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Zigarren für die 1000-Jahr-Feier

1981 endet die Ära der Zigarrenproduktion in Döbeln. Zuvor gab es noch eine Sonderedition.

Dieter Anders hat eine Packung „Jagdkammer Gold“ aufgehoben, die exklusiv für die 100-Jahr-Feier in Döbeln hergestellt wurde. Wenig später wurde die Zigarrenproduktion in Döbeln ganz eingestellt.
Dieter Anders hat eine Packung „Jagdkammer Gold“ aufgehoben, die exklusiv für die 100-Jahr-Feier in Döbeln hergestellt wurde. Wenig später wurde die Zigarrenproduktion in Döbeln ganz eingestellt. © Lars Halbauer

Von Dagmar Doms-Berger

Döbeln. Die wahren Schätze bewahrt man als Erinnerung auf, so heißt es – oder, wie bei dem Döbelner Dieter Anders – in der Anbauwand. Dort hat der 75-Jährige einen besonderen Schatz aufgehoben, der an die 1000-Jahr-Feier in Döbeln vor 40 Jahren erinnert. Es sind Zigarren der Marke Jagdkammer aus Döbelner Produktion. Bei den Zigarren handelt es sich um eine Sonderedition, die der VEB Zigarrenfabrik Döbeln speziell zur 1000-Jahr-Feier 1981 hergestellt hatte.

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Erkennbar ist dies an der Bauchbinde der Zigarre mit der Aufschrift 1000 Jahre Döbeln. Das Rauchwerk ist aber nicht nur als Erinnerungsstück an das Stadtfestjubiläum etwas Besonderes. Es ist die letzte Döbelner Zigarren-Sonderedition zu einem Döbelner Stadtfest und eine der letzten aus Döbelner Produktion überhaupt. Denn Ende des Jahres 1981 endete die Zigarrenproduktion in Döbeln, die bis dahin eine über 130-jährige Tradition in der Muldestadt hatte.

Dieter Anders‘ Schatzkästchen beinhaltet 25 Zigarren Jagdkammer Gold. Passionierte Raucher wussten: Gold waren die besten. Dieter Anders kann dies bestätigen. Er hat zwar nie geraucht, war aber im VEB Zigarrenfabrik Döbeln beschäftigt. 1978 fing er als Schlossermeister in der „Zigarre“ an und kümmerte sich mit seinen Mitarbeitern darum, dass die Maschinen liefen, nahm Instandhaltungen und Reparaturen vor. Dass dies wegen fehlender Ersatzteile nicht immer ganz einfach war, daran kann er sich noch gut erinnern. „Die Betriebe halfen sich untereinander aus, das funktionierte gut“, sagt der Techniker.

Die Zigarren der Sonderedition sind an der Bauchbinde zu erkennen.
Die Zigarren der Sonderedition sind an der Bauchbinde zu erkennen. © Lars Halbauer

Zum Stadtfest wurden die Zigarren mit der Jubiläumsbauchbinde in zwei verschiedenen Abpackungen angeboten, die kleine mit fünf Stück. Sie war für vier Mark der DDR zu haben. Die große mit 25 Stück kostete 20 Mark.

Auf seiner Packung ist noch das Produktionsdatum gut lesbar, 7.5.1981 steht darauf. Wie groß der Umfang der Sonderedition war, lässt sich heute kaum mehr recherchieren. „Die Mitarbeiter, die das gewusst haben könnten, sind heute hochbetagt oder sie sind verstorben. Solche Details geraten in Vergessenheit“, so Dieter Anders.

Der Heimatfreund war schon damals an Heimatgeschichte interessiert und engagiert und daher aktiv in organisatorische Vorbereitungen für die 1000-Jahr-Feier eingebunden. Eine Urkunde vom 30. Juni 1981 liegt auf seinem Schreibtisch. Er hat sie erhalten als Dank „für seine hervorragenden Leistungen bei der Vorbereitung und Durchführung der 1000-Jahr-Feier Döbelns, dem sozialistischen Volks- und Heimatfest“. Mit der Unterschrift des damaligen Bürgermeisters.

Zigarre als Tauschobjekt

Dass die Döbelner Zigarren beliebt waren, daran besteht kein Zweifel. Die Zigarren eigneten sich gut als Tauschobjekt gegen andere Dinge oder Gefälligkeiten. Die Mitarbeiter der Zigarrenfabrik bekamen monatlich Deputat, entweder 200 Zigaretten oder eine gewisse Anzahl Zigarren, an die genaue Anzahl kann er sich nicht erinnern. „Ich habe zwar nie geraucht, aber zum Tausch konnte man sie gut einsetzen“, sagt Anders.

Zum Sortiment gehörten damals Jagdkammer Trumpf, Jagdkammer Rekord und Jagdkammer Cabinet. Allein von der Marke Trumpf verließen 46 Millionen Stück im Jahr die Döbelner Produktionshallen. Die Sorte Jagdkammer hatte Geschichte. Es gab sie schon vor 1945.

