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Pfiffe gegen Schmiedewerk-Schließung

Die Mitarbeiter von Frauenthal in Roßwein treffen sich demonstrativ vor dem Werktor zur Mittagspause. Die Stimmung ist kämpferisch.

Die Mitarbeiter der Firma Frauenthal in Roßwein haben vor dem Werktor demonstrativ Flagge gegen die Schließung gezeiht.
Die Mitarbeiter der Firma Frauenthal in Roßwein haben vor dem Werktor demonstrativ Flagge gegen die Schließung gezeiht. © Dietmar Thomas

Roßwein. Aktive Mittagspause nennt Steven Kempe , Gewerkschaftssekretär der IG Metall Riesa, das, was sich am Montagmittag vor den Toren der Frauenthal Powertrain GmbH in Roßwein abspielt. Die Mitarbeiter des früheren Schmiedewerkes löffeln gemeinsam sächsische Kartoffelsuppe mit Speck. Kühle Getränke gibt’s auch. Beides hat ein Catering-Service aus Dresden gebracht, den die Gewerkschaft engagiert hat. Es ist Zeit für Gespräche. Und die drehen sich nur um ein Thema: die geplante Schließung des Werks zum Ende dieses Jahres.

„Wir hatten schon viele Kasperköpfe hier. Aber solche wie die noch nie“, empört sich ein Mitarbeiter. Er gehört zu den Ältesten. Er hat den Beruf im Schmiedewerk gelernt, als es die Lehrschmiede und die Berufsschule an der Goldbornstraße noch gab. Und er hat schon einige Höhen, Tiefen und Wechsel des Arbeitgebers miterlebt. „Aber es gab keinen, bei dem die Situation so schlecht aussah, wie bei dem“, sagt er.

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„Sie rühmen sich mit dem Erfolg und dann so was“

Unter den Männern wird die Vermutung laut, dass das Roßweiner Unternehmen für Frauenthal von Beginn an ein Abschreibungsobjekt gewesen sein könnte. Die Firma sei auf „Verschleiß gefahren worden“. Früher, so erzählen sie, habe es pro Jahr zwei Monate lang Wartungsarbeiten gegeben. Dafür sei die entsprechende Maschine stillgelegt, durchgesehen und und wenn nötig repariert worden. Seit Frauenthal die Firma übernommen hat, werde nur noch repariert, was defekt ist.

Dass das Unternehmen komplett geschlossen werden soll, kann niemand nachvollziehen. In der Firmenzeitung sei zu lesen gewesen, die Frauenthal-Gruppe habe im ersten Halbjahr dieses Jahres einen Umsatz von rund 393 Millionen Euro erwirtschaftet habe. „Sie rühmen sich mit dem Erfolg und dann so was.“

Zwei Schichten trotz Kurzarbeit bei Frauenthal Roßwein

Zudem stehe in dem Unternehmen eine Maschine, von denen es in Deutschland nur zwei gebe – die andere bei Mercedes Benz. Laufe die Maschine in drei Schichten, könnten mit ihr pro Monat eine Million Teile hergestellt werden. Für Frauenthal Powertrain in Roßwein seien oft weitere innovative Ideen propagiert, aber nie eine umgesetzt worden.

„Ich arbeite gern hier“, sagt einer, der erst wenige Jahre dabei ist. „Wir sind eine ziemlich gute Truppe, die Firma ist nah und sie zahlt ein moderates Gehalt“, erklärt er. Gleichzeitig kann er den Grund für die angekündigte Schließung nicht nachvollziehen. Frauenthal stellt in Roßwein Pleuelstangen für Verbrennungsmotoren her. Und solche Bauteile finden immer weniger Absatz. 

Die IG Metall hatte ein gemeinsames Mittagessen der Mitarbeiter von Frauenthal organisiert.
Die IG Metall hatte ein gemeinsames Mittagessen der Mitarbeiter von Frauenthal organisiert. © Dietmar Thomas

„Es mag sein, dass in Deutschland die Benziner aussterben, aber doch nicht im Rest der Welt“, meint er und hat eine ganz andere Vermutung. Die Firma befindet sich im Osten Deutschlands. Diesen Mitarbeitern werde noch immer Inkompetenz unterstellt, „obwohl wir besser sind als viele andere.“

Während des Corona-Lockdown war Frauenthal einige Wochen komplett geschlossen. Derzeit befinden sich noch alle 110 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Trotzdem arbeiten sie derzeit in zwei Schichten, um vorhandene Aufträge zu erfüllen.

Mitarbeiter von Schließungsplänen geschockt

Unter den Mitarbeitern sind auch mindestens vier Paare. Als sie von der Schließung erfuhren „war es im ersten Moment ein Schock“, dass gleich beide auf einmal ihre Arbeit verlieren würden, sagt eines der Paare. Die Gespräche Zuhause drehen sich fast nur noch darum, wie es nun weiter geht. „Wir haben noch einige Jahre bis zur Rente. Wir müssen etwas finden“, sagt die Frau.

Obwohl die Stimmung kämpferisch ist und die Mitarbeiter erst an das Ende glauben wollen, wenn sie die Kündigung schwarz auf weiß in der Hand haben, machen sich auch alle anderen intensiv Gedanken über die Zukunft. 14 Mitarbeiter haben sich für Bewerbungsgespräche angemeldet, die eine Firma aus Großenhain am Dienstag anbietet. 

Auch das Fliesenwerk in Leisnig und die Firma Horizon Global Germany aus Hartha haben Interesse an Personal. Diese werde der Betriebsrat in der kommenden Woche besuchen, um die dort vorhandenen Möglichkeiten auszuloten. „Vielleicht ist ja auch ein Bewerbertag dieser Firmen in Roßwein möglich“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Sebastian Drosdzol.

Sondierungsgespräche mit Betriebsrat und Gewerkschaft

Während der besonderen Mittagspause lassen die Schmiedewerker alle Autos passieren. Eins begleiten sie allerdings mit Pfiffen aus den Trillerpfeifen. In dem sitzen lächelnd und winkend der Geschäftsführer und der Personalleiter aus dem deutschen Hauptwerk von Frauenthal in Plettenberg. 

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