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Drehtag im Reichsschmied

Vor 60 Jahren wurde in Gorbitz das Defa-Studio für Trickfilme gegründet. Dresdner Produktionen wurden zum Exportschlager.

© SZ Archiv

Von Lars Kühl

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Wer sich heute Animationsfilme ansieht, kommt um niedliche Clown-Fische, sprechende Roboter oder Autos mit Gesichtern kaum noch herum. Doch es gab Zeiten, da verzückten „Rübezahl“, „Zwerg Nase“ oder „Teddy Brumm“ nicht nur kleine Kinder. Noch bis vor 25 Jahren galt Dresden als Hochburg trickanimierter Filme – und das, obwohl den Werken die heutige Spritzigkeit, Farbspektakel und Effekthascherei der inzwischen angesagten, technisch aufwendigen Produktionen, vor allem aus den USA oder Japan, abging. Doch gerade die fehlende Hektik hatte zu DDR-Zeiten und auch noch danach ihre Fans.

Im ehemaligen Gasthof „Zum Reichsschmied“ an der Kesselsdorfer Straße zogen die Defa-Leute mit ihrem Equipment 1955 ein. Vorher war hier bis 1945 das Studio des Werbefilmers Fritz Boehner. © SZ Archiv

Verantwortlich waren die 240 Angestellten des Defa-Studios für Trickfilme, vor allem die 150 im künstlerischen Bereich. Vor 60 Jahren begannen die ersten 80 von ihnen mit ihrer Arbeit auf dem Studiogelände an der Kesselsdorfer Straße. Das Gelände erwies sich als ideal, denn hier war in den Jahren zuvor bereits Filmgeschichte geschrieben worden.

Fritz Boehner, bekannter Werbefilmer und Erfinder der Spotwerbung für das Kino, hatte den Gasthof „Zum Reichsschmied“ mit Ballsaal 1938 gekauft. Das bestehende Gebäude ließ er zur Produktionsstätte seines Werbefilm-Studios ausbauen. Als seine Firma nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs samt Technik nach Oberfranken verschwand, etablierte sich in Gorbitz eine Außenstelle des Babelsberger Defa-Studios für populärwissenschaftlichen Film. Allerdings wurde nur bis 1954 produziert, weil der Erfolg ausblieb.

Dann hatte die DDR-Regierung eine andere Idee. Der Ministerrat fasste einen folgenschweren Beschluss: Zum 1. April 1955 wurde mit dem Defa-Studio für Trickfilme ein selbstständiger, volkseigener Betrieb gegründet. Die ersten Angestellten verfügten nur zum Teil über Erfahrungen in der Filmbranche. Einige kamen aus Babelsberg und waren wie Otto Sacher, der heute als Nestor des deutschen Trickfilms gilt, Absolventen der Kunsthochschule Halle. Eines hatten alle gemeinsam: Sie wollten Trickfilme machen, vor allem für Kinder.

Angeführt wurde die Gründergeneration von Kurt Weiler, der zu den wichtigsten Trickfilm-Regisseuren der DDR aufsteigen sollte. Sein Gegenpol war Johannes Hempel, der sich selbst als „Vater des Defa-Puppentrickfilms“ sah. Beide unterschieden sich in ihrem künstlerischen Ansatz, wie Sabine Scholze vor zehn Jahren in ihrem Beitrag für die Ausgabe „Kinos, Kameras und Filmemacher – Filmkultur in Dresden“ der Dresdner Hefte schreibt.

Die Bedingungen in den Anfangsjahren waren schwierig. Es musste viel improvisiert werden. So zog das Puppenatelier in den alten Ballsaal. Die ehemalige Kegelbahn wurde zum Vorführraum umfunktioniert, auch die Schneidetechnik und das Archiv fanden hier Platz. Zunächst erfolgte auch die Endfertigung auf dem Studiogelände. Erst Anfang der 1960er-Jahre wurde ein eigenes Tonstudio in Gittersee gebaut. Mit der Zahl der Mitarbeiter wuchs in den Jahren auch die der Film-Produktionen. Waren es 1955 nur zwei, wurden 1956 schon 17 und 1957 bereits 20 fertiggestellt.

Zum Auftraggeber Kino kam in den 1960er-Jahren das Fernsehen, beispielsweise mit seiner Langzeitserie „Jan und Tini auf Reisen“, hinzu. Gängige Werbefilmchen wurden aufgenommen, aber auch die Sendung „Tausend Tele-Tips“ mit ihren Botschaften zum Gesundheits-, Versicherungs- und Arbeitsschutz sowie Reparatur-Tipps und Produktinformationen. Wichtige Partner des Trickfilmstudios wurden das Hygienemuseum, für welches Maskottchen Kundi Körperpflegehinweise gab, und der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, für den die Arbeitsschutzserie mit dem Männchen Theo produziert wurde. Steckenpferd blieb allerdings bis zur Schließung des Studios der Kinderfilm. Zum ersten Publikumsrenner avancierte „Alarm im Kasperletheater“ von Lothar Barke (1960). Noch heute lassen sich Kinder mit dem kleinen Teufelchen belehren, das die Pfannkuchen für eine Geburtstagsgesellschaft stibitzt und alle selbst verputzt. Zur Strafe leidet der Dieb an solch starken Bauchschmerzen, dass er die anschließende Feier verpasst.

1982 kam „Die fliegende Windmühle“ von Günther Feustel heraus und wurde zum Klassiker. Drei Jahre später erschien die „Weihnachtsgans Auguste“ als Puppentrick und flimmerte fortan regelmäßig zum Fest über Fernsehbildschirme. Nicht zu vergessen sind die Silhouettenfilme aus der Schere von Bruno Böttge.

Alles hätte als Erfolgsgeschichte fortgeführt werden können: rund 60 Filme in allen herkömmlichen Tricktechniken pro Jahr, als Exportschlager in über 100 Länder verkauft. Dresden „wäre sicher noch immer Deutschlands größter Produktionsstandort für Animationsfilme“, schreibt Sabine Scholze. Doch es kam anders.

Mit der politischen Wende brachen die wichtigsten Auftraggeber weg. Begonnene Filme wurden zum Teil noch vollendet, das Bundesinnenministerium gab jetzt das Geld dafür. Doch die Anpassung an die neuen Marktbedingungen misslang. Im Sommer 1991 wurden erst die Regisseure und Schnittmeister entlassen. Am 30. Juni 1992 war ganz Schluss, und das Defa-Studio für Trickfilme war Geschichte.

Eine Geschichte, die Enthusiasten weitererzählen. 1993 gründeten sie das Deutsche Institut für Animationsfilm. Den Nachlass des Dresdner Defa-Studios bewahren sie in den Technischen Sammlungen in Striesen: 1 500 Animationsfilme, genauso viele Puppen und 3 000 Requisiten.