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Aufstand der Dresdner Ex-Klinik-Direktoren

Im Zoff um das Zukunftskonzept für das Klinikum der Stadt melden sich die Ex-Chefs zu Wort. Der Plan sei "spekulativ", die Versorgung der Dresdner gefährdet.

Über das Krankenhaus Dresden-Neustadt wird am heftigsten diskutiert.
Über das Krankenhaus Dresden-Neustadt wird am heftigsten diskutiert. © Archiv/Sven Ellger

Dresden. In dieser Woche soll der Stadtrat über das Zukunftskonzept für das Klinikum Dresden entscheiden. Rund eine halbe Milliarde Euro an Investitionen sind geplant, dem Krankenhaus Dresden-Neustadt droht die Quasi-Schließung.

Bevor die Räte entscheiden, haben sich nun die ehemaligen Chefs der Kliniken Friedrichstadt und Neustadt an Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und die Räte gewandt. Ihre Position ist eindeutig.

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Im Finanzausschuss wurde das Konzept knapp abgelehnt, daraufhin haben sich die Stadträte geeinigt, zunächst nur Phase I des Konzepts zu beschließen. Dabei handelt es sich um Investitionen bis 2025, die so oder so umgesetzt werden müssen.

Alle anderen Punkte, insbesondere die umstrittene Schließung der Klinik Neustadt am Standort Trachau, sollen bis 2025 entschieden werden. Damit ist das Problem und die Diskussion verschoben, wenn der Stadtrat dies Ende dieser Woche so beschließt.

Gisela Speiser (Friedrichstadt) und Andreas Gerhard (Neustadt) haben die Kliniken viele Jahre als Direktoren geleitet, bevor die Zusammenlegung und neue Chefs kamen. Der aktuelle Chef, Marcus Polle, geht Ende dieses Jahres.

Nun haben Speiser und Gerhard einen Brief verfasst. Sie haben sich mit dem Konzept auseinandergesetzt und lehnen es eindeutig ab.

Was sind die Kritikpunkte?

Die beiden Ex-Direktoren sind in dem Schreiben sehr klar. "Die Gesamthöhe der geplanten Investitionen mit rund einer halben Milliarde Euro ist in keinem Falle bis 2035 gesichert und damit in hohem Maße spekulativ." Zudem würden Denkmalschutzauflagen für den geplanten Campus Friedrichstadt nicht beachtet und "unterlaufen".

Um den Campus in Friedrichstadt zu errichten, müsste in Trachau für die Zeit ein Vollbetrieb gewährleistet werden, dem aber durch den Abbau dafür die Grundlagen "entzogen" würden. Der Umbau in Friedrichstadt bringe zudem massive "Versorgungseinschränkungen" mit sich.

Das Betriebsklima in Trachau sei "miserabel", sagen die Ex-Direktoren, weil mit dem Standort das achtgrößte Krankenhaus in Sachsen "geopfert" würde. "Es befindet sich seit Bekanntgabe in einer mentalen und versorgungstechnischen Abwärtsspirale", schreiben die Ex-Chefs. Das schade auch der Außendarstellung und damit den Fallzahlen.

Das geplante Notfallzentrum in Trachau sei "aus wirtschaftlicher Sicht regelrechter Unsinn" und damit könne auch keine leitliniengerechte Versorgung der Patienten gewährleistet werden. Die Stadt könne ihrem Versorgungsauftrag nicht mehr nachkommen, weil ständige Verlegungen viel zu viel Zeit kosteten. Zumal bei einer Flut die Brücken über die Elbe gesperrt werden könnten.

Was raten die Direktoren den Stadträten?

Die Rechnung könne nicht aufgehen, warnen Gerhard und Speiser. Die Strategie sei "rein gewinnorientiert" ausgerichtet. Mehr Fälle, effizientere Behandlungen und vor allem mehr komplizierte Fälle seien das Ziel. "Jeder Stadtrat, der dieser Beschlussvorlage zustimmt, erklärt damit seinen Mitbürgern und Wählern, dass er mehr Kranke, aber vor allem mehr Schwerkranke in seiner Umgebung und in seinem Wahlkreis erwartet, da nur diese Vermehrung der Kranken und Schwerkranken das von den Gutachten aufgezeigte betriebswirtschaftliche Erfolgsziel garantieren soll und niemand erklären kann, wo diese herkommen sollen", erklären Speiser und Gerhard.

Der Verlust des Standortes mit rund 600 Mitarbeitern, 20.000 Behandlungen pro Jahr und mehr als 1.000 Geburten auf dieser Seite der Elbe stünde in keinem Verhältnis. Dazu kommen Patienten aus Pulsnitz und Königsbrück. Personalrat von Stadt und Klinikum würden die Pläne ablehnen und auch die Bürger im Einzugsgebiet würden sich übergangen fühlen, sagen die Ex-Direktoren.

Wie reagiert Dresdens Stadtspitze?

"Herr Gerhard und Frau Speiser haben sich mit ihrem Schreiben einen Bärendienst erwiesen", so Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke). Der Brief enthalte viele Behauptungen, Andeutungen und Vermutungen, die sich bei genauerer Betrachtung als "haltlos und unzutreffend" erwiesen.

"Es ist zwar richtig, dass noch nicht alle Investitionsmittel der nächsten 15 Jahre gesichert sind, das ist jedoch in der Krankenhausfinanzierung üblich", erläutert Kaufmann. "Es braucht eben gerade ein solches Zukunftskonzept, um die notwendigen Fördermittel zu akquirieren. Das sollte den ehemaligen Verwaltungsdirektoren eigentlich bekannt sein." Die Behauptung entbehre jeder Grundlage, Denkmalschutzauflagen würden nicht beachtet und unterlaufen.

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"Ich finde es zudem sehr bedenklich, wie unreflektiert sie hier öffentlich Stimmung gegen das Zukunftskonzept ihres früheren Arbeitgebers machen", sagt die Bürgermeisterin. "Ich werde deshalb Herrn Gerhard und Frau Speiser zeitnah zum Gespräch einladen."

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