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Messerattacke in Dresden: Täter wohl weiter gefährlich

Der Angeklagte sei erschreckend gradlinig und zielstrebig, sagt ein Sachverständiger vor Gericht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sei der Syrer bereit, wieder zu töten.

Blumen und Kerzen am Tatort in Dresden. Thomas L., ein 55-jähriger Tourist aus Krefeld, ist in einer kleinen Gasse hinter dem Kulturpalast während eines Spaziergangs mit seinem Lebensgefährten getötet worden. Foto: dpa/Sebastian Kahnert
Blumen und Kerzen am Tatort in Dresden. Thomas L., ein 55-jähriger Tourist aus Krefeld, ist in einer kleinen Gasse hinter dem Kulturpalast während eines Spaziergangs mit seinem Lebensgefährten getötet worden. Foto: dpa/Sebastian Kahnert ©  Sebastian Kahnert/dpa (Archiv)

Die Geschichte eines angeblich einsamen Jugendlichen, der sich in Deutschland blitzartig radikalisiert habe, hält Norbert Leygraf nicht für überzeugend. Daran ließ seine Schilderung des Angeklagten wenig Zweifel. Er beschreibt ihn als einen Mann mit gefestigtem salafistisch-dschihadistischem Weltbild, der selbst in einer Jugendstrafanstalt unbeirrt an seinen Plänen festhielt, anschließend entweder in Syrien in den Dschihad zu ziehen oder in Deutschland „seinen Beitrag zu leisten“, sagte der Psychiater am Montag als Sachverständiger vor dem Oberlandesgericht Dresden.

Trotz engmaschiger Auflagen sei es ihm gelungen, sich innerhalb weniger Tage nach der Haftentlassung Messer zu besorgen und „Ungläubige“ anzugreifen. Bedauert habe er den Tod eines seiner Opfer in keiner Weise. Bereut habe er lediglich, dass er die Tat „nicht mit vollem Herzen“ beendet habe und eines seiner Opfer die Messerstiche überlebte. Beim nächsten Mal wolle er sich vorher mit dem „Islamischen Staat“ beraten, habe er dem Psychiater gesagt.

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Wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung muss sich der 21-jährige Syrer vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts verantworten. Er soll ein homosexuelles Paar aus Nordrhein-Westfalen in der Dresdner Altstadt überfallen und einen der Männer getötet haben.

Leygraf begründete dem Gericht, warum er von der Schuldfähigkeit des Mannes überzeugt sei und mit hoher Wahrscheinlichkeit Wiederholungsgefahr bestehe. Der Angeklagte sei „auf erschreckende Weise gradlinig und zielstrebig“. Er sehe weder Anzeichen für eine krankheitsbedingte seelische Störung noch jugendliche Reifeverzögerung. Der Angeklagte würde, wenn das Gericht seiner Einschätzung folgt, damit nicht nach dem milderen Jugendstrafrecht verurteilt werden.

Auch die These, der Asylbewerber sei in Deutschland durch Einsamkeit in die Fänge des Dschihadismus geraten, teilte der Gutachter nicht. Er habe nicht an Kontaktarmut gelitten, sondern sei in der Beschäftigung mit dem Islamismus vollständig aufgegangen. Die offene und freundliche Art, von der zwei Zeuginnen gesprochen hatten, hielt Leygraf für Fassade.

Schuldgefühle wegen „sexueller Impulse“

Der Rückzug in seine Wohnung in Dresden sei nicht auf soziale Isolation zurückzuführen. Sein Motiv sei es gewesen, „Sündenquellen“ zu entgehen. Besonders die Frauen und deren Kleidung habe er für sich als Gefahrenquelle identifiziert. Seine Zuwendung zum Dschihadismus und der unbedingte Wille, sich aktiv zu beteiligen, sei eher der „Angst vor der Hölle“ und Schuldgefühlen wegen „sexueller Impulse“ geschuldet als dem Wunsch, „Allah und der gerechten Sache“ zu dienen, sagte Leygraf.

Das konservative Verständnis des Islam habe er bereits als Kind in der Heimat erworben. Über Internetkontakte zu IS-Gruppen habe sich seine radikal-islamistische und stark homophobe Einstellung in Deutschland gefestigt.

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Der Sachverständige schilderte den Angeklagten als eigenständigen und wenig beeinflussbaren Mann, der sich nicht auf die mangelnde Reife eines Jugendlichen berufen könne. Seine Kindheit sei zwar hart gewesen: Schon früh habe er die Schule aufgeben und jobben müssen, um seine Familie zu unterstützen. Allerdings habe er sich mit 13 Jahren seinen Eltern widersetzt und sei in die Türkei gegangen. Seine Entwicklung habe sich dadurch nicht verzögert, sondern seiner Ansicht nach erheblich beschleunigt.

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