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Folgen für Wirtschaft sind nicht abzusehen

Trotz Krise haben die Betriebe in Mittelsachsen investiert. Zuschüsse verschaffen Zeit. Aber verhindern sie auch Insolvenzen?

Auch aus Mittelsachsen wurden Anträge auf Hilfen vom Bund gestellt. Doch mancher Unternehmer ist von den Unterstützungen auch enttäuscht worden.
Auch aus Mittelsachsen wurden Anträge auf Hilfen vom Bund gestellt. Doch mancher Unternehmer ist von den Unterstützungen auch enttäuscht worden. © dpa-Zentralbild

Mittelsachsen. Fast 77 Millionen Euro an Investitionen wurden in diesem Jahr in Mittelsachsen beantragt. Diese Zahl nannte kürzlich die zuständige Regionalkammer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz. Von Krise also keine Spur bei den Dienstleistern und dem produzierenden Gewerbe?

So einfach ist es nicht. „Ich denke, es ist insgesamt eine sehr dramatische Situation für die Wirtschaft“, sagt Dr. Annett Schwandtke, Geschäftsführerin der Regionalkammer. Die derzeitige Krise sei mit keiner anderen bisher zu vergleichen Aktuell gibt es bisher deutlich weniger Betriebsaufgaben im Bereich der IHK Chemnitz als 2019.

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Aber: „Noch ist nicht absehbar wie viele Insolvenzen beziehungsweise Gewerbeabmeldungen es im Zusammenhang mit der Pandemie geben wird“, sagt Schwandtke. Grund sei das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht auf der Basis einer Gesetzesänderung. Jene habe den Unternehmen zunächst Zeit verschafft, um durch die Krise zu kommen und gegebenenfalls neue Strategien zu entwickeln.

Fast 100 Millionen Euro Hilfe für Mittelsachsen

Zudem seien bereits einige Förderprogramme in Anspruch genommen wurden. So sind nach Angaben der Sächsischen Aufbaubank (SAB) rund 1.200 Auszahlungen aus dem Programm „Sachsen hilft sofort“ im Umfang von rund 48 Millionen Euro getätigt worden. Knapp 43 Millionen Euro an Soforthilfe aus dem Bundeszuschuss sind zudem in rund 5.400 Auszahlungen in den Landkreis geflossen.

"Hinzukommen 40 Anträge für den Bundeskredit KfW sowie 13 Expressbürgschaften“, ergänzte Dr. Cindy Krause, Referentin Handel/Dienstleistung bei der Regionalkammer. Die Überbrückungshilfen für Juni/August sowie September bis Dezember seien eher verhalten beantragt worden. Stärker gefragt sei die Novemberhilfe, die seit dem 25. November beantragt werden kann.

„Es wurden viele gut durchdachte Hilfen auf den Weg gebracht“, sagt Schwandkte. In die Entscheidungen darüber seien auch die IHK mit eingebunden worden. Gleichwohl gibt es auch Kritiker.

So informierte Waldheims Bürgermeister Steffen Ernst (FDP) im vergangenen Kreistag darüber, wie ein Unternehmer aus seiner Kommune die Novemberhilfe beantragt habe und lediglich 89 Euro bewilligt bekam. „Wenn das mehrfach passiert, ist das der Todesstoß für die Unternehmen“, machte das Stadtoberhaupt deutlich.

Betriebe produzieren weiter

Gestärkt werde die Wirtschaft im Landkreis laut der Geschäftsführerin der Regionalkammer durch die Vielzahl an produzierendem Gewerbe. „Es gibt viele Unternehmen, die zu uns gesagt haben, dass sie in Bezug auf die Lieferketten und die Abnahme der Produkte nicht betroffen sind, und deren größte Sorge es ist, dass sie keine Corona-Fälle in der Belegschaft haben“, sagt Schwandtke.

Darüber hinaus habe sich die kleinteilige Wirtschaft im Landkreis als flexibel entpuppt. „Je kleiner und familiengeführter die Unternehmen sind, desto schneller haben sie auf die Krise reagiert.“ Viele seien einfallsreich gewesen.

Dass die Betriebe keine Investitionen scheuen, belegen die beantragten Unterstützungen aus dem Programm der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“, kurz GRW. Bislang sind dort 26 Anträge aus Mittelsachsen eingegangen, unter anderem aus Döbeln, Hartha, Großweitzschen sowie Ostrau.

Allerdings hat Astrid Iltzsche vom Hotel zur Linde in Ostrau von ihrem Antrag inzwischen wieder Abstand genommen. „Dafür hätte ich müssen eine zusätzliche Kraft in Vollzeit einstellen. Das ging aber nicht, weil ich erst jemanden eingestellt habe“, sagt die Hotel-Chefin. Die neuen Betten für die Zimmer habe sie inzwischen auf anderem Weg finanziert. Die Sanierung der Bäder sei jedoch verschoben. „Das Geld hätte ich gehabt, aber durch Corona sind meine Rücklagen geschrumpft. Daher traue ich mir das im Moment nicht zu“, sagt Astrid Iltzsche.

40 Prozent weniger Übernachtungen

Erst Ende 2019 war das GRW-Programm auch für Betriebe aus dem touristischen Gewerbe geöffnet worden.Wie sehr jenes unter dem Corona-Jahr zu leiden hat, verdeutlichen ebenfalls Zahlen. Um bis zu 40 Prozent sind die Übernachtungen in den Hotels und Beherbergungseinrichtungen zwischen Januar und August in Mittelsachsen im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen.

„Ich habe Glück. Zu mir kommen vor allem Geschäftsreisende. Damit kann ich noch einigermaßen überleben“, sagte Astrid Iltzsche. Neben dem touristischen Gewerbe haben Unternehmen über GRW auch Zuschüsse für neue Maschinen beantragt, ergänzt Krause.

Zurückgegangen ist 2020 die Zahl der Beratungen in Bezug auf die Unternehmensnachfolge. Waren es 2019 noch 83 derartige Gespräche, die geführt worden sind, ist die Zahl 2020 pandemiebedingt auf 34 gesunken. „Viele haben die Entscheidung über die Nachfolge aufgrund der Krise vertagt“, begründet Cindy Krause.

Zudem sei es ein sehr sensibles Thema, dass am besten im direkten Kontakt besprochen werde. Die Beratungen der Regionalkammer waren jedoch coronabedingt nur telefonisch oder virtuell möglich. Annett Schwandtke sieht es vor diesem Hintergrund sogar positiv, dass überhaupt über 30 Beratungen zu diesem Thema geführt werden konnten.

Insgesamt hat aufgrund der Pandemie der Beratungsbedarf der Betrieb und Unternehmen im Bereich der Regionalkammer deutlich zugenommen. Besonders hoch sei der Bedarf im Frühjahr gewesen, sagt Cindy Krause. Problem sei vor allem die zeitliche Lücke, die es zwischen angekündigten Einschränkungen und den Verordnungen gebe. „Gerade in dieser Zeit gab es viele Fragen und Unsicherheiten.“

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