatz nur ein Fotograf zur Verfügung. Turnusmäßig war er für die Wochentage aufgeteilt. Gab es außerhalb der Planung einen wichtigen Fototermin, musste das mit der anderen Redaktion abgestimmt werden. Der Fotograf entwickelte die Bilder in seinem Labor in Oschatz, von dort wurde das Foto in die Druckerei nach Leipzig geschickt.

Per Kuriertasche in die Druckerei

Überhaupt war der Transport der Beiträge in die Druckerei ein nicht einfaches Kapitel – mit den heute zahlreichen elektronischen Möglichkeiten unvorstellbar. So wurde das gesamte Material für die Lokalseite des folgenden Tages in eine Aktentasche, die mit Vorhängeschloss gesichert war, gepackt.

Unsere Kurierfrau kam gegen 11 Uhr in die Redaktion, um die Tasche mit dem Stadtbus zum Bahnhof zum Zug nach Leipzig zu bringen. Dort gab sie die Tasche an den Zugbegleiter, der sie wiederum nach Ankunft auf dem Leipziger Hauptbahnhof an den Kurier übergab. Dabei kam es nicht selten vor, dass diese Übergabe aus verschiedensten Gründen, zum Beispiel Stress des Zugbegleiters, nicht erfolgte.

Im Gepäckwagen vergessen

Übrigens ist es mehrfach vorgekommen, dass es an der Staatsgrenze aufgefallen ist, dass im Gepäckwagen noch eine Kuriertasche der LVZ lag. Sie wurde dann mit einem Tag Verspätung zurückgeschickt. Dann rief gegen 15 Uhr die Leipziger Redaktion in Döbeln an, um mitzuteilen, dass das Material nicht eingetroffen ist.

Nun begann eine fieberhaftes Suchen nach den Textdurchschlägen, der Spiegel musste neu gefertigt werden und, und, und. Die Zweitausfertigung musste nun per Pkw „Trabant“ nach Leipzig geschafft werden, damit die Setzer in der Druckerei noch einigermaßen pünktlich ihre Arbeit beginnen konnten.

Recherche mit Benzinkontigent

Für diese Fahrt mussten wir aber unser Benzinkontingent schröpfen. Wir hatten eine Zuteilung an Benzin, die im Monat etwa für 560 Kilometer Fahrtstrecke reichte. Wenn diese erschöpft war, mussten verstärkt das Telefon zur Recherche genutzt werden, aber auch diese Kosten waren vorgegeben. Und wenn es gar nicht anders ging, wurde der Tacho abgeschraubt und Benzin auf eigene Kosten getankt, was aber nicht erlaubt war. Welche Erleichterung war es für uns, als in den 1980er Jahren der Fernschreiber Einzug in der Redaktionsstube hielt. Nun mussten nur noch die Fotos per Kurier nach Leipzig geschickt werden.

Nach der Wende, ich hatte da direkt beim Döbelner Anzeiger angeheuert, als der PC die Arbeit von uns Redakteuren förmlich revolutionierte, und sogar Fotos per Datenfernübertragung (DFÜ) per Telefonleitung zur Druckerei geschickt wurden, hörten manche Kollegen meinen Schilderungen aus längst vergangenen Tagen mit offenen Mund zu.

Erstes Fax war die Hitparade

Eine Begebenheit aus dem Jahr 1990 bleibt mir unvergesslich: als wir das erste Fax erhielten. Und das aus folgendem Grund: Als Rockmusikfan hatte ich mich dafür eingesetzt, die „Hitparade“ des Jugendsenders DT 64 im Döbelner Anzeiger zu veröffentlich. Und genau diese Aufstellung war es, die als erstes Fax in unsere Redaktion ankam. Auch die Kollegen des Senders waren hoch erfreut, dass wir ihre Charts nun regelmäßig abdruckten, denn das war noch nicht üblich.

So gäbe es noch viele Begebenheiten aus dem Alltag eines Redakteurs zu berichten, die untrennbar mit der technischen Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten verbunden sind.

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