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Dresdens Umweltbürgermeisterin Jähnigen beklagt große Klima-Schäden

Wie der Kampf ums Klima in Dresden gewonnen werden soll. Wie die Stadt klimaneutral werden soll.

Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Grüne) erläutert im SZ-Interview ihren Plan fürs Dresdner Klima.
Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Grüne) erläutert im SZ-Interview ihren Plan fürs Dresdner Klima. © Sven Ellger

Dresden. Starkregen mit Fluten und Hochwasser zeigt, der Klimawandel ist weit fortgeschritten. Dresdens Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Grüne) will die Stadt deutlich vor 2050 klimaneutral machen. Sie ist sicher, dass der Kampf noch nicht verloren ist und hat klare Pläne. Diese erläutert die Bürgermeisterin im SZ-Interview.

Frau Jähnigen, wie groß ist derzeit eine Hochwassergefahr für Dresden?

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Aktuell gibt es keine Warnungen, wir beobachten selbstverständlich die Situation. Gefahr besteht allerdings immer durch lokalen Starkregen wie zuletzt in der Sächsischen Schweiz, wo kürzlich eine Bahnstrecke abgeräumt wurde. Deshalb sind wir dabei, unsere Gefährdungsprognosen für jeden Stadtteil zu erweitern von der reinen Hochwassergefahr auf die Gefahr von extremem Starkregen. In Nordrhein-Westfalen war der Starkregen noch viel stärker als prognostiziert. Das zeigt, der Klimawandel schreitet voran. Deshalb wollen wir die aktuellen Erkenntnisse einpflegen und Schlussfolgerungen ziehen. Dabei arbeiten wir eng mit der Feuerwehr zusammen. Gebäudeeigentümer sollen möglichst genaue Hinweise bekommen, was sie tun können. So können wir uns alle besser auf solche Situationen vorbereiten.

Wie gut ist Dresden denn geschützt?

Wenn wir von Hochwasser reden, gibt es die bekannten Lücken. Der Weißeritzausbau ist abgeschlossen, an der Elbe fehlen noch Maßnahmen. Aber wir kommen endlich im Dresdner Osten voran. Wir haben den Planfeststellungsbeschluss für den Bereich vor Laubegast. Wenn alles wie geplant klappt, können wir im kommenden Jahr an der Leubener Straße bauen. Im Bereich zwischen der Werft und der Berchtesgadener Straße ist dann noch eine Maßnahme des Landes vorgesehen. Da will der Freistaat endlich die Pläne aufgreifen. Dazu wird es noch eine neue Bürgerbeteiligung geben, denn die bisherige war vor rund zehn Jahren.

Außerdem gibt es noch Maßnahmen wie in der Leipziger Vorstadt, die wir gemeinsam mit dem Freistaat angehen wollen. Wenn wir als Stadt den Bereich vor Laubegast fertig haben, sind unsere Schutzmaßnahmen abgeschlossen. Wir haben die mobilen Anlagen vom Land übernommen. Worauf wir achten müssen, und das tun wir auch, ist, dass Bauherren genügend Retentionsraum schaffen. Zuletzt beispielsweise beim Dynamo-Trainingszentrum. Damit wir Flächen haben, wo das Wasser hin kann.

Und bei lokalem Starkregen?

Man muss die Risiken kennen, Gebäude schützen und Versickerungsflächen schaffen. Grünflächen auch im dicht bebauten Raum sind nicht nur gut für die Natur. Kleineren Gewässern müssen wir Raum geben, sie naturnah entwickeln. Daran arbeiten wir ständig, aber es ist auch noch viel zu tun. Von mehr als 500 solcher Maßnahmen haben wir bald die Hälfte geschafft. Bei der anderen Hälfte sind wir auf der Langstrecke, auch weil die Genehmigungsprozesse leider zu viele Jahre dauern.

Das hat alles mit dem Klimawandel zu tun. Kann Dresden die Schutzziele erreichen?

Vorsorge ist enorm wichtig, um Schäden zu vermeiden. Durch die Erderwärmung verlieren wir Ressourcen, Schadensbeseitigung kostet viel Geld und das trifft diejenigen besonders, die geringe Einkommen haben, weil alles teurer wird. Deshalb ist Klimapolitik Sozialpolitik. Die Ziele aus dem Pariser Abkommen kann Dresden erreichen. Wir wollen so früh wie möglich klimaneutral sein. Deshalb ist es relevant, nachhaltig zu investieren und nicht kurzfristig Rendite zu machen. Der Bund hat ermittelt, wie viel Budget wir bei CO2-Ausstoß noch haben, wir wollen das lokal runterbrechen, um es für Dresden konkret zu wissen. Dazu gibt es derzeit eine große Bürgerbeteiligung wie einen Ideenfinder im Internet. So haben uns bereits 157 Ideen erreicht und wir erwarten noch einige bis Ende November.

Was sind das für Ideen?

Bei vielen geht es um Verkehrsfragen, zur Stärkung der umweltfreundlichen Verkehrsarten, die Energie- und Wärmeversorgung. Wir verhandeln das auch mit den städtischen Unternehmen, wie sie sich einbringen, und entwickeln Vorschläge. Der Umweltausschuss führt dazu eine Anhörung durch, was die städtischen Unternehmen bisher getan und was sie noch vorhaben.

