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Dr. Sven Mißbach ist neuer Oberbürgermeister

© Anne Hübschmann

Der Parteilose wurde gestern mit 65,40 Prozent von den Großenhainern gewählt. Und er fand gleich deutliche Worte.

Von Catharina Karlshaus

Seine himmelblaue Krawatte ist so blau wie der Balken auf dem Monitor. Unermüdlich zählt er auf dem Bildschirm der Touristinformation Großenhain die Stimmen, die ihm gehören. Jenem Mann, der vor ein paar Wochen die Einwohnerschaft als Parteiloser um Unterstützungsunterschriften für die Kandidatur um das höchste Amt in der Röderstadt bat. Jenem Mann, der um Punkt 19.20 Uhr zum Sieger des Abends gekürt werden wird: Dr. Sven Mißbach. Doch, noch ist es nicht so weit. Noch sind erst elf von insgesamt 25 Wahlbezirken ausgezählt. Über eintausend Stimmen stellt der himmelblaue Balken gerade dar, für die CDU-Mitbewerberin Janet Putz sind es gerade einmal 715. Von großer Wahlbeteiligung der insgesamt 15 684 Wahlberechtigten kann hier keine Rede sein. Aber Sven Mißbachs Anhänger, von denen sich immer mehr einfinden, ahnen bereits, dass es an diesem 28. Juni tatsächlich klappen könnte. „Endlich geht es mit den Schwarzen zu Ende. Morgen können sie sehen, wo sie bleiben“, frohlockt ein Rentner.

Janet Putz (CDU) traf sich mit ihren Anhängern an der Faustballbaracke der Jahnkampfbahn. Am Ende reichte es für die Kreiskämmerin nur für 2409 Stimmen. © Anne Hübschmann

Und er ist in der nächsten Stunde nicht der Einzige. Die letzten 25 Jahre, in denen Großenhain durch die von der CDU-geführten Doppelspitze um Oberbürgermeister Burkhard Müller und Stadtbaudirektor Tilo Hönicke, zu der Stadt wurde, die sie heute ist, scheinen bei vielen der Anwesenden ungute Gedanken heraufzubeschwören. „Dem Filz muss der Sven endlich den Gar ausmachen“, ist aus der einen Ecke zu hören. „Und hoffentlich ist für die ganz Oberen am nächsten ersten des Monats Schluss hier im Rathaus“, flüstert es beinah hasserfüllt aus der anderen.

Ungewisse Zurückhaltung, die Stadtrat Kai-Uwe Schwokowski angesichts der mittlerweile 20 ausgezählten Wahlbezirke euphorisch abgelegt hat. Sein Favorit führt bereits mit über eintausend Stimmen vor Janet Putz. „Heute ist es endlich so weit. Heute Abend werden die anderen schon sehen, was sie von ihrer Schmutzkampagne gegen Sven in den letzten Tagen hatten“, ist sich der Jurist sicher und meint Statements der SPD und der AfD.

Es ist der Moment, in denen die Anhänger von Janet Putz schon längst wissen, dass der Vorsprung nicht mehr einzuholen ist. Um halb sieben hatten sie sich – Landrat Arndt Steinbach, Stadträte, namhafte Unternehmer, die Familie, Mitstreiter und Freunde – in der Faustballbaracke an der Jahnkampfbahn getroffen. „Als der 16. Wahlbezirk ausgezählt war, wusste ich, dass sich die Großenhainer anders entschieden haben“, wird sich Janet Putz wenig später an jene Phase der quälenden Warterei erinnern. Nein, ein Votum gegen sie als Person sei das ganz sicher nicht. So viel Selbstbewusstsein hat die 42-jährige Kämmerin des Landkreises Meißen dann doch noch. Nicht zuletzt in den vergangenen drei Wochen hatte die erst Ende letzten Jahres in die CDU eingetretene Bewerberin um jede Stimme gekämpft. Noch einmal war sie in die einzelnen Ortsteile gefahren, hatte intensive Wahlwerbung im Internet und mit Postwurfsendungen betrieben. Vielfältige Gelegenheiten, die sie nutzte, um ihre langjährige Führungserfahrung, ihr breites Fachwissen und das Interesse an Großenhain und seiner weiteren Entwicklung an den potenziellen Wähler zu bringen. Kurz nach 20 Uhr muss sie gegenüber der Sächsischen Zeitung enttäuscht feststellen, dass es nichts genutzt hat. „Der bittere Beigeschmack an diesem Wahlergebnis ist für mich zum einen die sehr niedrige Wahlbeteiligung. Und zum anderen die Tatsache, dass sie nicht an wirklichen Konzepten festgemacht worden ist. Es ist bei der Protestwahl geblieben“, so Janet Putz.

Gedanken, die sich ihr Gegenkandidat und all die auf das endgültige Ergebnis wartenden Menschen in der Touristinformation nicht hingeben müssen. 24 von 25 Wahlbezirken sind ausgezählt. „Pass auf, gleich ist es so weit“, sagt eine Frau zu ihrem Nachbarn und dreht am Verschluss der Apfelsaftschorle. „Wenn Herr Mißbach Oberbürgermeister ist, holen wir uns das wieder, was uns gestohlen worden ist“, frohlockt es am Nebentisch. Und tatsächlich. Noch einmal an diesem Großenhainer Wahlabend leuchtet der himmelblaue Balken auf und werden die letzten Ergebnisse sichtbar. Lauter Jubel braust auf, die ersten Worte des frisch gewählten Oberbürgermeisters gehen in der klatschenden Menge unter. „Ich bedanke mich bei allen, die mich unterstützt haben“, sagte Sven Mißbach. Und machte gleich eine erste klare Ansage. „Wir haben es ja in der letzten Woche gesehen, wie Leute verteufelt werden, die eine andere Meinung haben. Dem werden wir nun ein Ende setzen. Denn so wie bisher kann es nicht weitergehen.“ Wie der neue Verwaltungschef betonte, wünsche er sich eine konstruktive Zusammenarbeit mit allen Mitgliedern des Großenhainer Stadtrates und den Mitarbeitern der Verwaltung. Mitarbeiter, die Sven Mißbach glücklich um den Hals fielen oder nur höflich die Hand schüttelten. Immerhin, einige von ihnen waren in all den Jahren, in denen der künftige Chef schon in der Verwaltung tätig ist, sein Vorgesetzter. Seit gestern ist Sven Mißbach ihrer.