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Hickhack um neues Wohngebiet in Roßwein

Nachdem Einwohner des Ortes zu Wort gekommen sind, wollen die Abgeordneten noch einmal nachdenken. Eine schwierige Entscheidung wird es allemal.

Im Anschluss an das bestehende Wohngebiet in Haßlau (links) will die Stowasser Bau GmbH aus Roßwein einen neuen Eigenheimstandort entwickeln. Voraussetzung dafür ist, dass die Stadträte dem Aufstellen eines Bebauungsplanes zustimmen.
Im Anschluss an das bestehende Wohngebiet in Haßlau (links) will die Stowasser Bau GmbH aus Roßwein einen neuen Eigenheimstandort entwickeln. Voraussetzung dafür ist, dass die Stadträte dem Aufstellen eines Bebauungsplanes zustimmen. © Dietmar Thomas

Roßwein. Wollen wir ein neues Baugebiet für Eigenheime oder nicht? Diese Entscheidung war für den Standort Niederstriegis nur eine Sache von Minuten. Für Haßlau dagegen erbaten sich die Roßweiner Stadträte nach längerer Erörterung mit Anwohnern in der Bürgerfragestunde zu Beginn der Ratssitzung schließlich noch Bedenkzeit aus. Auf Antrag von Daniel Müller (CDU) vertagten sie den Beschluss. In den Fraktionen soll noch einmal abgewogen werden.

Silvia Haupt und andere Einwohner von Haßlau wollten sich zunächst einmal darüber informieren, was hinter der Erstellung des Bebauungsplanes für ihren Ort steckt, wie das Verfahren ablaufen soll und was im Detail geplant ist. Heiko Vogel sprach von einem ländlich geprägten Dorf. „Ist das auch weiter gewährleistet?“, wollte er wissen.

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Die Intuition von Stadt und Investor

Vize-Bürgermeister Hubert Paßehr (CDU) zufolge hat Roßwein deutlich mehr zu bieten, als der Ruf der Stadt vermuten lässt. „Wir haben Anfragen nach Bauplätzen“, so Paßehr. Die würden von jungen Menschen kommen, die in Leipzig oder Dresden arbeiten und in Roßwein und Umgebung wohnen wollen.

„Deshalb sollten wir unsere Zukunft als Wohnstandort sehen“, so Paßehr. Und daher sei es wichtig, entsprechende Flächen für Wohnbebauung auszuweisen und anzubieten. „Sonst haben wir kaum Chancen, junge Menschen hier bei uns anzusiedeln.“

Die Bedenken der Nachbarn

Jens Krause argumentierte mit dem Verlust wertvollen Ackerlandes. Außerdem fragte er, ob das Bauland überhaupt gebraucht werde. Die letzte Fläche in dem Gebiet, in dem er wohne, sei mangels Interessenten nach vielen Jahren mit Garagen bebaut worden, sagte er.

© SZ Grafik

Silke Krause äußerte dahingehend Bedenken, dass das Dorf für eine solche Bebauung überhaupt geeignet ist. Die Anwohner würde durch die Zuzüge eine Überlastung der ohnehin engen Straßen befürchten.

Eine Befragung der Haßlauer habe ergeben, dass es überwiegend Bedenken gibt, dass die vorhandene Infrastruktur zur geplanten Entwicklung passt, sagte ein Anwohner. Er zeigte auf eine Liste in seiner Hand. Darauf hätten viele Nachbarn unterschrieben.

Stadträte wollen gründlich abwägen

Der Stadt bestes – das sollte das Leitmotiv der Räte für ihre politische Entscheidung sein, sagte Paßehr. Die bedeute in jedem Fall auch, sich gegen etwas stellen zu müssen: das Wohngebiet oder die weitere Landbewirtschaftung.

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Iris Claassen (Freie Wähler) stört an dem Projekt unter anderem, dass wieder Flächen versiegelt würden. Das passiere jeden Tag in Mittelsachsen schon mit 0,75 Hektar. Rico Söhnel (CDU) tendiere nun dazu, zunächst die noch freien Eigenheimstandorte an der Etzdorfer Straße und später das Erweiterungsgebiet in Niederstriegis anzubieten, statt weitere neue Bauflächen auszuweisen.

Jens Tamke (AfD) sieht sich der Gleichbehandlung verpflichtet. „Warum sollten wir den nächsten verwehren aufs Land zu ziehen, dort zu bauen?“, fragte er. Einige der Familien, die jetzt Bedenken haben, hätten sich vor Jahren selbst bewusst dafür zu entschieden, in einen Ort, in dem es auch mal stinkt, zu ziehen und dort leben zu wollen.

So geht es jetzt mit den Plänen weiter

Stimmen die Stadträte für die Erstellung eines Bebauungsplanes, dann geht es auf der Grundlage eines Vorentwurfes in die Feinplanung. Im Moment sollen auf 2,4 Hektar Fläche schrittweise bis zu 20 Eigenheime entstehen.

In dem Verfahren, in dem Baurecht hergestellt wird, werden Behörden einbezogen, die schauen, ob die Erschließung gesichert ist, ob Belange des Natur- und Umweltschutzes berührt sind. Gegebenenfalls gibt es Auflagen.

