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Veranstalter in der Krise

Der zweite Lockdown und die Planungsunsicherheit machen den Eventfirmen zu schaffen. Eine Bestandsaufnahme.

Trotz aller Schwierigkeiten will Nino Richter, der für Waldheim die Stadtfeste plant, den Blick nach vorn richten.
Trotz aller Schwierigkeiten will Nino Richter, der für Waldheim die Stadtfeste plant, den Blick nach vorn richten. © Lars Halbauer

Von Dagmar Doms-Berger

Region Döbeln. Die Stimmung in der Veranstalterszene ist gedrückt. Die Corona-Krise hat die Branche schwer getroffen. Bühnen und Festplätze bleiben leer, die Kassen ebenso.

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Der zweite Lockdown und die Planungsunsicherheit macht den Veranstaltern zu schaffen. Bisherige Konzepte stehen auf dem Prüfstand. Die Zukunft ist ungewiss. Saechsische.de fragte bei Veranstaltern in der Region nach.

Nino Richter blickt nach vorn

Nino Richter (31) aus Waldheim plant jährlich die Waldheimer Feste. Momentan versucht er, das Waldheimer Stadtfest für das erste Augustwochenende vorzubereiten. „Nur im Grobkonzept“, sagt er. „Und mit angezogener Handbremse.“ Er ist sich sicher, dass es auch dann nicht ohne Auflagen über die Bühne gehen wird.“ Um die Hygieneauflagen einzuhalten, bedarf es mehr Aufwand und damit mehr Geld. Diese zusätzlichen Kosten an die Händler und Schausteller weiterzureichen, mache für ihn aber keinen Sinn. Er hat schon zwei Absagen für die Hauptacts, weil es die Künstler inzwischen nicht mehr gibt oder sie bereits gebucht sind.

Von der Idee des Impfpasses und den damit einhergehenden Privilegien hält Richter nichts. „Das führt noch mehr zur Spaltung der Gesellschaft“, sagt er. In den letzten Jahren habe die Kluft zwischen Arm und Reich bereits für eine Spaltung gesorgt. Mit der Privilegierung durch die Impfung würde eine weitere Spaltung hinzukommen. Seiner Ansicht nach dürfe die Politik dies nicht zulassen.

Drei Standbeine

Der Waldheimer ist nicht nur Veranstalter, seine Selbstständigkeit fußt auf drei Standbeinen. Neben dem Eventmanager ist er auch Musiker und Schlagzeuglehrer. Aber mit Beginn des Lockdowns lagen alle drei Tätigkeitsfelder am Boden. Sein Umsatz ist um 90 Prozent gesunken. Als Veranstaltungsplaner kann er nicht planen, als Musiker mit seiner Band Jolly Jumper nicht auftreten und als Lehrer, unter anderem im Rahmen der Ganztagsangebote (GTA), nicht unterrichten. Auf drei bis vier Monate hatte er sich eingestellt und hoffte, dass sich im Herbst alles wieder relativiert. Aber die Kulturbranche ist im März seit einem Jahr im Lockdown.

Mit seiner Band habe er im Herbst gerade mal drei Muggen (Mugge steht für Musikalisches Gelegenheitsgeschäft) machen können.Die GTA liefen ab Mai 2020 wieder an, mit der Schulschließung im November ging aber auch hier nichts mehr. Bis Jahresende haben die meisten Schulen das GTA-Honorar noch gezahlt, aber nicht alle. Die erste Coronahilfe im Frühjahr hat er erhalten, aber die bezog sich ausschließlich auf die Betriebskosten, Lebenshaltungskosten durften damit nicht bezahlt werden. Er hat Räume gemietet, die er für die Lagerung der Bühnentechnik und zum Proben nutzt.

Fixkosten weitestgehend gedrückt

Auf die Frage, ob die Politik mehr machen müsste, sagt er: „Sie müsste vor allem das machen, was sie zugesagt hat.“ Die Novemberhilfe war bis 10. Februar, bis auf eine Abschlagszahlung, nicht überwiesen. Die Dezemberhilfe durfte erst kürzlich beantragt werden, die Überbrückungshilfe III seit dem 10. Februar. Finanziell werde es eng, sagt Richter. Er wisse beispielsweise momentan nicht, wie er seinen erhöhten Krankenkassenbeitrag bezahlen solle.

