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Aus dem Leben eines Tresorknackers

So einfach wie bei der Olsenbande sind Tresore nicht zu öffnen, weiß der Dresdner Experte Johannes Kühn. Seine Arbeit endete auch schon mal in Handschellen.

Anders als Egon Olsen öffnet Johannes Kühn wirklich jeden Tresor. Mal ganz sanft - und mal mit schwerem Gerät.
Anders als Egon Olsen öffnet Johannes Kühn wirklich jeden Tresor. Mal ganz sanft - und mal mit schwerem Gerät. © Sven Ellger

Dresden. Die Zigarre im Mund. Noch kurz die Finger unter den roten Handschuhen dehnen. Das Stethoskop ist bereit, das Ohr an der Tresorwand mit dem silbernen Zahlenschloss. "Klick, klick, klick, klick, klick." Und auf ist das Ding. "Mächtig gewaltig, Egon!"

"Wenn es nur so einfach wäre", sagt Johannes Kühn und lächelt weise. Natürlich kennt der 68-Jährige all die Filme der legendären Olsenbande und weiß, dass viele sofort an Egon Olsen denken müssen, wenn sie von einem Tresor-Knacker hören.

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"Es wird vielleicht einige enttäuschen, aber Tresorschlösser sind in der Regel abhörsicher", sagt Kühn, was nicht heiße, dass ein Stethoskop nicht trotzdem beim Öffnen gute Dienste leisten könne. Dabei ginge es aber eher darum, den Prozessen im Inneren des Schlosses zu lauschen und daraus Rückschlüsse auf die Funktionsweise zu ziehen. Stichwort: Abrollgeräusche.

Im Unterschied zur Olsenbande ist Johannes Kühn ein echter Profi in seinem Metier. Servicetechniker mag sich nicht besonders spannend anhören - Tresorspezialist schon weitaus mehr. Seit 30 Jahren gehört es zu Kühns wichtigsten Aufgaben, Tresore zu öffnen, wenn ihre Besitzer die Schlüssel verlegt oder die Kombinationen vergessen haben.

Unzählige Schlüssel warten in Kühns Werkstatt auf ihren Rettungseinsatz.
Unzählige Schlüssel warten in Kühns Werkstatt auf ihren Rettungseinsatz. © Sven Ellger

Nach der 10. Klasse hatte er zu DDR-Zeiten Instandhaltungsmechaniker gelernt, das Abitur nachgeholt und in Berlin seinen Diplom-Ingenieur gemacht. Als Techniker arbeitete er zunächst unter anderem für die Obstproduktion in Borthen und die Brauerei in Coschütz.

Schon lange plante er, sich irgendwann selbstständig zu machen, als ihm die Wende auf die Sprünge half. Weil ihm beim Thema Schließanlagen der Konkurrenzdruck zu hoch war, suchte er nach einer aussichtsreichen Nische für sich. Als ein befreundeter Schlosser dann anfing, Tresore zu verkaufen, war das für ihn die Initialzündung. "Irgendjemand musste die Tresore ja warten", sagt er. 1991 erhielt er seinen Gewerbeschein.

Einer seiner ersten wichtigen Aufträge führte ihn in eine Filiale der Dresdner Bank in Chemnitz. Hier fehlte der Schlüssel zum automatischen Kassentresor, aus dem 500.000 DM befreit werden sollten. Kühn bekam die Unterlagen zum Tresor und fuchste sich - noch recht unerfahren - in die Technik rein. Schließlich bohrte er mit seiner Spezialtechnik drei kleine Löcher an den richtigen Stellen durch Beton und Stahl - und kam an sein Ziel.

"Dieser Moment ist natürlich immer der Höhepunkt", sagt Kühn. "Mir geht es gar nicht darum, was in dem Tresor drin ist. Meine Herausforderung ist, jeden Tresor aufzubekommen." Da die meisten Eigentümer ihre Tresore behalten wollen, ginge es beim Bohren oft um Bruchteile von Millimetern, die über Erfolg und Misserfolg, Rettung und Zerstörung entscheiden.

Geburtsdaten als beliebte Codes

Innerhalb weniger Jahre machte sich Johannes Kühn deutschlandweit einen Namen als professioneller Tresoröffner. Am Tag habe er bei den Kunden gearbeitet und abends im Büro gesessen und seine technischen Erkenntnisse festgehalten. Werbung habe er nie für sich machen müssen, denn Banken, Firmen und Multimillionäre schätzen die Expertise des Dresdners, der sich über die Jahre Fähigkeiten erarbeitet hat, die nur sehr wenige besitzen.

