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Allabendliches Schwurbeln

Ein Dresdner Youtuber soll seine Vorträge mit Bildersammlungen ergänzt haben, die angeblich gegen das Gesetz verstoßen. Nun lässt er es in seinem Prozess krachen.

Die Konten eines Dresdner Youtubers wurden nun gelöscht, behauptet der Mann in seinem Prozess. 100.000 User hätten seinen Vorträgen allabendlich zugehört. Der 36-Jährige soll Nazi-Symbole verbreitet haben.
Die Konten eines Dresdner Youtubers wurden nun gelöscht, behauptet der Mann in seinem Prozess. 100.000 User hätten seinen Vorträgen allabendlich zugehört. Der 36-Jährige soll Nazi-Symbole verbreitet haben. © dpa-Zentralbild

Dresden. Das Prinzip ist einfach. Man behaupte etwas Bizarres – und hält Zweiflern rhethorisch entgegen, ob sie denn ausschließen könnten, dass es nicht so sei. Das hat Methode bei Verschwörungsschwurblern aller Art. Egal ob sie nun die Corona-Pandemie und PCR-Tests bezweifeln oder von einem sogenannten „deep state“ überzeugt sind, einem verborgenen Machtzentrum hinter den sichtbaren Politik-Marionetten wie Angela Merkel und allen anderen.

Veikko S., ein 36-jähriger IT-Techniker aus Dresden, etwa hält seit drei Jahren allabendlich dreistündige Live-Vorträge über solche verborgene Machtstrukturen, wie er selbst sagt. Das „wissenschaftliche Level“ seiner Arbeit nennt er „bahnbrechend“. Es geht dabei um skurrile „Theorien“, wie die, Bundeskanzlerin Angela Merkel könnte von Adolf Hitler abstammen. Dafür sammle und präsentiere er Indizien. So habe Hitler flüchten und seine „Saat“ weitergeben können, wobei auch die weltweit drei einzigen Dörfer eine Rolle spielten, in denen ausschließlich Zwillinge zur Welt kämen.

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Hach, man muss loslassen können, um sich dieses Zeug anzuhören. Am Donnerstag begann am Amtsgericht Dresden ein Prozess gegen S., der laut Anklage allerlei Bilder mit Nazi-Symbolen und -Kennzeichen auf einer öffentlich zugänglichen Facebook-Seite präsentiert habe. Konkret gehe es um neun von mehr als 370 Bildern.

Bestreiten und beleidigen

Natürlich bestreitet S. das. „Ich brauche das Beweismaterial, sonst lacht man mich aus“, sagte er. Die Fotos zeige er während seiner Youtube-Sendung und ordne sie auch ein. 100.000 Zuschauer verfolgten seine abendlichen Vorträge. Zweck sei nicht die Verherrlichung des Nationalsozialismus. Vielmehr ginge es darum, Nazis zu stellen. Es seien Tausende nach dem Krieg untergetaucht, die längst wieder begonnen hätten, Macht auszuüben. Erst im März seien ihm seine drei Youtube-Kanäle und mehrere Facebook-Seiten – „Das ist mein Lebenswerk!“ – gelöscht worden.

Auch Verteidiger Jens Conrad aus Zwickau hält die Vorwürfe für „lächerlich“. Er behauptete, „die Parteien“ hätten heute längst den Staat übernommen, das sei vergleichbar mit den Nazis 1933: „Wir haben den Nationalsozialismus längst wieder, er nennt sich nur anders.“

Die Richterin erklärte, sie habe zu prüfen, wie diese Fotos auf den normalen Betrachter wirkten. Doch dazu kam es nicht, weil der Angeklagte und sein Verteidiger lautstark und theatralisch Kritik an der Richterin übten und ihr mehrfach an den Kopf warfen, sie hänge "einem sozialistischen, wenn nicht sogar nationalsozialistischen Weltbild" an. Die Richterin vertagte die Verhandlung nach dem zweiten Befangenheitsantrag des Verteidigers.

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