Sonstige Fixkosten hat er, soweit es möglich ist, gedrückt. Der Bandbus ist abgemeldet, die Gesellschaftsform der Band ist geändert. Die Band war bislang eine GbR, Gesellschaft bürgerlichen Rechts, sie läuft jetzt als UG, als Unternehmergesellschaft. Der Unterschied: Bei einer GbR haftet der Gesellschafter „mit allem, was er hat“, wohingegen bei einer UG das Vermögen der Gesellschaft beschränkt ist, der Gesellschafter also nicht persönlich haftet. Aufgeben ist für Nino Richter keine Option. Sein Blick geht nach vorn. Er bereitet sein viertes geschäftliches Standbein vor: den Verleih von Musikinstrumenten.

Michael Köhler verliert 90 Prozent Umsatz

Für 2020 hatte Michael Köhler 86 Veranstaltungen geplant, darunter Stadt- und Dorffeste, Oktoberfeste und Konzerte. Stattgefunden haben am Ende insgesamt sechs. Seine Umsatzeinbußen belaufen sich auf 90 Prozent. „Wir haben ja noch die Gastronomiebelieferung im Portfolio und da ging noch was. Das beschränkte sich aber nur auf die Monate September und Oktober“, so Köhler. Die letzte Veranstaltung war das Oktoberfest in Mittweida, das aber nur mit hohen Hygieneauflagen durchgeführt werden durfte. Die Vorbereitungen waren dementsprechend aufwendig, zeitlich und personell. Viel übrig blieb am Ende nicht.

Köhler kritisiert, dass es keine Planungssicherheit gibt. „Man kriegt immer wieder die Keule von der Politik.“ Veranstaltungen lassen sich nicht von heute auf morgen stemmen, da braucht es Vorlauf. Gegenwärtig bereitet er mit Gunter Roßberg vom Kultur- und Sportbetrieb Hartha das städtische Brunnenfest für den Monat Juni vor. In vorsichtiger Planung ist auch der Döbelner Autofrühling, ebenso auch das Frühlingsfest der Schausteller, wobei der Zeitpunkt noch nicht feststeht.

Nur Abschlagszahlung erhalten

Mit den zur Verfügung gestellten Fördermitteln könne man ein Unternehmen minimal am Leben halten, wenn sie denn ausbezahlt würden, meint Köhler. Von der Novemberhilfe hat auch er nur eine Abschlagszahlung erhalten. Seine Mitarbeiter sind seit 18. März 2020 in Kurzarbeit.

Die Idee des Corona-Impfpasses hält Michael Köhler für eine ganz schlimme Entwicklung. Er spricht von Zweiklassengesellschaft und gibt zu bedenken, dass gegenwärtig gerade mal drei Prozent der Bevölkerung durchgeimpft sind. Der Vorschlag ist aus seiner Sicht nicht zu Ende gedacht. „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, so Köhler.

Harthaer Eigenbetrieb plant Brunnenfest

Der Kultur- und Sportbetrieb Hartha als Eigenbetrieb der Stadt Hartha ist Veranstalter für das jährliche Brunnenfest, den Weihnachtsmarkt und das Neujahrskonzert. „Gegenwärtig sind wir dabei, unser Brunnenfest zu planen“, sagt Leiter Gunter Roßberg. Das Fest soll am ersten Juniwochenende, vom 4. bis 6. Juni, stattfinden. Die Planung basiert auf dem Konzept vom vergangenen Jahr. „Wir fragen gerade die Künstler ab“, so Roßberg. „Die Verträge werden angepasst und mit einer sogenannten Corona-Klausel versehen.“

Veranstaltungen, die in der Hartharena stattfinden sollten, wurden auf dieses oder schon nächsten Jahr verschoben. Die Veranstaltung „Cornamusa“, die bereits für März 2020 geplant war, wurde zunächst auf November 2020 verlegt und soll nun am 8. Mai 2021 stattfinden. Der Supervulkan, eine Veranstaltung des Miskus, wurde gleich vom September 2020 um ein Jahr verschoben, auf September 2021. Die Eintrittskarten behalten ihre Gültigkeit. Und die große Schlagerhitparade konnte im Oktober ebenfalls nicht stattfinden. Sie soll am 20. März 2022 über die Bühne gehen.

