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Politik

Schwieriger Einsatz für Seenotretter

Die "Ocean Viking" sticht in See. Das größte unter den Rettungsschiffen dürfte im Mittelmeer für neue Spannungen sorgen.

© Julia Naue/dpa

Marseille. Stefanie und Michael wissen, was sie tun. Das große rote Schiff, auf dem sie stehen - sie haben sich freiwillig entschieden, hier Wochen zu verbringen. Dabei werden sie auch viel Elend erleben. Die Hebamme und der Medizinstudent aus Deutschland sind nicht das erste Mal als Seenotretter im Mittelmeer im Einsatz. Und doch ist es dieses Mal etwas Besonderes. Mit der "Ocean Viking" nehmen Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerranée ihre Arbeit wieder auf. Die gemeinsam betriebene "Aquarius" war nach einem politischen Tauziehen Ende 2018 stillgelegt worden.

Jetzt also auf ein Neues. Die "Ocean Viking" ist das größte Rettungsschiff im Mittelmeer. Ihr Einsatz dürfte in den kommenden Tagen den Entscheidungsdruck auf Europa weiter erhöhen, dass tage- und wochenlange Hängepartien vermieden werden. Bis zu 200 Menschen kann das Schiff unter norwegischer Flagge aufnehmen. Im Notfall auch mehr. Die "Aquarius" hatte Platz für bis zu 500.

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Es ist wenige Tage vor der Abfahrt der "Ocean Viking". Das riesige rote Schiff liegt im Hafen von Marseille in Südfrankreich. Die Sonne brennt, die letzten Arbeiten werden erledigt, im Hintergrund hört man ein Schweißgerät. An Deck des fast 70 Meter langen Schiffes lagern 1000 Rettungswesten. Nicht weit entfernt liegt eine große Puppe. Mit ihr üben die Seenotretter den Einsatz.

Ein Blick in eine Raum der Klinik an Bord des Rettungschiffes «Ocean Viking».
Ein Blick in eine Raum der Klinik an Bord des Rettungschiffes «Ocean Viking». © Julia Naue/dpa

Es gibt eine 360-Grad-Rundbrücke für bessere Sicht, einen Hubschrauberlandeplatz und drei medizinische Untersuchungsräume. Sie sind in Containern untergebracht, dort stehen Pritschen, Kisten voll mit Medikamenten und Verbandszeug. An Bord sind ein Rettungsteam von SOS Méditerranée und ein medizinisches Team von Ärzte ohne Grenzen.

Dazu gehört die 31-jährige Stefanie aus Süddeutschland. Die Hebamme war bereits 2018 auf der "Aquarius". Für sie beginnt nun ein neuer Rettungseinsatz. "Oft gab es Frauen, die vergewaltig worden waren", erzählt sie. Wie geht man damit um? "Man funktioniert einfach und macht seine Arbeit - stellt seine eigenen Bedürfnisse zurück."

Besonders häufig litten Frauen und Kinder unter Verbrennungen. Sie sitzen oft in der Mitte der Boote, wo sich ausgelaufenes Benzin mit Salzwasser zu einer ätzenden Mischung vereint. Beine, Hüfte - sie verbrennt alles. "Einmal wurde auch während der Rettung ein Baby auf einem Schlauchboot geboren", erzählt Stefanie.

Für Frauen und Kinder gibt es auf der "Ocean Viking" einen schlichten Schutzraum. An den Wänden hängen ein paar Bilder. Der Container ist keine 30 Quadratmeter groß, es gibt zwei Toiletten, einfache Duschen. Der Container für Männer ist gut 80 Quadratmeter groß und ein paar Schritte entfernt. Auch hier ist alles auf das Nötigste begrenzt. Wer es hierhin schafft, ist erstmal in Sicherheit.

Denn nicht immer können alle gerettet werden. Seit Jahresbeginn sind der Internationalen Organisation für Migration zufolge im Mittelmeer Hunderte Menschen ums Leben gekommen. Zwar machen sich weniger auf den Weg als in den Vorjahren, die Überfahrt ist aber gefährlicher geworden. Dabei werden viele Unglücke gar nicht bekannt.

 David Starke, Geschäftsführer «von SOS Mediterranée»
 David Starke, Geschäftsführer «von SOS Mediterranée» © Julia Naue/dpa

Besonders Italiens rechter Innenminister Matteo Salvini hetzt gegen Seenotretter. Ihre Einsätze würden die Menschen erst zum Aufbruch ermutigen, die Retter seien als Gehilfen der Schleuser selbst "Kriminelle". Dieses sogenannte Pull-Faktor-Argument ist allerdings von vielen Wissenschaftlern widerlegt.

"Das Thema Flucht wird häufig viel zu schlicht gedacht", sagt der Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück. Es gebe die Vorstellung, dass sich jemand zum Beispiel aus Ostafrika auf den Weg mache, in kürzester Zeit in Nordafrika ankomme und dort einen Schlepper finde, der ihm die Fahrt übers Mittelmeer organisiere. "Und wenn dann während der Überfahrt was passiert, wird man auf jeden Fall gerettet - deswegen geht man das Risiko auch eher ein. Doch so einfach ist es nicht, Fluchtbewegungen sind wesentlich komplexer", sagt er. Dass weniger Menschen die Überfahrt wagen, liege auch daran, dass Schlupflöcher wie Libyen immer schwerer zu erreichen seien.

Im Hinterkopf hat auch SOS Méditerranée den Fall der Kapitänin Carola Rackete. Die Deutsche fuhr trotz eines Verbots mit der "Sea-Watch 3" und Dutzenden Migranten an Bord in den Hafen von Lampedusa. Ihr könnte der Prozess gemacht werden. "Italien ist für uns keine Option anzulanden", betont SOS-Méditerranée-Geschäftsführer David Starke.

Mit dem Auslaufen der "Ocean Viking" nimmt der Druck auf Länder wie Malta und Italien weiter zu. Auch wenn sich am Wochenende Malta relativ schnell bereit erklärt hat, die Migranten des deutschen Schiffs "Alan Kurdi" von Sea-Eye aufzunehmen, bis sie auf andere Länder verteilt sind: Von einem dauerhaften Verteilmechanismus für Bootsflüchtlinge ist man in der EU weit entfernt.

Für Salvini ist das Katz-und-Maus-Spiel mit den Seenotrettern die perfekte Bühne. Gerne inszeniert er sich als harter Typ, der keine "Illegalen" nach Italien lässt. Wenn die NGO-Schiffe in italienische Gewässer fahren, "beschlagnahmen wir eins nach dem anderen. Wir werden sehen, wer zuerst müde wird", sagt er. Für die "Ocean Viking" könnte diese Lage bedeuten, dass die Migranten Tage oder Wochen auf dem Schiff ausharren müssen. Es wird eine Fahrt ins Ungewisse. (dpa)