Pro Standort Haßlau: Wohnen muss bezahlbar bleiben

Dirk Stowasser ist Geschäftsführer der Stowasser Bau GmbH Roßwein und möchte in Haßlau investieren. Schon den ersten Wohnbaustandort dort hat das Unternehmen initiiert.
Dirk Stowasser ist Geschäftsführer der Stowasser Bau GmbH Roßwein und möchte in Haßlau investieren. Schon den ersten Wohnbaustandort dort hat das Unternehmen initiiert. © Thomas Kruse

"Laut dem der Stadt Roßwein seit längerem vorliegenden Bebauungsplanentwurf sollen in Haßlau in den nächsten bis zu 20 Jahren etappenweise rund 20 und nicht 40 Eigenheime entstehen, wobei nur 2,4 und nicht 25 Hektar bebaut werden sollen. Ackerland soll ebenfalls nicht verloren gehen, im Gegenteil.

Es könnte mehr Ackerland entstehen. Möglich ist das durch die in absehbarer Zeit beginnende Rekultivierung des Kiessandtagebaus Ossig. Der könnte bei Projektrealisierung in Haßlau in eine landwirtschaftliche Fläche umgewandelt werden. Alles andere sind Falschinformationen.

Die Stadt Roßwein hat uns geschildert, dass für Bauinteressierte wenig bis keine Bauplätze zur Verfügung stehen. Die Werner Stowasser Bau GmbH möchte daher preisgünstiges, erschlossenes Bauland im ländlichen Raum anbieten, bauträgerfrei. Der Traum von eigenen vier Wänden soll für Arbeiter und Beschäftigte aus der Mitte der Gesellschaft in Roßwein umsetzbar sein.

Bauland wie in Döbeln mit Preisen zwischen 100 und 150 Euro pro Quadratmeter dürften im Zusammenhang mit gestiegenen Baupreisen für viele junge Familien nicht mehr finanzierbar sein. Wir verkauften an einem anderen Standort gerade Bauland für 29 Euro pro Quadratmeter.

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Mich selbst verwundert die jetzt aufgekommene Kritik. Wir haben in Haßlau vor 26 Jahren einen Wohnbaustandort geplant. Entstanden sind 20 Wohnungen und zwölf Einfamilienhäuser. Viele junge Familien fanden hier ein neues Zuhause. Das Dorf wurde dadurch belebt, auf dem Sportplatz spielen beinahe jeden Tag Kinder. Weiterer Zuzug kann auch Chancen mit sich bringen, zum Beispiel auf Fördergeld für den Ausbau von Straßen oder Geh- und Radwegen."

Kontra Standort Haßlau: Lebensraum für Tiere und Ackerland verschwinden

Ulrich Klausnitzer wohnt in Haßlau und betreibt dort ein Fachbüro für Naturschutz und Landschaftsökologie.
Ulrich Klausnitzer wohnt in Haßlau und betreibt dort ein Fachbüro für Naturschutz und Landschaftsökologie. © Dietmar Thomas

"Obwohl ich auch in Haßlau wohne, bin ich nicht als unmittelbarer Nachbar von einer möglichen Bebauung am Ortsrand betroffen. Mir geht es in erster Linie um unsere Ressourcen Natur und Boden.

In der Nähe des geplanten Eigenheimstandortes befinden sich mehrere Schutzgebiete. Nach Westen in Richtung Geymühle zum Beispiel ein sogenanntes Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebiet, kurz FFH-Gebiet. Im Osten, in Richtung Ossiger Brücke, ein nach EU-Recht geschützter Lebensraum: ein Bachauenwald am Kaiserbach.

Das im Norden nach 50 Metern angrenzende Bachtal mit dem Gehölzbestand sind Biotope nach Sächsischem Umweltrecht. Viele Tierarten profitieren von dieser unzerschnittenen und reichhaltigen Naturausstattung. Dort ist zum Beispiel die streng geschützte und stark gefährdete Mopsfledermaus nachgewiesen.

Deren Bestand in diesem Gebiet würde durch eine Lichtverschmutzung durch nächtliche Beleuchtung höchstwahrscheinlich verdrängt, weil aus gleichem Grund auch weniger Insekten und damit Nahrung vorhanden sein dürfte.

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Ähnlich sieht es mit dem Rotmilan aus. Diese Vogelart ist ebenfalls streng geschützt. Sie braucht zum Jagen eine große freie Fläche. Diese würde mit einer Bebauung verlorengehen. Weitere geschützte Vogelarten, die in Haßlau heimisch sind, sind Pirol, Waldkauz und Kuckuck. Sie stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere.

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Diese Frage beschäftigt einige Roßweiner Stadträte. Und auch Leser haben ähnlich auf den Bericht über neue Eigenheime in Niederstriegis reagiert.

Auch sie würden sich, wenn dort Eigenheime entstehen, aus diesem Lebensraum zurückziehen. Für bedenklich halte ich die Aufgabe von ausgezeichnetem Ackerland. Es ist mit einer Ackerzahl von 60 mit das Beste, das wir in Sachsen haben. Es ist das Tafelsilber für unsere zukünftige Ernährung."

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