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Wenn Tierliebe zur Sucht wird

Manchen Menschen wächst die Tierhaltung über den Kopf. Sie stellen meist das Tierwohl über ihr eigenes.

Carmen Posner vom Ostrauer Tierheim mit einer der zwölf Katzen, die sicher gestellt worden sind.
Carmen Posner vom Ostrauer Tierheim mit einer der zwölf Katzen, die sicher gestellt worden sind. © Dietmar Thomas

Ostrau. Es stank fürchterlich nach Urin. Der Kot der Katzen lag überall in der Wohnung. An diesen Anblick und den Geruch erinnern sich die Tierschützer des Ostrauer Tierheims nicht gern.

Sie wurden zur Sicherstellung von zwölf Katzen gerufen. „Im Vorfeld veranlasste der Amtstierarzt eine Parasitenbehandlung. Die Tiere waren voller Flöhe. Außerdem wurden die Tiere kastriert“, sagte Carmen Posner, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit im Tierheim. Trotz des schlechten Zustandes der Wohnung waren die Katzen gut ernährt. Denn die Halter stellen oft das Wohl der Tiere über alles. Lieber sparen sie bei sich selbst, damit es den Tieren ihrer Meinung nach gut geht“, so Carmen Posner. Nur vor dem Besuch beim Tierarzt scheuen sie sich.

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Dass in einer Wohnung oder einem Haus so viele Tiere leben, kommt nicht selten vor. „Dabei handelt es sich um falsch verstandene Tierliebe“, sagte Yvonne Jasinski, Leiterin des Tierheimes. „Wenn ein Mensch so viele Tiere hält und dabei den Überblick verliert, wird das Animal Hording genannt“, so die Tierheimleiterin.

Betroffene halten zu viele Tiere

Animal Hording ist die Sucht, Tiere zu sammeln. Die Betroffenen halten viel mehr Tiere, als artgerecht wären, manchmal mehr als hundert. Erfährt das Veterinäramt des Landkreises von einem Fall, beispielsweise, weil Anwohner Verdacht schöpfen, muss es handeln. Der Halter bekommt zunächst Auflagen. Erfüllt er die nicht, werden ihm die Tiere weggenommen. „Es kommt ganz auf die Situation an, die wir bei unserem Vor-Ort-Besuch vorfinden“, sagte Amtstierarzt Andreas Poike. Jeder Fall werde einzeln beurteilt. „Manchmal müssen wir sofort handeln, meist versuchen wir es zunächst mit Auflagen, da wir im Regelfall die vorhandenen Tierbestände nicht sofort unterbringen können.

Animal Hording ist kein klar definiertes Krankheitsbild. Es gibt aber Parallelen zum Messi-Syndrom. Laut dem Deutschen Tierschutzbund müssen drei Kriterien erfüllt sein, um von Animal Hording zu sprechen. Es werden mehr als die durchschnittliche Anzahl Tiere gehalten. Es leben für das vorhandene Platzangebot zu viele Tiere in den Räumlichkeiten beziehungsweise auf dem Gelände und die Person zeigt trotz überdurchschnittlich hoher Tierzahl und zu geringem Raumangebot keine Einsicht, dass der Tierbestand reduziert werden muss.

Oft werden Katzen gesammelt

Amtstierarzt Andreas Poike spricht von einem fließenden Übergang vom Tierhalter zum Tiersammler. Wobei Sammler nicht immer der richtige Ausdruck sei. Meist würden sich die Tiere vermehren und das Ganze irgendwann dem Halter über den Kopf wachsen. „Im Gegensatz zum Messi ist Animal Hording keine anerkannte Krankheit. In den meisten Fällen sind nicht die Tiere, sondern der Mensch das Problem“, so Poike. Doch da ist das Amt auf die Mitarbeit des Betroffenen angewiesen. Denn eine Betreuung ist nur möglich, wenn dieser zustimme. Und das sei meist nicht der Fall.

Oft seien es Katzen, die gesammelt werden, weil sie leichter zu halten sind, sagte Yvonne Jasinski. Vor einigen Jahren hatte das Ostrauer Tierheim 21 von mehr als 120 Hunden der Rasse Jack Russell aufgenommen. Die hatte eine Züchterin in Uhyst bei Bautzen auf ihrem Hof. Die Vermittlung ging relativ schnell – vor allem die Tierbabys waren gefragt. Das hoffen die Ostrauer Tierschützer nun auch bei den Katzen im Alter von zwei bis drei Jahren. „Sie sind momentan noch etwas zurückhaltend und kuscheln miteinander. Aber direkt scheu sind sie nicht. Sie kennen den Bezug zum Menschen und lassen sich streicheln“, sagte Carmen Posner.

Bundestierärztekammer fordert Beratungsstellen

Die Tierhorter würden nicht merken, dass sie ihre Vierbeiner quälen. „Viele Betroffene haben auch andere psychische Probleme, sind ängstlich oder depressiv. Die Tiere spenden ihnen Trost. Andere verlieren einfach die Kontrolle über ihre Tiere, wenn die sich immer weiter vermehren“, so die Tierschützerin. Wenn Familienangehörige oder Nachbarn bemerken, dass es einfach zu viele Tiere werden, können sie zwar mit dem Betroffenen reden, „aber meist bringt das nicht viel. Die Menschen fühlen sich glücklich mit ihren Tieren und nehmen auch in Kauf, dass ihre Wohnung oder ihr Haus verdrecken.“

Sogar die Bundestierärztekammer hat sich anlässlich der Internationalen Grünen Woche unter anderem mit dem Thema Animal Hording auseinandergesetzt. Die Bundestierärztekammer fordert deshalb unter anderem eine Beratungsstelle für Tierheime und Veterinärämter, wo Psychologen ihnen Tipps im Umgang mit den Tierhortern geben. Dem Sozialministerium zufolge ist Sachsen zudem an einer Projektgruppe beteiligt, in der die Bundesländer ein Register über Haltungsverbote diskutieren. Das würde den Veterinärämtern einen besseren Überblick verschaffen und Kontrollen erleichtern.

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