Neben dem Stethoskop hilft ihm häufig auch ein anderes Instrument aus der Medizintechnik. Mit einem Spezial-Endoskop lässt sich nicht nur ein Blick in geschlossene Tresore werfen. Auch das Innenleben eines Schlosses kann damit sichtbar gemacht werden. Zumindest dann, wenn man auch weiß, was man da sieht.

"Ich biete jedem Kunden an, mir bei der Arbeit zuzuschauen", sagt Kühn - im Unterschied zu vielen Schlüsseldiensten. Manchmal braucht er aber auch Ruhe, zum Beispiel dann, wenn er Zahlenschlösser auf dem sanftesten aller Wege knacken will: "Am Anfang gebe ich mir oft ein oder zwei Stunden, um die gängigsten Codes durchzuprobieren." Zahlenfolgen und Geburtsdaten seien traditionell äußerst beliebt.

Daheim in Niedersedlitz braucht er für seinen Job nur ein kleines Büro von kaum zehn Quadratmetern. Kunden empfängt er hier keine. In der Werkstatt im Keller stapeln sich kistenweise Schlösser und Schlüssel. An der Wand hängt ein Foto mit ihm und der fast echten Olsenbande.

Farbbombe im Kofferraum

"Bevor ich zum Kunden fahre, muss ich meine Schularbeiten gemacht haben", sagt er. Das heißt, er nutzt die vorhandenen Informationen über Tresore, um sich den Aufbau und die Funktionsweise einzuprägen. Fast alle Systeme von mechanischen und elektronischen Kombinationsschlössern kennt er inzwischen, kann sie auf Wunsch öffnen, auslesen oder neu programmieren.

Historische Tresorschlösser gehören dagegen nicht zu seinem Spezialgebiet, wobei er auch da gern mit Märchen aufräumt. Dass es Tresore mit Sprengstoff-Sicherungen gibt, kann er nicht bestätigen. Ausnahmen seien die Farbbomben in Geldautomaten, die allerdings technisch auf dem Rückzug seien, da sie sich als unzuverlässig erwiesen hätten.

"Als ich einmal einen Tresor mit Farbbombe aus einem Supermarkt entsorgen sollte, habe ich den in meinem Kofferraum gepackt", erinnert sich Kühn. Vorsichtshalber habe er den Kasten vorher noch mit Folie umwickelt. Zum Glück. "Die Bombe ist beim Transport im Auto hochgegangen. Das wäre sonst eine richtige Sauerei geworden."

Nicht immer läuft beim Tresor-Knacken alles nach Plan. In den 90er-Jahren sei er eines Tages mal wieder in einer Dresdner Bank mit einem Kassentresor beschäftigt gewesen. Eine zähe Angelegenheit. Irgendwann verabschiedeten sich die Bankmitarbeiter in die Mittagspause und ließen ihn allein.

Im Büro in Niedersedlitz hat Kühn sein eigenes kleines Schloss-Museum eingerichtet.
Im Büro in Niedersedlitz hat Kühn sein eigenes kleines Schloss-Museum eingerichtet. © Sven Ellger

"Nach einer Weile ging dann die Tür auf und vier Polizisten samt Sicherheitsdienst kamen herein und schrien, ich sei festgenommen", erinnert er sich. Kurz darauf habe er sich in Handschellen wiedergefunden, bevor sich die Situation aufklärte. "Da war ich schon sauer, aber so etwas kann eben auch passieren." Offenbar war der Überfallalarm nicht ordnungsgemäß deaktiviert worden.

Nach drei Jahrzehnten im Vollzeit-Dienst seiner Kunden tritt Johannes Kühn inzwischen etwas kürzer. Die Corona-Krise ist für ihn wenigstens in dieser Hinsicht zur rechten Zeit gekommen.

Ganz zurückziehen möchte sich der Tresor-Experte allerdings erst, wenn er einen Nachfolger für sein Gewerbe gefunden hat. "Das ist ein Bomben-Job, wenn man etwas daraus macht."

Ein geeigneter Kandidat bräuchte grundlegende handwerkliche Kenntnisse in einem Metallberuf und in der Elektrotechnik. Wegen der teils schweren körperlichen Arbeit beim Öffnen der Tresore kämen Frauen kaum infrage.

"Was ich mache, ist kein Ausbildungsberuf", sagt Kühn, der sich gut vorstellen kann, seinen Nachfolger über zwei Jahre lang an das Arbeitsfeld heranzuführen. Seine Erfahrungen seien ein Schatz, den er gern bewahren wolle. "Ich will mein Wissen nur ungern mit ins Grab nehmen."

Bewerbungen an: Johannes Kühn, E-Mail: [email protected], Telefon: 0351 2707788

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