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Kuba nach Fidel

Nach dem Tod des legendären Revolutionsführers tritt Präsident Raúl Castro aus dem Schatten seines Bruders. Jetzt muss er „liefern“. Es gilt, das Land wirtschaftlich zu öffnen, ohne die Spannungen auf der Insel zu groß werden zu lassen.

© dpa

Denis Düttmann

Havanna. „Vater - lass meine Hand nicht los. Ich weiß noch nicht, wie ich ohne dich laufen soll“, heißt es in dem melodramatischen Lied „Cabalgando con Fidel“ (Reiten mit Fidel), das seit Castros Tod im ganzen Land in Dauerschleife läuft. Kuba hat seinen legendären Revolutionsführer verloren, die verbindende Leitfigur des sozialistischen Projekts im Hinterhof der USA, den inneren Kompass. Jetzt muss die Karibikinsel ohne Fidel ihren Weg in die Zukunft finden - für viele immer noch unvorstellbar.

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„Die Phase des charismatischen Fidelismus in Kuba ist vorbei“, sagt der kubanischstämmige Wissenschaftler Arturo López-Levy von der Universität Texas. Auch wenn sicherlich nicht jeder Kubaner ein strammer Kommunist ist, auf Castro konnten sich alle einigen. Er hielt die Gesellschaft zusammen und ließ sie auch die harten Zeiten der Sonderperiode nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion überstehen.

Präsident Raúl Castro verfügt nicht über das Charisma seines Bruders, das die Kubaner über Mangelwirtschaft und Unterdrückung hinwegblicken ließ. Er muss liefern. Die größte Herausforderung für die kommunistische Führung in Havanna dürfe sein, in Zeiten des Wandels den Laden zusammenzuhalten.

Die schlechte Wirtschaftslage und die Ungewissheit über die US-Politik unter dem künftigen Präsidenten Donald Trump sorgen für Spannungen. „Große Reformen und Liberalisierung haben für die Regierung keinen Vorrang, sondern: Reihen fest geschlossen halten, durchhalten“, sagt der Kuba-Experte Bert Hoffmann vom Giga-Institut in Hamburg.

Aber selbst die zögerlichen marktwirtschaftlichen Reformen bergen enorme soziale Sprengkraft. Früher waren in Kuba alle gleich arm. Eine im regionalen Vergleich gute Bildung und Gesundheitsversorgung gab es für alle, niemand musste hungern - darüber hinaus waren aber keine großen Sprünge möglich.

Jetzt ist Kuba auf dem Weg in eine Zweiklassengesellschaft: Die Gräben zwischen jenen, die beispielsweise im Tourismus harte Devisen verdienen und jenen, die sich in Staatsbetrieben oder der Verwaltung mit dem Durchschnittslohn von 20 US-Dollar begnügen müssen, werden immer tiefer. Um über die Runden zu kommen, fahren Ingenieure Taxi und Lehrer arbeiten als Reiseführer.

Bei allem Respekt vor den Errungenschaften von Fidel Castro - vor allem junge Leute wünschen sich Veränderungen. „Sie wollen eine neue Generation an der Spitze, eine entspanntere politische Atmosphäre, mehr wirtschaftliche Chancen, um ihren Berufen nachzugehen und ihre Talente zu entfalten“, sagt Richard Feinberg von der Brookings Institution.

Angesichts der enormen Probleme der staatlich regulierten Wirtschaft wird der Regierung nichts anderes übrig bleiben, als künftig mehr privatwirtschaftliche Aktivitäten zuzulassen. „Raúl Castro wird den Prozess der wirtschaftlichen und politischen Reformen wahrscheinlich fortsetzen“, sagt Geoff Thale vom Washington Office on Latin America. Kubas wichtigster Verbündeter Venezuela hängt in einer Dauerkrise fest, wegen des niedrigen Preises spült das venezolanische Öl, das Kuba im Gegenzug für die Dienste entsandter Ärzte erhält und auf dem Weltmarkt losschlägt, immer weniger Devisen in die Staatskasse.

„Die kubanische Wirtschaft ist so stark reguliert, dass sie ziemlich unproduktiv und international nicht wettbewerbsfähig ist“, sagt Feinberg. Bei ausländischen Investitionen gebe es durchaus einige Erfolgsgeschichten. „Unilever, Nestlé und Meliá Hotels machen gute Geschäfte auf der Insel“, sagt Feinberg.

Allerdings kommt es auch immer wieder zu Rückschlägen. Der Traktorenhersteller Cleber wollte als erste US-Firma seit über 50 Jahren eine Fabrik in Kuba errichten. Überraschend wurde ihr Antrag schließlich abgelehnt. „Wir geben nicht auf“, sagt der Co-Gründer des Unternehmens, Saul Berenthal. In einem neuen Anlauf wollen sie nun die Erlaubnis erhalten, in der Sonderwirtschaftszone Mariel ihre einfachen Traktoren zu fertigen.

Der Tourismus hingegen wird auch von der Regierung in Havanna gefördert. Viele staatliche Tourismusunternehmen befinden sich in der Hand des Militärs. Bereits jetzt ist der Sektor die zweitwichtigste Einnahmequelle Kubas. Im vergangenen Jahr spülte der Sektor 1,9 Milliarden US-Dollar in die Kassen. Bis 2030 sollen auf Kuba über 100 000 neue Hotelzimmer entstehen. Der Tourismusboom dürfte die sozialen Spannungen in Kuba noch weiter verschärfen.

„Die Stabilität des politischen Systems in Kuba wird jetzt weniger von heroischen Gesten als vielmehr von der Fähigkeit abhängen, politischen Konsens herzustellen, wirtschaftlichen Fortschritt zu schaffen und soziale Ruhe herzustellen“, sagt Kuba-Experte López-Levy.

Raúl Castro wird Anfang 2018 zurücktreten - ihm bleibt also wenig mehr als ein Jahr, um seinem Nachfolger ein bestelltes Haus zu hinterlassen. „Der mittelfristige Horizont in Kuba ist offener als er es lange Zeit war“, sagt Kuba-Experte Hoffmann. „Das wird ein Prozess mit erheblichen sozialen und politischen Spannungen werden und der Ausgang ist ungewiss.“ (dpa)