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Ex-Dampfer-Chefin: "Zuletzt fand ich es übergriffig"

Im Juni musste die Flotte der Dampfschiffahrt Insolvenz anmelden, Ende August gab sie ihren Posten ab. Bald zieht sie zurück nach München.

Karin Hildebrand war fast sieben Jahre lang Chefin der Sächsischen Dampfschiffahrt.
Karin Hildebrand war fast sieben Jahre lang Chefin der Sächsischen Dampfschiffahrt. © Archiv/Sven Ellger

Knapp sieben Jahre lang stand Karin Hildebrand an der Spitze der Sächsischen Dampfschiffahrt GmbH & Co KG (SDS). Am 19. November 2013 wurde die Witwe des Münchner Reederei-Chefs Klaus Hildebrand Geschäftsführerin in Dresden. Klaus Hildebrand hatte die Schiffe einst von der Treuhand übernommen und dafür einen Fonds gegründet. Anfang Juni dieses Jahres musste Karin Hildebrand schließlich Insolvenz anmelden. Ende August - vier Monate vor ihrem geplanten Abschied - schied sie aus dem Unternehmen aus. Nun ist der Schweizer Robert Straubhaar, Chef der United Rivers AG aus Basel, der neue starke Mann an der Spitze des Unternehmens. Was sagt die Ex-Chefin zu alldem?

Am 3. Oktober fand in diesem Jahr die verschobene Flottenparade statt. Mehrere Dampfer fuhren mit Schweizer Flaggen. Es war von Aufbruchsstimmung die Rede. Das Gegenstück dazu ist Stillstand. Was empfinden Sie bei solchen Bewertungen?

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Ich bin überhaupt kein Freund von Bewertungen, weil das immer Momentaufnahmen  aus einer gewissen Situation heraus sind. Gerade was ich in den letzten Wochen und Monaten erlebt habe, in denen jeder sich ein Urteil erlaubte, finde ich ein wenig übergriffig.

Die beiden Salonschiffe sind in diesem Jahr bei der Parade als erste gefahren und waren nicht in der Formation dabei. Herr Straubhaar hat angedeutet, er könne sich einen Verkauf der zwei Schiffe oder einen Ersatz durch andere vorstellen. Hatten Sie auch solche Gedanken?

Da kann ich den Herrn Straubhaar schon verstehen. Ich habe auch schon immer gesagt: Man bräuchte ein neues Schiff, weil die Ansprüche immer größer werden und weil Veranstaltungsfahrten auf den Dampfern schwierig sein können. Da kann man natürlich darüber nachdenken, dass man die zwei Großen durch Neubauten ersetzt, die vielleicht effizienter sind, die einen anderen Antrieb haben. Ich hatte nur nie Geld, zu investieren. 

Es ist jetzt auch die Rede von Winterfahrten. Nun kennt man die Dampfer in der kalten Jahreszeit am Ufer, abgedeckt und bei Eis und Schnee geschont. Schadet es den Schiffen, wenn man damit im Winter fährt?

Ich glaube nicht, dass das bei den Wintern, die wir jetzt haben, den Schiffen schaden würde. Man muss überlegen, welche man tatsächlich abdeckt. Es ist sicher nicht sinnvoll, die gesamte Flotte bereitzuhalten. Manche Schiffe müssen dann auch zur Reparatur in die Werft. Es war schon meine Idee: Im Sommer ist es so heiß, dass die Menschen vielleicht gar nicht mehr in die Stadt wollen. Man müsste dann tatsächlich die Randsaison besser bedienen und damit das Geschäft auffangen, das einem bei Niedrigwasser verloren geht.

Bei Ihrem Anfang in Dresden haben Sie gesagt, Sie seien ein No-Name gewesen, bis dahin vor allem Mutter und Familienfrau. Damals schon mussten Sie Kritik einstecken. Es hieß, Sie hätten keine Ahnung von den Dampfern. Sie konterten, solche Kritik könne man im Laufe der Zeit entkräften. Ist Ihnen das gelungen?

Nein, ich glaube nicht. Das ärgert mich, es verletzt mich auch. Ich war durch meinen Mann immer mit Schifffahrt befasst. Wer uns gut kannte, hat uns immer als Unternehmerehepaar gesehen. Mein Mann war im Frontoffice und ich im Backoffice (Karin Hildebrand hat Wirtschaftswissenschaften studiert./Anmerk. der Red). Ich habe meine Rolle als Sparringspartner verstanden. Ich glaube, für ihn war es wichtig, jemanden zu haben, mit dem er seine Ideen besprechen kann. Gerade die Dampfschifffahrt habe ich von Anfang an miterlebt. Immer wenn mein Mann damals rübergeflogen und dann zurückgekommen ist, habe ich ihn gefragt, hat es jetzt geklappt? Wir haben viel darüber gesprochen. Wenn man jetzt sagt, ich sei Witwe und hätte das geerbt, finde ich das zynisch. Vielleicht hat das mit der Mann-Frau-Problematik zu tun, wenn jemand so etwas sagt. Aber es ist niederträchtig.

Zum Start der 178. Dampfersaison stellte Karin Hildebrand im April 2014 einen modernisierten Auftritt der Flotte vor. Es war die erste komplette Saison unter ihrer Leitung.
Zum Start der 178. Dampfersaison stellte Karin Hildebrand im April 2014 einen modernisierten Auftritt der Flotte vor. Es war die erste komplette Saison unter ihrer Leitung. © Archiv/André Wirsig

Sie haben Ihren Vertrag in Dresden zweimal verlängert und gesagt, es sei schwierig, in einem Entwicklungsprozess zu gehen. Nun gehen Sie und die Rettung der Sächsischen Dampfschiffahrt GmbH & Co KG ist nicht gelungen.