In Döbeln wurden auch die Hasillo-Zigarren als sogenannte Gestattungsproduktion hergestellt, das bedeutete, das im Auftrag westlicher Unternehmen unter Vorgaben an die einzusetzenden Rohstoffe produziert wurde. Grund waren die niedrigen Löhne in der DDR.

Produziert wurde in Döbeln auch Schnupftabak. Dieter Anders hat noch ein ansehnliches Fläschchen aus Keramik mit Schnupftabak von damals behalten. Der Geruch ist zunächst fade. Erst nach mehrmaligem Aufschütteln gibt das Behältnis den mit Gewürzen angereicherten Tabakduft frei. „Den hat es nur in den Delikat-Läden gegeben.“

Die Delikat-Läden in der DDR, auch Delis oder Fress-Ex genannt, entstanden in den 60er Jahren, um den Bedarf an hochwertigen Lebens- und Genussmitteln zu decken, adäquat der Exquisitläden für die Bekleidung. Die Döbelner Zigarre produzierte vom Schnupftabak jährlich drei bis sechs Tonnen.

Eine Gedenkmünze von 1981 bewahrt Dieter Anders ebenso auf – Neusilber, 24 Gramm schwer. 32 Mark der DDR hat sie damals gekostet.
Eine Gedenkmünze von 1981 bewahrt Dieter Anders ebenso auf – Neusilber, 24 Gramm schwer. 32 Mark der DDR hat sie damals gekostet. © Lars Halbauer

Zum Zeitpunkt der 1000-Jahr-Feier Döbelns waren die Tage der Döbelner Zigarrenproduktion gezählt. „Im Laufe des Jahres 1981 haben wir die Information bekommen, dass die Produktion umgestellt wird“, so Anders. Erst 1979 waren die beiden Zigarrenfabriken Leisnig und Döbeln getrennt worden. Leisnig wurde als Werk IV des VEB Dresdner Zigarettenfabriken auf Zigarettenproduktion umgestellt und das Werk Döbeln hatte für eine kurze Zeit seine juristische Eigenständigkeit zurückerhalten und wurde gleichzeitig Leitbetrieb für die Zigarrenindustrie in der DDR.

Zwei Jahre später aber wurde der VEB Zigarrenfabrik Döbeln vom VVB Süßwarenkombinat Halle übernommen. Es wurde umgebaut und abgebaut und auf Süßwaren umgerüstet. „Ab 1. Januar 1982 waren wir der VEB Süßwarenfabrik Döbeln“.

Für die Mitarbeiter ging es nahtlos weiter, nur eben mit anderen Produkten. Wo vorher noch Zigarren vom Band rollten, wurden jetzt Märchenriegel und für Weihnachten und Ostern Hohlkörper aus Schokolade produziert. Dafür wurden die Produktionsmitarbeiter in die Betriebe, die zum Süßwarenkombinat Halle gehörten, zu Schulungen geschickt. Damit war die Zigarrenproduktion für die Stadt Döbeln Geschichte.

Döbelner und ihre Zigarren

Zwischen Zigarren und der Stadt Döbeln bestand eine lange Verbundenheit. Bereits 1845 gründete Emil Drechsler die erste Zigarrenfabrik in Döbeln „Drechsler & Co.“ In den Folgejahren kamen weitere hinzu.

1906 finden sich in den Döbelner Adressbüchern 25 Firmen dieser Branche. 1930 waren es dann noch 14, zu Kriegsbeginn 1939 noch sechs. Als die größte Döbelner Zigarrenfabrik galt die von S. Krenter im Oktober 1930 gegründete Firma an der heutigen Industriestraße.

Als erste Firma in Deutschland produzierte Krenter seine Zigarren maschinell. Der Tabak wurde maschinell entrippt geschnitten, gereinigt, getrocknet und entstaubt. 1932 musste die Firma Konkurs anmelden. Noch im gleichen Jahr gründete der Unternehmer Rattenberg aus Amsterdam erneut eine Zigarrenfabrik die Deutsche Zigarrenwerke AG. Nach Aktienübernahme durch die Deutsche Bank und Weiterverkauf an die A. Blase AG in Lübbecke. Der Betrieb überstand den Krieg und produzierte nach 1945 weiter, 1953 dann als volkseigener Betrieb und als Produktionsstätte der VEB Leisniger Zigarrenfabriken.

Nach Rationalisierungsmaßnahmen verblieben schließlich nur die beiden Standorte Leisnig und Döbeln. Zweigbetriebe von Leisnig gab es unter anderem in Hartha und Geringswalde. Rund 1200 Mitarbeiter waren in Leisnig und Döbeln Ende der 70er Jahre beschäftigt. Infolge von Modernisierung und Rationalisierung wurden rund 400 Mitarbeiter eingespart und die Produktion auf 130 Prozent erhöht. (mit Karlheinz Enzmann)

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  • Zur 1.000-Jahr-Feier in Döbeln gab es viele Souvenirs – Gläser, Flaschenöffner, Seife – oft hergestellt von Döbelner Betrieben.
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