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Warum in einem ehemaligen Edeka geradelt wird

Schon seit seiner Kindheit beschäftigt sich Clemens Kircher mit Fahrrädern. Bald will er ganz besondere „Drahtesel“ in Kriebethal entwickeln.

Maike Hilpert und Clemens Kircher richten im ehemaligen Edeka-Markt Kriebethal und in der im gleichen Haus befindlichen früheren Sparkassen-Filiale eine Werkstatt und den Vertrieb für Lastenräder und medizinische Ergometer ein.
Maike Hilpert und Clemens Kircher richten im ehemaligen Edeka-Markt Kriebethal und in der im gleichen Haus befindlichen früheren Sparkassen-Filiale eine Werkstatt und den Vertrieb für Lastenräder und medizinische Ergometer ein. © Dietmar Thomas

Kriebstein. Seit mehreren Jahren stört die Anwohner des Kriebsteiner Ortsteils Kriebethal das Gebäude, in dem sich der Edeka-Markt und die Sparkassen-Filiale befanden. Damit ist es nun vorbei.

Es regt sich wieder etwas in der Immobilie an der Robert-Koch-Straße. Im Dezember vergangenen Jahres hat Clemens Kircher das Gebäude gekauft. Er will mit seinem innovativen Unternehmen „Kircher soloutions“, mit dem er Lastenfahrräder und medizinische Ergometer entwickelt, schon im Frühjahr einziehen. Bis dahin gibt es noch viel Arbeit für ihn und seine Lebenspartnerin Maike Hilpert.

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Fahrräder sind die Leidenschaft des 30-Jährigen, der mit seiner Familie in Hartha lebt. Als er 13 Jahre alt war, bekam er sein erstes Rennrad. „Nur neun Wochen später habe ich es kaputt gefahren. Ich war ohne Licht unterwegs und habe ein Unfall gebaut“, erzählt Clemens Kircher. Daraufhin sei er sozusagen gezwungen gewesen, das Rad wieder aufzubauen.

Die Bastelleidenschaft wird geweckt

Radsportbegeistert war er in dieser Zeit bereits. Dann wurde in ihm aber auch die Bastelleidenschaft geweckt. Mit etwa 17 Jahren hat der aus der Lausitz stammende Kircher erste Fahrradteile entwickelt.

Das war noch vor Beginn seines Studiums zum Wirtschaftsingenieur für Maschinenbau, wo sich seine Leidenschaft für die Entwicklung effizienter Fahrräder weiter verfestigte. Sofort nach Abschluss des Studiums begann er 2015 als Selbstständiger in diesem Bereich.

Bei der Entwicklung der Lastenfahrräder legt Clemens Kircher besonders viel Wert darauf, dass diese leicht, schnell und wendig sind. Obwohl im ehemaligen Edeka-Markt noch gebaut wird, steht ein Modell bereits in der Halle. „Der Rahmen ist aus Aluminium, und das gesamte Rad wiegt unter 20 Kilogramm“, erklärt Clemens Kircher. Rund 160 Kilogramm an Lasten kann es befördern.

Durch die spezielle Seilzuglenkung kann das Vorderrad im 90-Grad-Winkel eingelenkt werden. Damit verfügt das Gefährt über einen kleinen Wendekreis, obwohl es relativ lang ist.

Clemens Kircher fährt eine Runde mit dem von ihm entwickelten Lastenfahrrad.
Clemens Kircher fährt eine Runde mit dem von ihm entwickelten Lastenfahrrad. © Dietmar Thomas

Fahrradrahmen aus Übersee

Die Rahmen bestellt Kircher in hohen Stückzahlen und lässt sie in Containern aus Übersee liefern. „Ein Container fasst 100 Stück. Ich brauche also dringend mehr Platz“, erzählt der 30-Jährige. Doch das ist nicht der alleinige Grund.

Platz benötigt er außerdem für die Fertigung und Entwicklung von Fahrrädern für den medizinischen Bereich. Kircher arbeitet derzeit an Aufträgen für medizinische Ergometer für Magnetkardiografen.


Um exakte Messergebnisse der Herztätigkeit zu erhalten, müssen für die Ergometer Teile aus Carbon verwendet werden, beispielsweise für Rahmen und Sitzschalen. Diese spezielle Fertigung soll bereits im Frühjahr in Kriebethal anlaufen, auch wenn bis dahin alle Umbauarbeiten noch nicht abgeschlossen sein werden.

In der ehemaligen Edeka-/Sparkassen-Filiale in Kriebethal kann Kircher seine Vorhaben nun endlich umsetzen. Deshalb freut er sich sehr, dass es mit dem Kauf der Immobilie geklappt hat. „Als ich den Kaufvertrag Ende Dezember unterschrieben habe, war das für mich und meine Frau ein bisschen wie ein Weihnachtsgeschenk“, sagt er.

Immobilie auf dem letzten Meter gerettet

Froh ist auch Kriebsteins Bürgermeisterin Maria Euchler (Freie Wähler) darüber, dass in die Immobilien wieder Leben einzieht. „Nicht mehr lange, dann wäre die Bausubstanz nicht mehr zu retten gewesen“, sagt sie.

Dass das Gebäude zum Verkauf steht, hat Maike Hilpert auf einem Kleinanzeigen-Portal im Internet entdeckt. „Das war zu Ostern vergangenen Jahres“, erzählt Clemens Kircher. Bis Weihnachten habe es dann gedauert, bis alle Formalitäten erledigt gewesen sind.

„Es war tatsächlich höchste Eisenbahn“ erzählt der 30-Jährige. Zu Ostern habe er sich die Immobilie erstmals angesehen. Innerhalb weniger Monate seien die Schäden deutlich massiver geworden. Die Feuchtigkeit sei extrem in das Holz-Ständerbauwerk eingedrungen.

Schimmel hatte sich schon ausgebreitet

„Die Wurzeln der Bodendecker und anderer Pflanzen des Hanges hinter dem Haus hatten sich bereits ihren Weg in das Gebäude gesucht und die Mauern zerstört“, erklärt Kircher. Schimmel habe sich bereits ausgebreitet – vor allem in den Räumen der ehemaligen Sparkasse. „Nicht mehr lange, dann hätte man hier alles abreißen müssen“, so der neue Eigentümer. Das hat er gerade noch so abwenden können.

Erbaut worden ist das Gebäude kurz nach der Wende in den Jahren 1993/94. Vor etwa zehn Jahren schloss der Edeka-Markt seine Pforten und wenig später auch die Sparkassen-Filiale. Dann standen dort nur noch ein Geldautomat und Kontoauszugsdrucker. Seit ein paar Jahren gibt es auch diesen SB-Service nicht mehr.

Die Entwicklung und der Vertrieb von Lastenfahrrädern und medizinischen Ergometern ist nur ein Standbein des 30-Jährigen. Darüber hinaus ist er als Entwicklungsleiter angestellt – bei einem Fahrradverleih-Unternehmen in Leipzig.

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