merken

Dresden wird älter - und aktiver

Smartphone und Laptop gehören für sie zum Alltag: Die neue Generation von Rentnern ist gut vernetzt.

Von Christiane Raatz

Anzeige
Symbolbild Anzeige

Runter vom Sofa, rein ins Leben!

Zu langes Sitzen erhöht das Risiko für Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes und andere Krankheiten.

Viel Zeit bleibt Jürgen Thomas und Stefan Ritter nicht, um ihren Ruhestand zu genießen. Die beiden Männer, 68 und 70 Jahre alt, organisieren das Programm für die Dresdner Seniorenakademie Wissenschaft und Kunst, sprechen sich mit Museen und Universitäten ab, organisieren Vorlesungen und Sonderführungen. Ein Vollzeit-Job. Immerhin rund 400 Veranstaltungen stehen pro Semester auf dem Programm. „Da muss man sein Ohr am Puls der Zeit haben, um zu wissen, was gerade interessant ist“, sagen die beiden gelernten Ingenieure. Immer mit dabei sind Smartphone und Laptop, die gehören mittlerweile zum Alltag, vieles lässt sich damit leichter organisieren.

Der Wissenshunger der Dresdner Senioren ist groß: Zwischen 500 und 800 Hörer kommen pro Semester, sie sind zwischen 60 und 90 Jahre alt. Hoch im Kurs stehen Veranstaltungen zur Dresdner Geschichte, aber auch Themen wie Gesundheit, Fitness und Mobilität. „Wir steigern die Lebensqualität, indem wir die grauen Zellen in Bewegung halten und die Kommunikation untereinander fördern“, sagt Ritter. Im Ruhestand wollen sich viele Ältere einer neuen Aufgabe widmen. „Da ist die neue Rentnergeneration schon ein wenig anders geprägt.“

Fest steht: Dresden wird immer älter. Ende 2013 lebten 535.800 Menschen in der Stadt, darunter knapp 145.000 über 60-Jährige. Das entspricht einem Anteil von 27 Prozent. Dieser soll laut Prognosen bis 2020 auf knapp 30 Prozent steigen. Im sachsenweiten Vergleich gehört Dresden allerdings eher zu den jungen Städten: Der Altersdurchschnitt liegt bei 43 Jahren. Im gesamten Freistaat sind es 46,5 Jahre.

Dennoch stellt der steigende Anteil von Senioren Dresden vor Herausforderungen: Altersgerechte Wohnungen müssen geschaffen werden, zudem barrierefreie Zugänge zu Ämtern, Theatern, Museen oder auch Haltestellen. Die Stadt fördert den barrierefreien Umbau von Wohnungen mit bis zu 3.800 Euro – damit Senioren so lange wie möglich im gewohnten Umfeld bleiben können. „Dresden hat schon viel für Ältere getan“, sagt CDU-Stadtrat Klaus Rentsch vom Dresdner Seniorenbeirat. Dennoch gebe es noch Defizite, vor allem in Sachen preiswerter Wohnraum. Zwar kündigen immer mehr Wohnungsgenossenschaften an, altersgerecht zu sanieren. Nicht selten würden dann aber die Preise bei neun Euro pro Quadratmeter liegen – oft auch kalt. „Um das zu bezahlen, müssen sich die Rentner ganz schön strecken“, so Rentsch. Er wünscht sich auch mehr Anlaufstellen wie Sozialstationen oder zentrale Begegnungsstätten. „Ältere Menschen wollen arbeiten und sich gebraucht fühlen.“ Deshalb engagieren sich viele ehrenamtlich, als Leihoma, im Pflegeheim oder in kulturellen Einrichtungen. Allerdings muss das ehrenamtliche Engagement besser gestellt werden, fordert Rentsch. Zumindest die Anfahrtskosten mit dem Auto oder Bus und Bahn sollten übernommen werden. Dafür will sich der 66-Jährige bei den nächsten Haushaltsverhandlungen starkmachen.

Nicht nur das Ehrenamt ist gefragt, immer mehr Menschen arbeiten auch länger in ihrem Job. Gingen in Dresden 2007 noch knapp 8.000 Menschen im Alter zwischen 60 und 64 Jahren einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach, stieg deren Zahl 2013 auf rund 14.500 – nahezu eine Verdoppelung.

Grit Winkler von der Arbeitsagentur Dresden hat dafür verschiedene Erklärungen: Zum einen gab es bis 2007 eine Sonderregelung. Arbeitslose, älter als 58 Jahre, konnten erklären, dass sie aufgrund ihres Alters nicht mehr arbeiten wollen, bekamen dann bis zur Rente zweieinhalb Jahre Arbeitslosengeld. Diese Regelung wurde allerdings damals eingestampft. Zudem sorgt auch der Fachkräftemangel dafür, dass Unternehmen ihre erfahrenen Mitarbeiter nur ungern vorzeitig gehen lassen. Selbstständige Unternehmer haben oft Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden und führen so lange wie möglich ihre Firma. Auch knappe Renten können eine Motivation sein, seinen Beruf weiter auszuüben. Wer länger arbeitet, muss zudem weniger Abschläge in Kauf nehmen.

Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) ist das durchschnittliche Renteneintrittsalter seit 2007 von rund 62 auf 64 Jahre gestiegen – und zwar bei Männern und Frauen.

In einer Serie stellt die Sächsische Zeitung Rentner vor, die noch arbeiten – aus verschiedenen Gründen.