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Corona: "Streiten ist nicht immer schlecht"

Der Lockdown naht sich dem Ende. Wird dann wieder weniger gestritten? Nein, sagt eine Dresdner Mediatorin und warnt vor neuen Konflikten. Aber sie hat auch Tipps.

Mediatorin Katrin Hoogestraat hilft, Konflikte in Familien und Firmen zu lösen.
Mediatorin Katrin Hoogestraat hilft, Konflikte in Familien und Firmen zu lösen. © Marion Doering

Dresden. Während des Lockdowns wurde in vielen Familien mehr gestritten. Jetzt entspannt sich die Pandemie, doch es könnten neue Konflikte entstehen, sagt die Dresdner Mediatorin Katrin Hoogestraat. Wie man richtig streitet und warum es manchmal kreative Lösungen braucht, erklärt sie im SZ-Gespräch.

Frau Hoogestraat, die Corona-Situation entspannt sich. Viele Schüler können wieder in die Schule, auch in den Büros wird wieder gearbeitet. Wird jetzt wieder weniger gestritten?

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Das kann ich so nicht sagen, nur dass sich die Situation ändert. Die Konflikte, die sich zu Hause während der Corona-Zeit aufgetan haben, werden sich erstmal entspannen, aber die vielen Streitsituationen, die in dieser Zeit entstanden sind, werden die Familien bestimmt nicht so schnell vergessen.

Kommen neue Konflikte hinzu?

Ja, zum Beispiel im Arbeitsumfeld: Das Homeoffice hat für den ein oder anderen auch Vorteile mit sich gebracht. Sei es beim Arbeitsweg oder dabei, dass man anderen Mitarbeitern aus dem Weg gehen konnte. Jetzt müssen viele wieder in die Büros zurück, können den neugewonnen Arbeitsrhythmus nicht fortsetzen, müssen sich den liegen gebliebenen Konflikten mit den Kollegen stellen.

Auch bei den Jugendlichen wird das Jahr nicht ohne Weiteres vorbeigehen, die Kinder konnten viele Entwicklungsstufen nicht durchlaufen, haben Erfahrungen nicht gemacht, die ihnen jetzt fehlen. Wir haben schon jetzt die Tendenz, dass einige Schüler nicht mehr in die reale Welt hinauswollen – sie haben sich im Digitalen eingerichtet.

Was raten Sie?

Man sollte diesen Konflikten nicht aus dem Weg gehen, denn streiten ist nicht immer schlecht. Ohne Streit hätten wir keine Veränderung im Leben, denn wir brauchen die kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Positionen. Man steht nicht ohnmächtig den Konflikten gegenüber. Nicht ausgesprochene Konflikte können uns im schlimmsten Fall krankmachen. Es kommt aber darauf an, wie gestritten wird.

Welche Tipps haben Sie?

Beide, die sich streiten, müssen den Willen haben, miteinander zu sprechen. Wenn Sie selbst im Streit gefangen sind, dann sind Sie hochemotional aufgeladen. Sie hören nicht mehr richtig zu. Das Problem ist, wenn sie hilflos und überfordert sind und nicht mehr klarkommen mit ihren Aufgaben, dann wird das irgendwann in Aggressivität umschlagen. Und das kann zu Vorwürfen führen – ohne, dass man dem anderen noch richtig zuhört. Da kann eine dritte Person als unabhängige Beobachterin helfen – also ein Mediatior.

Wie läuft denn eine klassische Mediation ab?

Mediatoren helfen, Konfliktgespräche zwischen mehreren Menschen als Außenstehende zu begleiten. Der Mediator muss sicherstellen, dass das Gespräch in einer wertschätzenden Atmosphäre abläuft. Er ist unabhängig und hat nicht die Aufgabe irgendeine Äußerung zu bewerten, sondern führt neutral durch das Verfahren und unterstützt alle Beteiligten, die an dem Gespräch teilnehmen, also zum Beispiel Vater und Mutter und gern auch das Kind, wenn gewünscht. Jeder kann den Prozess jederzeit abbrechen. Alles ist ergebnisoffen. Die Teilnehmer sollen sich selbst ein Ergebnis erarbeiten, der Mediator darf keine Lösungen vorgeben oder Lösungen bewerten.

