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Dynamo-Krawalle: Das hätte anders laufen können

Bei den Ausschreitungen in Dresden wurden 185 Polizisten verletzt. Was der "erste große Aufschlag" der Aufarbeitung nun ergeben hat.

Beim Einsatz rund um das Spiel zwischen Dynamo Dresden und Türkgücü München wurden 185 Polizisten verletzt.
Beim Einsatz rund um das Spiel zwischen Dynamo Dresden und Türkgücü München wurden 185 Polizisten verletzt. ©  Archiv: dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Während die Ermittlungen gegen gewalttätige Dynamo-Anhänger, die Anklagen und erste Gerichtsprozesse parallel weiterlaufen, gab es am Montag eine Expertenanhörung zu den Gewaltexzessen vom 16. Mai.

Die Stadträte aus den Ausschüssen für Sport und Sicherheit haben sich dazu Sachverständige gesucht, die die Vorfälle bewerten. Dabei wurde vor allem der Einsatzleiter der Polizei in die Mangel genommen.

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Die Rahmenbedingungen für das Aufstiegsspiel von Dynamo Dresden seien klar gewesen, erläuterte Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel (CDU) zu Beginn der Sitzung. Mitten in der Corona-Bundesnotbremse konnten weder Fans ins Stadion noch große Ansammlungen außerhalb zugelassen werden.

Aber das mit der Ansammlung an dem Tag wurde im Großen Garten nicht so genau genommen. Die Polizei ließ tausende Fans gewähren, die die Tore und den Aufstieg ihrer Mannschaft feiern wollten. Bis zur 63. Spielminute als kurz vor dem 3:0 für Dynamo die Stimmung vor dem Stadion kippte.

Polizeidirektor Hendrik Schlicke, der den Einsatz leitete, berichtete den Stadträten, wann und wie oft es im Vorfeld Informationsaustausch mit Verein, Ordnungsamt und schließlich auch dem Gesundheitsamt und dem Fanprojekt gegeben hatte. "Wir haben eine Situation erwartet, wie ein Jahr zuvor, also etwa 2.000 Fans und es gab keine Hinweise auf gewalttätige Auseinandersetzungen." Weil es von Dynamo Dresden hieß, es könnten deutlich mehr werden, richtete man sich darauf ein.

Es sei auch über Alternativen für die Fans diskutiert worden, um trotz der Corona-Vorgaben die Mannschaft zu sehen und den Aufstieg zu feiern. So war eine Autokino-Variante in der Flutrinne im Gespräch, die Spieler sollten auf einem Dampfer die Elbe entlang und die Fans ans Ufer oder in Stadtrundfahrtbusse. All das wurde am Ende nichts. Also sei, in Abstimmung mit den anderen Beteiligten, nur geblieben, am Freitag vor dem Spiel, zu demobilisieren. Geklappt hat das nicht, rund 5.000 Dynamo-Anhänger waren am Ende im Großen Garten.

Böller und Nebeltöpfe

Dennoch habe die kommunikative und deeskalierende Strategie lange funktioniert, so Polizeidirektor Schlicke. "Bis zu dem Zeitpunkt in der zweiten Halbzeit, als sich an der Hauptallee eine größere Ansammlung von etwa 2.000 Personen gebildet hatte. Diese teilte sich in zwei Gruppen und Koordinatoren putschten diese Gruppen auf." Böller und Nebeltöpfe seien gezündet worden, eine Gruppe sei in Richtung Trainingsgelände gezogen und habe offenbar die Fahrzeugsperre der Polizei durchbrechen wollen. Polizeibeamte seien mit Pyrotechnik, Flaschen und Steinen beworfen worden. Dann seien Einsatzkräfte eingeschlossen worden, im Rücken Zäune, vor ihnen gewaltbereite Fans. "Die Kollegen kamen aus der Ecke nicht heraus, sie hingen dort fest", berichtet Schlicke.

Auch weil bereits mehrere Polizisten verletzt waren, gab Schlicke demnach Reizgas zum Einsatz frei. Andere Beamte kamen den Schilderungen zufolge ihren Kollegen mit Wasserwerfern zu Hilfe, ehe sich die Gewalt auf die Lennéstraße verlagerte. Stundenlang lieferten sich Fans und Polizisten Scharmützel. Das Ende ist bekannt.

