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Dresden sucht den Super-Organisten

Die Silbermann-Orgel in der Hofkirche ist der Porsche unter den Orgeln. Jetzt entscheidet sich, wer sie künftig spielt.

© Christian Juppe

Von Anna Hoben

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Die DVB suchen weitere Verstärkung

Die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) laden zum „DVB-Ausbildungstag“ am 14. September von 10 bis 16 Uhr in den Busbetriebshof Gruna ein.

Am Anfang ist Bach. In diesem Fall das kleine Erdbeben, mit dem die Fantasie in g-Moll beginnt. Auf der Empore hat ein besonders enthusiastischer Zuhörer ein Aufnahmegerät aufgestellt. Er bewegt den Kopf und den Oberkörper zu den kraftvollen Tönen aus der Silbermann-Orgel, die den Raum der Kathedrale erfüllen. Es ist der Donnerstag vergangener Woche,
19 Uhr. Letzter Tag der ersten Bewerbungsrunde für einen Domorganisten.

Fünf Minuten zuvor hat Iris Rieg, in festlichem Schwarz, Pulswärmer an den Handgelenken, noch Trockenübungen absolviert. Klackedi-klackedi-klack machten die Orgeltasten. Dompfarrer Norbert Büchner hat die Besucher in den gut besetzten Reihen begrüßt und den beiden Bewerbern dieses Abends „Gottes Segen für ihr Spiel“ gewünscht. Dann wurde es ernst.

Der Bach-Fantasie folgt eine Fuge, „die Kaffeewasser-Fuge“, raunt Domkapellmeister Matthias Liebich. Sie trägt diesen Namen, weil ein Scherzkeks zu ihrer Melodie einmal folgenden Text gedichtet hat: „Das Kaf-fee-was-ser kocht, das Kaf-fee-was-ser kocht, nimm’ den Deckel ab“. Der Domkapellmeister schaut auf die Armbanduhr und notiert sich die exakte Dauer des Stückes, Minuten und Sekunden.

Eine halbe Stunde, länger darf das Vorspiel nicht dauern. So hat es die Jury den Bewerbern gesagt. Im Januar ist die Kirche zu kalt, ein längeres Konzert könne man den Hörern nicht zumuten. Wer überzieht, kriegt Abzug. Sechs Leute gehören der Jury an: Neben Domkapellmeister Liebich sind das der Dompfarrer Norbert Büchner, die Leiterin der Seelsorgeabteilung des Ordinariates, ein Musikhochschul-Professor, der Organist der Leipziger Propsteikirche und der Bamberger Dompropst.

Im Oktober wurde die Stelle ausgeschrieben, 32 Mappen gingen beim Bistum ein. Zwölf Bewerber wurden zum einstündigen Vorstellungsgespräch eingeladen. Da ging es um den individuellen Lebensweg, aber auch um die religiöse Einstellung. „Zu welchem Heiligen haben Sie eine besondere Affinität?“ Auch darauf mussten die Bewerber eine Antwort wissen. Die Hälfte von ihnen schaffte es in die nächste Runde – zum Vorspiel in der Kathedrale.

Unter den verbliebenen sechs ist auch Iris Rieg. Ein Treffen mit der 42-Jährigen am Vorabend des Konzerts: Mit vier Jahren hat sie Blockflöte gespielt, mit acht elektronische Orgel, mit zehn Klavier. „Bach spielen auf einer barocken Silbermann-Orgel“, sagt sie, „das ist ein Traum“. Unter Kollegen ist die gebürtige Schwäbin, die heute als freie Musikerin und Dozentin in Köln lebt, meist die einzige Frau. Warum das so ist? „Fragen Sie die Kirchenmänner.“ Okay. Herr Liebich, warum sind unter den professionellen Organisten nur so wenige Frauen? „Ich glaube, es sind gar nicht so wenige, bestimmt 20 bis 30 Prozent“, sagt Liebich. „Aber das passt eben schwer zusammen mit einer Karriere am Dom.“ Das Familienleben, meint er wohl.

Wie die bisherigen Bewerbungskonzerte gewesen seien? „Sehr unterschiedlich. Die Musiker haben die Orgel zuvor ja gerade mal zwei Stunden benutzt. Das ist wie bei einem schicken Auto: Man muss damit umgehen lernen.“ Einer habe nur schwere Stücke gespielt. „Das macht man doch nicht.“ Den perfekten Organisten oder die perfekte Organistin für die Silbermann-Orgel werde es ohnehin nicht geben, meint Liebich. Aber das Instrument biete große Möglichkeiten, sich zu entwickeln.

Auch Iris Rieg hat die Orgel vor ihrem Konzert schon zwei Stunden lang spielen dürfen: bei der Einregistrierung am Donnerstagvormittag. Weil keine Orgel der anderen gleicht, richtet der Organist dabei seine Stücke auf das jeweilige Instrument aus. In diesem Fall: auf die Silbermann-Orgel, die größte ihrer Art und die letzte verbliebene in Dresden, 47 Register, 3 000 Pfeifen. „An Ästhetik und Klang wunderbar“, lobt der Domkapellmeister, „sie spielt nach 250 Jahren noch so wie damals“.

Drei Kandidaten schaffen es in die letzte Runde. Sie werden an diesem Wochenende noch einmal zeigen, was sie draufhaben. Die Aufgabe: Improvisieren im Gottesdienst, ohne Noten, nur mit dem Gesangbuch. Diese letzte Runde ist entscheidend, auch, weil das den Großteil der Arbeit ausmacht. Ein Domorganist spielt 180 Gottesdienste im Jahr, aber nur etwa 20 Konzerte. Dazu kommt, dass er sich um die Weiterbildung von Organisten in kleineren Gemeinden kümmern soll. Zu Ostern, spätestens aber zu Pfingsten, sollte der neue Mann oder die neue Frau da sein.

Beim Konzert von Iris Rieg vergangenen Donnerstag endet die Bach-Fuge in strahlendem Dur. Es folgt Jan Pieterszoon Sweelinck, zarte, fast gläserne Töne, verspielte Variationen eines Themas. Dann kommt Georg Muffat und zuletzt ein Impromptu von Louis Vierne: modern, virtuos, oft dissonant. Musik, die in einen Science-Fiction-Film passen würde.

Tags darauf die Gewissheit: Iris Rieg ist in der Endrunde, zusammen mit Johannes Trümpler und Manfred Novak. Wenn die drei am Wochenende in den Gottesdiensten spielen, werden auf der Silbermann-Orgel wieder zwei Engel thronen und so aussehen, als würden sie staunen angesichts dieses Instrumentes, der Welt der Klänge.

Gottesdienste mit den drei verbliebenen Bewerbern: Sonnabend, 18 Uhr; Sonntag, 9 und 18 Uhr.

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