Man geht nicht während der Entwicklung. Wir haben Vieles auf den Weg gebracht, was einen guten Verlauf genommen hat. Ich habe in den letzten Tagen selbst gesagt, ich empfinde es als Scheitern. Burkhard Jung, der uns als Partner bei der Restrukturierung und als Sanierungsgeschäftsführer begleitet hat, sieht das anders. Er empfindet es nicht als Scheitern und hat gesagt, es waren tatsächlich die äußeren Umstände. Bei der Übergabe der Firma hat sich gezeigt: Wir waren doch gut aufgestellt. Schließlich waren es namhafte Menschen und Unternehmen, die sich für die SDS interessiert haben. Ich glaube, United Rivers hatte auch den Eindruck, ein an sich funktionierendes Unternehmen zu übernehmen, das durch Niedrigwasser und Corona gescheitert ist.

Ist also gut, dass es United Rivers geworden ist?

Es war auf jeden Fall die beste Option. Ich finde sehr geschickt von Herrn Straubhaar, dass er die Kulturerbe Dampfer Dresden GmbH gegründet hat um das Signal zu senden: Ich tue alles, um dafür zu sorgen, dass die Flotte gesichert ist. Er hat ja auch angeboten, mit all denen zu kooperieren, denen die Schiffe am Herzen liegen. Wir haben die Dampfschifffahrt so aufgestellt, dass ein sehr renommiertes Unternehmen es wert gefunden hat, sie zu übernehmen.

Das heißt, Sie machen sich keine Sorgen um die Zukunft der Flotte.

Ich muss mir jetzt keine Sorgen mehr machen. Aber ich kann nicht sagen, mir ist nicht bange. Ich weiß ja nicht, wie sich die Elbe entwickelt. Wir hatten in diesem Jahr keinen Tag, an dem wir wirklich Niedrigwasser hatten. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass das weiterhin ein Thema sein wird.

Hat der Freistaat die Flotte ohne Not aus der Hand gegeben?

Ohne Not kann man natürlich nicht sagen. Er hat es wichtiger gefunden, dass er sich da nicht weiter engagiert, wenn es jemanden gibt, der das für ihn tut. Es gibt aber Dinge, bei denen ich finde, das darf eigentlich nicht in private Hand. Für mich wäre die optimale Lösung ein Zusammenspiel zwischen dem Freistaat, Dresden und den anderen Anrainergemeinden als Eigentümer und einem privaten Betreiber gewesen.

Die Kommanditisten der SDS, haben schon vor der Insolvenz Kritik geübt. Es gab auch da schon die Befürchtung, dass sie draufzahlen müssen. Müssen sie damit rechnen?

Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt schwer sagen. Erst mal muss gerechnet werden, welche Forderungen wie bedient werden können und was dann noch übrig bleibt. Erst dann wird sich entscheiden, ob man tatsächlich auf die Kommanditisten zugehen muss oder ob man einen Vergleich findet. Ich hätte mir gewünscht, dass man mal die Kommanditisten würdigt. Es hat ja oft geheißen, die hätten da Geld ohne Ende gemacht. Das stimmt nicht. Wenn es das Zusammenspiel von Kommanditisten und Freistaat nicht gegeben hätte, hätte es jetzt vielleicht auch keine Schiffe mehr gegeben. Das war gut zu dieser Zeit, aber man hätte vielleicht irgendwann erkennen müssen, dass dieses Konstrukt renovierungsbedürftig ist.

Wird es Sie im Zweifelsfall selbst finanziell oder juristisch treffen?

Meine Kinder und ich sind Kommanditisten, finanziell kann es uns auf jeden Fall treffen, juristisch kann ich es nicht beurteilen. Es wird sicher welche geben, die sagen: In ihrer Unfähigkeit hat sie alles falsch gemacht und hätte sie nicht, dann wäre... Natürlich habe ich mir diese Frage gestellt. Ich bin mir da keiner Schuld bewusst, zumal ja alles im Verwaltungsrat abgesprochen war. Es war ja nicht so, dass ich im Geheimen irgendwelche Dinge gemacht habe.

Wie ist Ihr Fazit nach sieben Jahren in Dresden?

Selbst mit dem Wissen und den Erlebnissen dieser Zeit würde meine Entscheidung wieder so ausfallen, wie vor sieben Jahren. Das, was wir verändert haben, hat mir Spaß gemacht. Wir haben ein neues Ticketsystem eingeführt, das zwar noch verbesserungswürdig ist, an dem sich aber jetzt vier oder fünf Schifffahrtsunternehmen beteiligen. Wir haben Arbeitsabläufe auf den Prüfstand gestellt und überlegt, was man anders machen kann. Ich glaube, wir haben sehr viel Gutes bewegt und deshalb ärgert mich, wenn jemand sagt, ich sei inkompetent. Da bin ich schon mit mir im Reinen.

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Sie gehen nach München zurück?

Ja, ich ziehe Ende Oktober um. Ich habe mir am Anfang überlegt, ich könnte meinen Lebensabend auch hier verbringen. Aber dann habe ich festgestellt, dass ich doch mehr Bayer als Sachse bin. Da war klar, ich werde zurückgehen.

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