Ronald Beć ist Sozialarbeiter im Fanprojekt Dresden. Auch er sagt, es sei klar, wodurch die Gewalt ausgelöst wurde. "Durch den Angriff einer kleineren Personengruppe auf die Polizeikette." Aber die Fans hätten es anders wahrgenommen, nämlich als "Einsatz der Polizei gegen einen Großteil der Fans auf der Hauptallee, mit Wasserwerfer und Tränengas". Das habe wie ein Angriff aus heiterem Himmel gewirkt. "Darauf haben die Fans mit Flaschen und Steinen reagiert."

Immerhin sagt Beć auch. "Das auf der Lennéstraße war völlige Enthemmung. Da gibt es nichts zu erklären. Aber das hätte im Vorfeld anders gelöst werden können." Er kritisierte die Kommunikation.

"Wir wollten das Bestmögliche für die Fans erreichen"

"Was würden Sie heute anders machen, um die Eskalation zu vermeiden?", fragte Linke-Fraktionschef André Schollbach? Offenbar eine entscheidende Frage, auf die die Experten entsprechend reagierten. Man habe versucht, einen Ausgleich dafür zu finden, dass die Fans nicht zu den Spielern ins Stadion durften, so Dynamo-Geschäftsführer Jürgen Wehlend. "Wir würden jetzt viel früher und klarer kommunizieren - so enttäuschend es ist - dass es entlang der geltenden Gesetzeslage nicht möglich ist. Wir haben versucht, Dinge zu kreieren, die alle gescheitert sind." Man hätte am Montag oder Dienstag vor dem Spiel entscheiden müssen, dass leider nicht öffentlich gefeiert werden kann. "Wir wollten das Bestmögliche für die Fans erreichen."

Es habe komplett gefehlt, dass die Fans etwas "an die Hand bekommen, woran sie sich orientieren können", so Beć. "Wir hätten das als Fanprojekt noch vehementer einfordern müssen." Dem pflichtete auch Polizeidirektor Schlicke bei: "Alle Beteiligten, hätten frühzeitiger und vehementer kommunizieren müssen. Als wir am Dienstag an die Öffentlichkeit gegangen sind, hätte der Verein das mit Identitätsfiguren flankieren und so demobilisieren können."

"Die enthemmte Gewalt ging von der Gruppe aus"

Schlicke musste sich dennoch noch einige harte Fragen gefallen lassen. Etwa warum sich die Beamten so platzierten, dass sie einen Zaun im Rücken hatten und nicht wegkonnten. Auch weshalb trotz Deeskalations-Strategie Reizgas und Wasserwerfer dabei waren, weshalb Polizeiwagen rund ums Stadion den Zugang versperrten und weshalb überhaupt so viele Polizisten vor Ort waren, wenn es keine Hinweise auf geplante Gewalt gab.

Schlicke blieb einigermaßen gefasst und erklärte: "Um einen Raum zu sichern, gibt es nur die Varianten Fahrzeugsperre, Gitter oder mehr Personal. Und ich bin froh, dass wir die Fahrzeugkette gestellt haben. Wenn die Kollegen abbekommen hätten, was die Fahrzeuge abbekommen haben, hätten wir noch mehr Verletzte. Gitter wären überwunden worden, es wäre zum Eindringen ins Stadion gekommen." Sein Konzept habe bis zur 63. Minute funktioniert. "Die enthemmte Gewalt ging von der Gruppe aus, nicht von der Polizei."

Die Wasserwerfer und das Reizgas seien zudem bei solchen Einsätzen üblich. "Wenn das kommunikative, zurückhaltende Konzept nicht funktioniert, muss man handlungsfähig sein."

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Dynamo-Chef Wehlend sagte, dass so etwas vermutlich ohne Corona-Krise nicht passiert wäre. "Aber wir verurteilen selbstverständlich diese enthemmte Gewalt." Deshalb habe der Verein auch reagiert und bereits 102 Anträge auf Stadionverbote gegen gewalttätige Fans von diesem Tag gestellt. 90 Prozent davon seien bearbeitet und 80 Prozent davon haben Verbote erhalten. "In 19 Fälle konnte kein Verbot verhängt werden, weil diese nach den Kriterien des DFB verhängt werden, die vorgegeben sind", so Wehlend.

Einige Fälle seien noch offen. Unter den 102 Anträge laufen elf gegen Mitglieder der SG Dynamo Dresden. Für sie wurden Ausschlussverfahren beantragt.

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