WelWel verschiebt und streicht Veranstaltungen

Die Veranstaltungen im WelWel (Dr. Mark Benecke, Ute Freudenberg, „Gestört aber Geil“) sind ins Jahr 2022 verschoben, andere (Zwingertrio) ersatzlos gestrichen. Ob es einen Abi-Ball geben wird, steht noch in den Sternen. „Wir haben zwar mit unserem Hygienekonzept und mit unseren räumlichen Voraussetzungen die weit und breit besten Bedingungen für IN-House-Events, wenn man aber alle Sinne beisammen hat, wird man nur ‚Sitzveranstaltungen‘ zulassen“, sagt Thorsten Hartwig, Geschäftsführer des WelWel Döbeln. „Wir hatten und haben eine klare Meinung zu Veranstaltungen, bei denen das Hygienekonzept, so gut es auch gedacht ist, einfach nicht umsetzbar ist.“

Aus Erfahrung weiß er, dass er das Hygienekonzept bei einigen Veranstaltungen, etwa beim Abi-Ball, nach drei Caipirinha wegschmeißen kann. Der Unternehmer sieht deutlich, dass auch das Restaurant auf absehbare Zeit keinen Gewinn abwerfen wird. Gesellschaften mit 30 bis 100 Gästen werden für längere Zeit nicht möglich sein. „Da das bisher zu etwa 80 Prozent unseren Restaurantumsatz abgedeckt hat, werden wir das bisherige Konzept überdenken müssen.“

Düstere Aussichten

Für das WelWel sind die Aussichten düster. Die finanzielle als auch die personelle Situation ist schwierig. Die Überbrückungshilfe II kam zwar vollständig und zeitnah. Die November- und Dezemberhilfe war, zwar in Abschlägen, nach einer Woche auf dem Konto. „Wir kommen aber nicht mit einer „0“ aus dieser Situation“, sagt Thorsten Hartwig. Auch gestundete Rechnungen müssten irgendwann zurückgezahlt werden.

Für die Angestellten sei es äußerst schwierig, mit 60 Prozent des ohnehin schon niedrigen Gehaltes über mehrere Monate auszukommen. „Zwar versuchen wir als Arbeitgeber unser Bestes, um einen gewissen Ausgleich zu schaffen, aber auf Dauer hält das niemand durch“, so Hartwig. „Wir als Firmeninhaber, die weder angestellte Geschäftsführer noch Einzelunternehmer oder Soloselbständige sind, bekommen keinen Cent.“

Wiederanlauf wird schwierig

Sämtliche Kosten seien derzeit heruntergefahren. Schwierig werde es aber, wenn die Verbote nach und nach aufgehoben werden, der Kostenblock aber nahezu auf 100 Prozent hochgefahren werden muss, in den ersten zwei bis drei Monaten aber nur 50 bis 60 Prozent der Umsätze erzielt werden, so die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown.

Dem Corona-Impfpass als Eintrittskarte steht Thorsten Hartwig positiv gegenüber: „Obwohl ich grundsätzlich dafür bin, ist es wohl noch zu früh darüber zu diskutieren. Es wird sicher dann ein Thema, wenn es kein Problem mehr ist, die Impfung zeitnah zu erhalten.“ Darüber hinaus denkt er, dass so ein Vorhaben derzeit „die Gesellschaft noch mehr spalten wird, sofern das überhaupt noch geht.“

Mitglieder des WelWel Sport- und Tanzvereins beim Döbelner Stadtfest 2019.
Mitglieder des WelWel Sport- und Tanzvereins beim Döbelner Stadtfest 2019. © Dietmar Thomas

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