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Döbelns älteste Kita wird 70

© Dietmar Thomas

Das Haus der kleinen Stifte hat die Erinnerung an Berta Semmig aufleben lassen. Mit jeder Menge Kunst und einer Schauspielerin.

Von Jens Hoyer

Döbeln. Jeanne Berta Semmig, die Dichterin und Schriftstellerin, war einige Male in dem Kindergarten, der bis heute ihren Namen trägt. Fotos zeigen eine gütig dreinblickende alte Dame, umringt von Kindern. Sie sind im Garten entstanden. Die Freitreppe ist noch da und auch die Eingangstüre ist noch dieselbe, erzählt Leiterin Jaqueline Spieler. Am 12. Juli 1948 war der Kindergarten als einer der ersten nach dem Krieg eröffnet worden. Benannt wurde er nach Berta Semmig, deren Vater aus Döbeln stammt und der als Revolutionär 1849 aus Dresden fliehen musste – in einer Kutsche mit dem Komponisten Richard Wagner. 1957 war die 90-Jährige zum letzten Mal in Döbeln. Es gab eine kleine Feier. Ein Jahr später ist sie in Radebeul gestorben.

Bis zu ihrem Tod im Jahr 1959 war Berta Semmig mehrere Male in dem Kindergarten, der ihren Namen trug. Die Volksschullehrerin und Dichterin war unverheiratet und kinderlos geblieben. © Stadtarchiv

Bis heute ist Berta Semmig in der Kita anwesend. Zur Erinnerung hängen ein paar Bilder an der Wand und ein Gruß zum einjährigen Bestehen, den die alte Dame damals gedichtet und in Schönschrift mit ein paar naiven Bildern zu Papier gebracht hatte. „Das habe ich vor zwölf Jahren auf dem Dachboden gefunden“, sagte Jaqueline Spieler. In der vergangenen Woche hat der Kindergarten die Erinnerung an die alte Dame, die selbst viele Jahre Volksschullehrerin in Dresden war, wieder aufleben lassen. Es gab nicht nur den 70. Jahrestag der Einrichtung zu feiern. Vor 20 Jahren hatte die Arbeiterwohlfahrt die Kita in ihre Trägerschaft übernommen. Seit zehn Jahren hat das Berta-Semmig-Heim einen zeitgemäßeren Namen. Seitdem heißt es „Kindertagesstätte Berta Semmig – Haus der kleinen Stifte.“

Die Stifte, das sind die 50 Krippen- und Kindergartenkinder, die die Einrichtung besuchen. Seit Freitag leuchten die Stifte auch von der Fassade der Einrichtung. Der Döbelner Graffiti-Künstler Frank Schäfer hatte das fantasievolle Bild entworfen und gesprüht – unter den Augen der Kinder, die auch selbst kreativ wurden.

Eine Persönlichkeit wie Berta Semmig den Vorschulkindern nahe zu bringen, sei schwierig, sagte die Leiterin. „Deshalb haben wir uns ein Motto gegeben: Wir sind kleine Künstler. Wir haben mit den Kindern erarbeitet, was Künstler so tun.“ Dabei sind fantasievolle Objekte aus Steinen und Naturmaterialien entstanden. Auch Selbstporträts nach einer genauen Malanweisung. Die Kunst wurde bis in die Elternhäuser hineingetragen. „Das war eine Idee des Elternrates. Jede Familie hat einen Stift mit nach Hause bekommen, den sie gestalten sollte. Es ist Wahnsinn, was da für Werke entstanden sind“, sagte die Leiterin. Mit den 50 bunten Stiften von einem halben Meter Länge hat die Kita den Gartenzahn verziert.

Vor 70 Jahren war die Kita in einer Villa eingerichtet worden, die sich der frühere Oberbürgermeister Dr. Gottschalk erst zehn Jahre zuvor an der heutigen Heinrich-Heine-Straße hatte bauen lassen. Nach so langer Zeit gab es in den vergangenen Jahren eine Menge Sanierungsbedarf. Oft waren Handwerker im Haus. „Die Kita hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert. Wir haben jetzt ideale Bedingungen“, sagte die Leiterin. Zuletzt ließ die Stadt den Kellerbereich sanieren. Dabei war zuletzt eine Aussichtsplattform entstanden, die die Kinder lieben. „Dort hat man einen schönen Blick auf Döbeln. Die Kinder stehen da oft und beobachten die Autos oder warten auf ihre Eltern.“

Und Berta Semmig? Sie wäre heute 151 Jahre alt. Und trotzdem war sie bei der Abschlussfeier am Freitag selbst dabei. Eine Mutti hatte sich dafür in ein Kostüm geworfen.