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Sachsen

Domowina: Kohleausstieg Risiko für Sorben

Der sorbische Dachverband will beim Strukturwandel ein Wort mitreden. Mit dem Ende des Kohlezeitalters wird sich ihre Region stark verändern.

Domowina-Chef Dawid Statnik
Domowina-Chef Dawid Statnik © dpa

Bautzen. Der Bund Lausitzer Sorben (Domowina) sieht im Kohleausstieg Chancen, aber auch Risiken für die Minderheit. "Viele Sorben befürchten, dass der Strukturwandel zu einem wirtschaftlichen Bruch führt, wie er Anfang der 1990er Jahre schon einmal erlebt wurde", sagte Domowina-Chef Dawid Statnik (36) der Deutschen Presse- Agentur. 

Zum einen führe der Kohleausstieg dazu, dass keine weiteren Ortschaften im Siedlungsgebiet der Sorben mehr verschwinden. "Auf der anderen Seite geht es um Arbeitsplätze, die Wirtschaftskraft der Region und ihre Perspektiven. Diese Gegend muss lebenswert bleiben. Die Sorben dürfen nicht die Leidtragenden des Strukturwandels sein."

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Statnik zufolge haben seit 1921 etwa 135 Dörfer und Ortsteile in der Lausitz der Braunkohle weichen müssen, 25.000 Menschen waren davon betroffen. Die Abbaggerung von Orten habe negative Auswirkungen auf die Sprachsubstanz in einzelnen Regionen. Der Wandel könne nun dazu beitragen, abgebrochene Strukturen zu erneuern und zu verbessern. Es gehe aber nicht nur um Straßen und andere Infrastruktur, sondern auch um den Faktor Mensch - um all das, was für die Region identitätsstiftend sei.

"Wenn wir den Strukturwandel als Chance sehen, etwas Neues zu machen und für die Zukunft fit zu sein, dann sollten wir uns auf das besinnen, was diese Region besitzt und ausmacht. Das Sorbische gehört dazu, es macht den kulturellen Reichtum dieser Gegend mit aus", sagte der Domowina-Vorsitzende. Man müsse den Menschen die Chance geben, ihre Identität zu erhalten. Mit Blick auf das Strukturstärkungsgesetz wäre es wichtig, dass die vorgesehenen Bundesgelder auch für die sorbische Sprache, Kultur und Identität verwendet werden können.

Der Erhalt der Muttersprachen Obersorbisch und Niedersorbisch bereitet den Sorben in der Oberlausitz und den Wenden im Süden Brandenburgs Kopfzerbrechen. So fehlen beispielsweise laut der letzten offiziellen Prognose von 2017 bis 2025 allein in Sachsen rund 100 Sorbisch-Lehrer. "Wir können diese Lehrer nicht aus anderen Ländern holen, wir müssen sie hier ausbilden. Ohne Quereinsteiger wird es nicht gehen", betonte Statnik. Brandenburg und Sachsen seien dabei schon gut vorangekommen: "Wir sind aber leider noch nicht an dem Punkt, dass wir sagen können, die Gefahr ist abgewendet. Wir müssen eine Schippe zulegen."

Auch bei der Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk sieht Statnik Nachholbedarf. Derzeit bekommt die Stiftung, die das Geld für alle sorbischen Institutionen verwaltet, rund 18,6 Millionen Euro pro Jahr. Die Hälfte davon trägt der Bund, den Rest zu zwei Dritteln Sachsen und zu einem Drittel Brandenburg. Statnik verwies auf Tariferhöhungen und allgemeine Kostensteigerungen. "Wir mussten den Gürtel schon enger schnallen. Zudem sind neue Aufgaben dazugekommen." Für ein neues Finanzierungsabkommen hätten die Institutionen einen Mehrbedarf angemeldet. Konkrete Summen würden zurzeit zwischen Bund und Ländern verhandelt.

Brauchtum der Sorben digitalisieren

Statnik stellte auch Folgen der Digitalisierung für eine Minderheit wie die Sorben klar: "In zehn Jahren werden wir nicht mehr so viel auf dem Handy tippen, sondern mehr mit ihm reden. Wir müssen aber in der deutschen Sprache mit dem Handy sprechen, weil es seitens der Anbieter keine Übersetzung für Sorbisch gibt." Für die großen Player wie Google oder Apple sei man als Sprachgruppe einfach zu klein. Deshalb erstelle man derzeit einen riesigen Textkorpus, auf dessen Grundlage ein Algorithmus für Übersetzungen entwickelt werden kann: "Im Augenblick haben wir 80 000 Datensätze, 250 000 brauchen wir."

"Wenn die Jugend eines Tages sagt: Bei Whatsapp kann ich nur Deutsch schreiben und nicht Sorbisch, dann haben wir verloren", sagte der Domowina-Chef. Aber auch Kulturgut und Brauchtum der Sorben müsse digitalisiert werden, um es der Nachwelt zu erhalten.

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Statnik ging auf Vorbehalte gegenüber Sorben ein. Vor ein paar Jahren hatte es wiederholt Attacken von Rechtsextremisten auf sorbische Jugendliche gegeben. "Es gibt auch Alltagsrassismus, der aus einem Unverständnis des Sorbischen resultiert." Das passiere mit unbedachten oder auch gezielten Äußerungen auf der Straße, im Sportverein oder anderswo. Andererseits hätten die Übergriffe auf die Jugendlichen damals zu einer Welle der Solidarität und einer Sensibilisierung in der Bevölkerung geführt. (dpa)

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