Und warum sind Sie Mediatorin geworden?

Eigentlich habe ich Informatik studiert. Da habe ich gelernt, dass bei technischen Konflikten mit Sachlichkeit und logischer Abwägung gearbeitet wird. Diese Herangehensweise habe ich auch im privaten und beruflichen Alltag angewendet. 2016 bin ich nebenberuflich Mediatorin geworden, um die Streitkultur zu verbessern.

Können Sie mir einen Fall beschreiben, der Ihnen gut in Erinnerung geblieben ist?

Wenn wir auf Corona zurückblicken, dann fällt mir ein berufstätiges Ehepaar ein. Beide mussten zu Hause arbeiten. Über ihnen hat eine junge Familie mit Kleinkind gewohnt, das einen großen Bewegungsdrang hatte, es trampelte viel beim Spielen. Das Gebäude war sehr hellhörig, die Lärmbelastung war für die unten Wohnenden wohl extrem.

Und wie wurde der Konflikt gelöst?

Hier war dann die Lösung sich mit der anderen Familie auf Zeitfenster zu vereinbaren. Wann und wo darf das Kind frei herumtollen und wann sollte möglichst Ruhe herrschen?

Haben Sie noch ein Beispiel?

Ja, eines aus meiner Anfangszeit als Mediatorin. Da hat eine Familie in einem Haus mit dem Großvater zusammengewohnt. Er hatte ein eigenes Auto und ist damit gefahren, konnte aber nicht mehr richtig sehen. Die Familie hatte auch kleine Kinder. Einmal ist der Opa gegen einen Poller gefahren. Er fand das nicht schlimm, aber die Mutter sagte, das könnte auch mal mit einem Kind passieren. Sie haben sich gestritten und nicht mehr miteinander gesprochen. Der Opa hat sich zurückgezogen.

Und wie ging es weiter?

Wir haben ein Gespräch geführt. Es ist gelungen, in dem Gespräch Verständnis bei der Mutter für den Opa zu wecken, dass er der Familie nicht zur Last fallen möchte, er wollte nicht überall hingefahren werden. Was ganz wichtig für ihn war: Seinen Führerschein wollte er nicht abgeben, das war für ihn ein absolutes Hoheitsgefühl.

Und ist er dann nicht mehr Auto gefahren?

Genau, er hat zwar seinen Führerschein behalten, aber die Mutter musste keine Angst um ihre Kinder haben. Er ist von der Familie zu den wenigen Terminen gefahren worden.

Das klingt sehr einfach.

Oft sind die Probleme nicht schwierig, man muss nur miteinander reden können, zuhören und dann nochmal klarstellen, ob der Zuhörer das richtig verstanden hat.

Wenden sich denn mehr Menschen heutzutage an die Mediation oder ist es immer noch ein Tabuthema?

Es ist gar kein Tabuthema mehr. Das war vor 15 Jahren der Fall, als man Mediation mit Meditation verwechselt hat. Viele haben inzwischen den Vorteil einer Mediation verstanden: Die Teilnehmer dürfen ihre Lösung selbst bestimmen. Wenn Sie zum Gericht gehen, bekommen sie eine Lösung vorgegeben, die kann für Sie gut oder schlecht sein. Bei der Mediation kommt man auf Lösungen, die für das Gericht ausgeschlossen sind, die es in dieser richterlichen Welt nicht gibt.

Haben Sie da ein Beispiel?

Ja, zum Beispiel bei einer Scheidung haben sich die Eltern darauf verständigt, dass nicht die Kinder alle zwei Wochen die Wohnung wechseln, sondern die Elternteile gehen zu den Kindern.

Das klingt kreativ.

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Unser Leitspruch richtet sich nach dem Zitat eines persischen Dichters: "Es gibt einen Ort jenseits von richtig und falsch, da treffen wir uns." Es geht also nicht darum, immer recht zu haben, sondern Lösungen zu finden, die fair für alle sind.

Katrin Hoogestraat engagiert sich nebenberuflich seit 2016 als Mediatorin in der Dresdner Regionalgruppe des Bundesverbandes Mediation.

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