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Lehrermangel wird noch dramatischer

Lehrer fehlen bereits jetzt an vielen Grundschulen. Für die nächsten Jahre wird ein dramatischer Anstieg des Mangels prognostiziert. Experten werfen der Politik schwere Versäumnisse vor.

© Emily Wabitsch/dpa

Gütersloh. Der Lehrermangel an den Grundschulen in Deutschland spitzt sich nach einer Studie in den nächsten Jahren dramatisch zu. Bis ins Jahr 2025 fehlen nach Zahlen der Bertelsmann-Stiftung rund 35 000 Lehrer für die ersten Schuljahre. Bis 2025 müssten eigentlich knapp 105 000 neue Lehrer eingestellt werden - die Universitäten könnten bis dahin aber nur 70 000 Absolventen ausbilden, hieß es.

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In ihrer Rechnung gehen die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn von 60 000 Pädagogen aus, die in den Ruhestand gehen und ersetzt werden müssen. Weitere 26 000 neue Lehrer seien nötig, um die bis dahin steigenden Schülerzahlen aufzufangen. Für den Ausbau von Ganztagsschulen würden außerdem 19 000 Lehrer benötigt. Nach Zahlen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind aktuell bundesweit rund 2000 Lehrerstellen an Grundschulen nicht besetzt.

„Gute Schule ist guter Unterricht und der wird durch gute Lehrer gemacht. Angesichts des bundesweiten Lehrermangels sollten sich die Länder die Lehrer nicht länger gegenseitig abwerben“, forderte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, am Mittwoch bei der Veröffentlichung der Studie in Gütersloh. „Die Verantwortlichen sollten gemeinsame Lösungen suchen, um den Bedarf zu decken - und zwar ohne die Qualität einreißen zu lassen.“

So funktionieren Quer- und Seiteneinstieg

Wer Lehrer werden will, muss nicht unbedingt auf Lehramt studiert haben. In allen Bundesländern gibt es inzwischen Programme für Quer- oder Seiteneinsteiger. Damit reagieren die Behörden auf den wachsenden Lehrermangel. Wie das genau funktioniert, ist allerdings von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Das geht aus einer Übersicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hervor. Ein Überblick:

- Quer- oder Seiteneinstieg: Quer- und Seiteneinstieg sind nicht das Gleiche, auch wenn manche Bundesländer die Begriffe synonym verwenden. Von Quereinsteigern spricht man, wenn jemand ohne Lehramts-Studium in den sogenannten Vorbereitungsdienst geht - das Referendariat also. Seiteneinsteiger dagegen fangen sofort an, als Lehrer zu arbeiten, begleitet in der Regel durch Seminare, Unterrichtsbesuche oder Mentoren-Programme. Nicht in allen Bundesländern gibt es beide Varianten.

- Voraussetzungen: Ein Lehramts-Studium brauchen Quer- und Seiteneinsteiger nicht, einen Hochschulabschluss aber in der Regel schon - und oft auch passend zu dem Fach, das sie unterrichten wollen. Manche Bundesländer setzen außerdem gewisse Noten voraus oder verhängen eine Altershöchstgrenze: In Hessen etwa dürfen Quereinsteiger nicht älter als 40 sein.

- Schulform: Ein Quer- oder Seiteneinstieg ist meist nur da möglich, wo es Mängel gibt: In manchen Bundesländern geht das also nur an Berufs- und Grundschulen, die besonders händeringend nach Lehrkräften suchen. Andere Bundesländer suchen unabhängig von der Schulform nur nach Lehrern für bestimmte Fächer, Naturwissenschaften etwa. Wer wo wie einsteigen kann, ändert sich dabei ständig - teils sogar von Halbjahr zu Halbjahr.

- Bezahlung und Karriere: Quer- und Seiteneinsteiger sollen keine Aushilfen sein, sondern eine ganz reguläre Lehrerkarriere machen. Deshalb werden sie in der Regel so bezahlt wie andere Lehrer auch, Seiteneinsteiger landen je nach Land und Schulform meistens in den Entgeltgruppen 11 bis 13 des jeweiligen Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst. Je nach Bundesland ist kurz- bis mittelfristig auch eine Verbeamtung möglich. (dpa)

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In der Zeit nach 2025 entspanne sich die Lage wegen der demografischen Entwicklung der Bevölkerung bei den Schülerzahlen wieder. Die Bertelsmann-Stiftung sieht drei Möglichkeiten, den vorübergehenden Bedarf an Grundschullehrern besser abzudecken. Die Forscher schlagen vor, den überwiegend weiblichen Pädagogen, von denen 40 Prozent in Teilzeitarbeit arbeiten, Anreize zum Aufstocken zu bieten. Auch könnten Grundschullehrer, die kurz vor der Pensionierung stehen, wieder mehr unterrichten. Die Studienautoren schränken aber ein, dass wegen der Freiwilligkeit nur schwer einzuschätzen sei, wie diese Angebote angenommen würden.

Als dritte Möglichkeit schlagen die Autoren vor, Quereinsteiger ohne Grundschulstudium einzusetzen. „Flexible Zugangswege zum Lehrerberuf und pädagogische Qualität dürfen nicht im Widerspruch stehen. Wir brauchen einheitliche Standards für die Qualifizierung von Seiteneinsteigern“, sagte Dräger.

Angesichts der Warnungen unterstrichen die Bundesländer ihr Engagement zur Lösung des Nachwuchsproblems. „Alle 16 Länder sind sich der Lage bewusst und ergreifen bereits landesspezifische Maßnahmen“, sagte der Vize-Präsident der Kultusministerkonferenz, der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU), in Berlin. Ein „Weckruf“ der Stiftung sei nicht nötig. Durch steigende Geburtenzahlen und Zuwanderung sei bereits prognostizierter Lehrermangel verstärkt worden. „Vorhersehbar war das in dieser Größenordnung nicht.“ Von der Stiftung vorgeschlagene kurzfristige Maßnahmen - wie Erhöhung des Stundendeputats von Teilzeitkräften und Einsatz von Pensionären - würden in vielen Ländern bereits umgesetzt.

Angesichts des prognostizierten Lehrermangels müsse man „schnellstmöglich über Maßnahmen diskutieren, die aber generell Notlösungen sein werden“, sagte Expertin Susanne Miller der Deutschen Presse-Agentur. Die Professorin lehrt und forscht zum Schwerpunkt Grundschulpädagogik an der Uni Bielefeld und ist 1. Vorsitzende der Kommission „Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe“ in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) wirft der Politik schwere Versäumnisse vor. „Es ist ein Armutszeugnis, dass eine Stiftung die Hausaufgaben der Politik machen muss, um zu einer realistischen Lehrerbedarfsprognose zu kommen“, kommentierte die Bundesvorsitzende Udo Beckmann.

Nach Ansicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) müssten die Kultusministerien vor allem um Quer- und Seiteneinsteiger werben. Diese müssten „sofort berufsbegleitend nachqualifiziert und durch Mentoringprogramme unterstützt werden“, sagte Gewerkschaftschefin Marlis Tepe. Dafür müsse es bundesweit einheitliche Standards geben. Zugleich müssten die Ausbildungskapazitäten deutlich hochgefahren werden. „Es ist vollkommen unverständlich, dass es noch Studiengänge für das Lehramt an Grundschulen gibt, die mit einem Numerus clausus (NC) belegt sind. (dpa)