merken

„Drastischer Rückschritt“

Mao ist tot. Lang lebe Mao! Statt sich mit den Verfehlungen des Machthabers auseinanderzusetzen, lassen Chinas Führer ihn hochleben. Experten beobachten das mit großer Sorge.

© dpa

Von Stephan Scheuer

TOP Reisen

Auf sächsische.de finden Sie die schönsten Reisen in die Welt. Freuen Sie sich auf Ihren nächsten Urlaub!

Peking. Regen prasselt auf Chinas mächtigsten Führer. Aber Xi Jinping lässt sich bei der Zeremonie zum Nationalfeiertag auf dem Tian’anmen-Platz in Peking nichts anmerken. Er rückt ein Blumengesteck am Fuß des knapp 40 Meter hohen „Denkmals für die Helden des Volkes“ zurecht. Während ein Kinderchor ein Loblied auf die Kommunistische Partei (KP) singt, nimmt Xi seinen schwarzen Regenschirm und blickt auf. Am anderen Ende des großen Platzes hatte Mao Tsetung im Jahr 1949 mit näselnder Stimme im Bauerndialekt der Provinz Hunan gerufen: „China ist aufgestanden.“ Und auch wenn sein Name nicht fällt - Mao ist überall präsent.

Auch fast 40 Jahre nach dem Tod des „Großen Vorsitzenden“ der KP ist der Rückgriff auf Mao allgegenwärtig. Staats- und Parteichef Xi hat seiner Partei in einer Ideologiekampagne eine „porentiefe Reinigung“ verordnet und lässt Staatsbedienstete ganz im Stile der Kulturrevolutionen in Sitzungen „Kritik und Gegenkritik“ üben. Kein Wort fällt über die Schattenseiten der Mao-Ära, der Millionen von Menschen zum Opfer fielen.

Im Gegenteil: „Unsere rote Nation wird nie ihre Farbe wechseln“, hatte Xi kürzlich betont. Das sechseinhalb Meter hohe und fünf Meter breite Porträt von Mao hängt über dem Tian’anmen-Tor, dem Eingang zum Kaiserpalast, und ist eines der meistfotografierten Motive in China. Sein Bild baumelt als glücksbringendes Amulett am Rückspiegel von Taxen, und genau 25 Jahre nach seinem Tod wurden ab 2001 neue Geldscheine eingeführt, die von der Ein-Yuan bis zur roten 100-Yuan-Note sein Konterfei tragen.

Verklärung ist an der Tagesordnung

Für Daniel Leese von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ist China weiter denn je von einer kritischen Auseinandersetzung mit Mao Tsetung entfernt. „Die Regierung zieht die Zügel an“, sagt der Juniorprofessor, der den Maoismus in China in einem Forschungsprojekt untersucht. „Ich bin erschrocken, was sich dort derzeit ideologisch abspielt“, sagt Leese der Nachrichtenagentur dpa.

Statt sich offen auch mit den schlechten Seiten von Maos Herrschaft auseinanderzusetzen, werde zunehmen ein verklärtes Bild des Führers kreiert. Die initiierten Kampagnen seien ein „drastischer Rückschritt“, mahnt Leese. Im Staatsfernsehen lässt sich Xi zeigen, wie er Sitzungen der Selbstkritik von Parteimitgliedern beiwohnt. Wie eingeschüchterte Schuljungen sitzen die Funktionäre da, versuchen sich gegenseitig mit einer noch schärferen Selbstkritik zu übertrumpfen. „Das ist ein Rückgriff auf maoistische Führungsrituale“, sagt Leese.

Die Politik von Xi folge dem Ziel, die Macht im Volk und der Partei zu sichern, ist der liberale Kommentator Zhang Lifan überzeugt. „Eine Neubewertung von Mao könnte an der Legitimität der Partei rütteln“, sagt Zhang. „Wenn die Interpretation von Mao geändert wird, verliert die Partei ihre Position“, beschreibt Zhang die Sorge der Parteiführung.

„Die Legitimität der KP ist nicht abgesichert“, sagt Zhang. Eigentlich besitze sie keine legislative Macht und dürfe auch nicht über den Staat wachen. Faktisch steht sie aber über dem Gesetz und bestimmt, was in China passiert. „Es ist nahezu unmöglich für die KP, eine Neubewertung von Mao in Gang zu setzen.“ Trotzdem stecke Chinas Führung in einer Klemme, denn Reformen seien dringend nötig. „Wenn es keine Reformen oder einen Wandel im politischen System gibt, könnte es in Zukunft einen politischen Zusammenbruch geben.“

Für Xi Jinping ist Mao jedoch mehr als ein Mittel zum Zweck, vermutet Leese. „Ich glaube nicht, dass das nur Opportunismus ist.“ Hingegen sei Xi vermutlich wirklich von dem Erfolg der Machtpraktiken von Mao überzeugt. Noch sei es zu früh, um zu beurteilen, wie weit Xis Kampagnen gehen werden. Aber ein nächster Feiertag könnte mehr Klarheit geben. „Wir werden sehen, wie der 120. Geburtstag von Mao gefeiert wird“, sagt Leese. Denn bei der Feier am 26. Dezember wird Xi bestimmt wieder den Ton angeben. (dpa)