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Sterbehilfe? Dresdner Arzt wegen Totschlags verurteilt

Vor elf Jahren soll der damalige Intensivmediziner eigenmächtig den Sterbeprozess eines betagten Patienten eingeleitet haben – ohne klare Indikation.

Der Arzt Markus B. (l.) – hier mit Verteidiger Rolf Franek – wurde wegen Totschlags zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Der Arzt Markus B. (l.) – hier mit Verteidiger Rolf Franek – wurde wegen Totschlags zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. © SZ/Alexander Schneider

Dresden. Eineinhalb Monate hat sich das Schwurgericht des Landgerichts Dresden mit der umstrittenen Behandlung eines 54-jährigen Arztes im Jahr 2010 befasst. Am Ende war das Urteil des Altverfahrens überraschend klar. Das Schwurgericht verurteilte den Dresdner Mediziner zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten wegen Totschlags.

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Über die Osterfeiertage 2010 war Markus B. als damaliger Oberarzt der Intensivstation im Klinikum Pirna für die Gesundheit eines frisch operierten Krebspatienten verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft hatte den Facharzt für Anästhesie bereits 2014 angeklagt. Weil sich der Gesundheitszustand des 78-jährigen Patienten zwei Tage nach dessen Tumor-Entfernung verschlechterte, habe B. ohne sich mit anderen Kollegen abzustimmen oder die Ursache der Verschlechterung abzuklären, entschieden, in eine palliative Behandlung überzugehen. Er habe dem Mann Morphin gegeben und so den Sterbeprozess eingeleitet, lautete der Vorwurf. Von einer Fahrlässigkeit war nicht die Rede.

Der Vorsitzende Richter Herbert Pröls nahm in seiner Urteilsbegründung kein Blatt vor den Mund. Er sprach von einer Eigenmächtigkeit B.s, vom Behandlungsplan abzuweichen, von einer „völlig abstrusen Entscheidung im Alleingang“ und von „Selbstüberschätzung“. Als erfahrener Notfallmediziner habe B. gewusst, dass der Patient sterben würde, wenn er ihm Morphin verabreiche. Es seien auch sonst keine weiteren Maßnahmen eingeleitet worden, den Patienten am Leben zu erhalten.

Arzt bricht sein langes Schweigen

Die Beweisaufnahme habe ergeben, dass nach der OP über Ostern weiter die „maximale Therapie“ angeordnet gewesen sei und sich daran nichts geändert habe. Der Angeklagte selbst habe als Oberarzt zunächst angeordnet, den Patienten über eine Magensonde zu ernähren – weil das aber nicht möglich gewesen sei, auf die Gabe von Morphin umgestellt.

Zwei Medizingutachter hatten sich mit der Behandlung des Oberarztes befasst. Sie kritisierten die Gabe von Morphin zu diesem Zeitpunkt – die Klinik habe längst davon abgesehen – und die lückenhafte Dokumentation der Behandlung. Fast flehentlich appellierten sie an den Angeklagten, sich zu seinem Vorgehen zu äußern.

Das machte Markus B., der bisher immer geschwiegen hatte, dann doch überraschend. Er kritisierte etwa die vorangegangene Behandlung des Patienten und die eigene Dokumentation: „Die war grob, das räume ich ein“. Ansonsten könne er sich keinen Vorwurf machen. Nach seiner 70-minütigen Erklärung unterbrach ihn Pröls und fragte, ob er nicht auch einen Fehler sehe oder eine Handlungsalternative? „Auch nach elf Jahren würde ich wieder das Gleiche machen“, erwiderte B. überzeugt.

Laut Pröls habe sich der Patient in keiner Notfallsituation befunden. Die Rolle des Arztes sei daher die eines Lebensrettungsgaranten gewesen. B. habe die Entscheidung, die Behandlung abzubrechen, selbst und eigenmächtig getroffen – ohne die grundbehandelnde Chirurgin einzubinden, die jedoch, beziehungsweise der Chefarzt, das letzte Wort gehabt hätten, nicht der Angeklagte.

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