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Wohin entwickeln sich die Mieten?

Im Landkreis Mittelsachsen gibt es genügend Wohnraum für Geringverdiener. Das ist selten in Deutschland.

Wohnungen in oder am Rand der Döbelner Innenstadt sind begehrt. Grund sind kurze Wege in Supermärkte, Einzelhandelsgeschäfte ins Theater und zu Festen. Dadurch kann das Auto öfter stehenbleiben.
Wohnungen in oder am Rand der Döbelner Innenstadt sind begehrt. Grund sind kurze Wege in Supermärkte, Einzelhandelsgeschäfte ins Theater und zu Festen. Dadurch kann das Auto öfter stehenbleiben. © Dietmar Thomas

Mittelsachsen. Mittelsachsen zählt zu den wenigen Landkreisen und kreisfreien Städten mit annähernd stabilen Mieten im unteren Segment. Das ist das Fazit des Pestel-Instituts für Systemforschung. Das hat Mittelsachsen auf den „Wohn-Prüfstand“ für Haushalte mit niedrigem Einkommen gestellt.

Die vom Jobcenter übernommenen Mieten für Single-Haushalte stiegen danach zwischen März 2014 und August 2020 um 8,1 Prozent und damit etwas stärker als die Verbraucherpreise, die in diesem Zeitraum nur um 6,5 Prozent zulegten. Bundesweit stiegen die von den Jobcentern übernommenen Mieten für Single-Haushalte dagegen um rund 26 Prozent.

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Jobcenter als zuverlässiger Zahler

„Bei den Mieten wird oft rausgeholt, was rauszuholen ist. Dabei bauen Vermieter auf die Jobcenter als zuverlässige Zahlstelle. Diese übernehmen die Kosten für Wohnungen mit einfachem Standards.

Auf genau diese Wohnungen sind aber nicht nur Hartz-IV-Empfänger angewiesen, sondern eben auch die vielen anderen Haushalte mit niedrigen Einkommen“, sagt der Leiter des Pestel-Instituts Matthias Günther. Das Angebot an günstigen Wohnungen sei rar. Gerade Neuvermietungen nutzten viele Vermieter, um Maximalmieten zu erzielen.

Axel Buschmann, beim Mieterverein Meißen zuständig für die Region Döbeln, kann das weder bestätigen noch dementieren. Zwar gebe es vereinzelt Mieterhöhungen. Für die müsse der Vermieter aber drei Vergleichswohnungen nachweisen, die denselben Standard aufweisen. Denn für Döbeln gibt es keinen Mietspiegel, der als Orientierung dienen könnte.

Gerrit Muntschick vom Fonds- und Wohnzentrum in Döbeln meint dagegen. „Für jeden gibt es für sein Portemonnaie eine Wohnung.“ Die Spanne der Kaltmiete liege in Döbeln zwischen 3 und 8,50 Euro. Es gebe eine große Vielfalt an Wohnungen.

Natürlich dürften Mieter einer Wohnung mit geringer Grundmiete kein Luxusappartement erwarten. Derzeit gebe es einen Überhang an Zweiraum-Wohnungen. Darunter seien auch solche, die sich Jungverdiener oder Rentner leisten könnten. Dagegen fehlten größere Familienwohnungen.

Impulse für den Wohnungsmarkt

Menschen mit einem besseren Einkommen würden in Döbeln die Klostergärten, das Klosterviertel oder den Geyersberg bevorzugen, die als Top-Lagen gelten. Bei der Wahl der Wohnung werde sowohl auf den Standort des Hauses, dessen äußeres Erscheinungsbild, die dort lebenden Mieter als auch die Ausstattung der Wohnung, zum Beispiel mit Badewanne und Dusche sowie Kaminanschluss geachtet.

„Die Ansiedlung des Rechnungshofes, von Karls Erdbeerhof und die mögliche Zugverbindung über Nossen nach Dresden könnten künftig auch Impulse für den Wohnungsmarkt sein“, meint der Makler.

Um eine bessere Orientierung bei Wohnungsangeboten zu bekommen, gibt es jetzt ein Mieter-Gütesiegel. „Meinfairmieter“ prüft als Wohnungsmarkt-Label insbesondere die soziale Verantwortung von Vermietern. Matthias Günther hat die Gründung des Gütesiegels mit initiiert.

Auch wenn sich die Entwicklung im Landkreis Mittelsachsen bisher positiv vom Durchschnitt abhebt, werde das Siegel als „Sozial-Kompass für den Wohnungsmarkt“ auch im Landkreis Mittelsachsen langfristig wirken – und für weite Teile der Bevölkerung eine hohe Relevanz haben, meint der Leiter des Pestel-Instituts.

Unmut unter Vermietern

Fast ein Viertel der Beschäftigten arbeitet nach Angaben des Instituts bundesweit im Niedriglohnsektor: Vom Mindestlohnbezieher über Alleinerziehende bis hin zu Rentnern, die ihre kleine Rente mit einem Minijob aufbesserten.

„Der Staat agiert inzwischen mangels eigener Wohnungen in vielen Regionen als Mietentreiber, weil er Mieten akzeptieren muss, bei denen viele Vermieter offensichtlich die Schmerzgrenze ausreizen“, so Matthias Günther.

Aber auch unter den Vermietern mache sich zunehmend Unmut breit. Sie fühlen sich zu Unrecht in der Schublade der „gierigen Vermieter“ wieder. „Wie alle anderen Unternehmen müssen auch Wohnungsunternehmen Gewinne erzielen, um langfristig bestehen zu können. Die Umsetzung jedes Mieterhöhungsspielraums ist dabei aber nicht nötig. Gerade beim Grundbedürfnis Wohnen kann der Grundsatz, dass der Gebrauch von Eigentum zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll, nicht stark genug betont werden“, so Günther.

Fast jeder Wunsch erfüllbar

Dieser Ansicht ist auch Wolfgang Müller von der WM Immobilien GmbH. „Wir haben die Miete seit 20 Jahren nicht erhöht“, sagt er. Die Grundmiete betrage 4,60 Euro pro Quadratmeter. Dafür sei er in der Lage, angemessenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. „Wir können fast jeden Wunsch bedienen“, meint er. Dabei schaue er auch darauf, dass die Mieter in einem Haus zusammenpassen.

Der Standard der Wohnungen habe sich trotzdem im Laufe der Jahre verbessert. Denn beim Wechsel von Mietern würden die Räume den aktuellen Gegebenheiten angepasst. „Wir haben lieber eine sehr gute Vermietung, die derzeit bei 95 Prozent liegt, als Leerstand“, begründet er das Vorgehen.

Zu Müllers Immobilienbestand gehören auch viele Gewerbeeinheiten. Dass Handel und Gastronomie in der Stadt erhalten bleiben, liegt ihm sehr am Herzen. „Deshalb stelle ich die Renovierung einer Dreiraum-Wohnung auch schon mal hinten an, wenn ein Gewerbeobjekt fertig werden muss“, sagt er.

Wohnen in der Innenstadt – das wollen die Menschen, so seine Erfahrung. Grund seien kurze Wege für Erledigungen und zu Festen, sodass das Auto auch einmal stehen bleiben kann. Zwischen den Großstädten Leipzig, Chemnitz und Dresden sieht Wolfgang Müller Döbeln als Wohnstadt der Zukunft. „Die Lage bietet riesige Chancen“, ist er überzeugt.

Mehr Informationen unter: www.meinfairmieter.de.

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