Was kann denn der Stadtkonzern tun?

Neben dem Verkehr sind natürlich die Wärme- und Energieversorgung wichtig. Die SachsenEnergie spielt dabei eine entscheidende Rolle. Als Umweltverwaltung sitzen wir bei jedem Vorhaben, auch bei der Verkehrsplanung und Bauprojekten mit am Tisch und schauen, wie man das klimaneutral gestalten kann. Die Zahl der städtischen Solaranlagen ist deutlich gestiegen. Auf Schulen und Verwaltungsgebäuden haben wir bisher 51 Anlagen. Das spart Kosten und Energie.

Stoßen Sie da auf Widerstände?

Widerstände gibt es leider immer wieder dann, wenn es um konkrete Veränderungen geht. Grundsätzlich sehe ich in der Verwaltung und dem Stadtrat jedoch einen ernsthaften Willen, zu Entscheidungen zu kommen, mit denen wir es schaffen, dass Dresden deutlich vor 2050 klimaneutral wird.

Wann ist Ihr persönliches Ziel dafür?

So früh wie möglich. Mit der Fusion von Drewag und Enso zur SachsenEnergie hat der Stadtrat eine sehr kluge Entscheidung getroffen, diese an ein Konzept zu knüpfen, wie der Energieversorger bis 2035 klimaneutral wird.

Widersprechen da nicht Sparvorschläge für die DVB dem Konzept?

Die Entwicklung der Dresdner Verkehrsbetriebe ist eine Schlüsselmaßnahme für den Klimaschutz. Darauf drängen wir auch. Natürlich müssen wir uns auch mit der Finanzierung des Nahverkehrs beschäftigen. Wir müssen die DVB attraktiver und schneller machen, wenn wir vorankommen und die Verkehrswende realisieren wollen. Dann können wir die DVB auch gut finanzieren. Denn die Verzögerungen bei den Maßnahmen kosten die DVB auch Geld. Wir können uns auf dem vorhandenen guten Angebot nicht ausruhen. Die DVB sollen einen wichtigen Beitrag leisten, um Folgekosten des Klimawandels zu vermeiden. Außerdem können wir so die Straßen freihalten für die Rad- und Autofahrer, die sie brauchen.

An den Straßen verschwinden auch immer mehr Bäume.

Leider ja. Durch die Dürre-Jahre haben wir eine hohe Zahl an Straßenbäumen verloren, es sind mittlerweile mehr als 800 pro Jahr. Zum Glück hat der Stadtrat ein Pflanzprogramm beschlossen, sodass wir sie noch ersetzen können. Das werden wir aber nicht mehr schaffen, wenn die Verluste sich weiter so entwickeln. Straßenbäume sind die teuersten und wertvollsten Bäume in der Stadt. Sie müssen beim Anwachsen lange bewässert werden.

Wegen der Verluste sind wir mittlerweile bei Bebauungsplänen sehr streng. Wenn Bäume gefällt werden, müssen Ersatzpflanzungen vorgenommen werden. Das gelingt nicht immer entlang der Straßen. Aber so ist beispielsweise die Grünanlage mit Bäumen an der Schäferstraße entstanden, die sehr gut angenommen wird.

Wie steht es um die städtischen Waldflächen?

Auch dort gibt es sehr hohe Schäden und massiven Schädlingsbefall. Das größte Sorgenkind ist der Waldpark Blasewitz. Dort mussten massiv Bäume gefällt werden. Dort entscheiden wir noch, wie wir aufforsten. Jede Grünfläche in der Stadt ist wichtig und je stärker sie im überwärmten Bereich liegt, umso wichtiger ist sie für das Stadtklima. Deshalb dränge ich auf jede Ersatzpflanzung.

Inwieweit können Gründächer dazu beitragen?

Begrünte Gebäude kühlen und sorgen für mehr Sauerstoff. Wir arbeiten gerade mit an einer Richtlinie für mehr Gebäudebegrünung bei Bauvorhaben. Für städtische Gebäude gilt das bereits. Wir wollen Vorbild sein, wie endlich auch bei den Solar- und Fotovoltaikanlagen. Zudem beraten wir Bürger und Investoren. Entsiegelung und Regenwasserversickerung ist ein weiterer Baustein. Das Grundwasser ist immer weiter zurückgegangen und füllt sich nicht so schnell auf. Aber ich stelle auch fest, dass sich viele Bürger engagieren. Sie übernehmen Baumpatenschaften, bewässern Stadtgrün und einiges mehr.

Ist der Kampf für das Klima noch zu gewinnen?

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Die Landestalsperrenverwaltung hat die Unterlagen fertiggestellt, die vor Gefahren und Risiken warnen. Was sie für die Dresdner bringen.

Ja, wir können und wir müssen es schaffen. Die Stadt ist viel zu lebenswert, um sich damit abzufinden. Und Menschen können Veränderungen schultern. Das hat man in der Pandemie gesehen. Der Kampf darum, dass Dresden im Klimawandel attraktiv bleibt, kann die Menschen zusammenbringen und die Spaltung der Gesellschaft auflösen. Es geht um bezahlbare neue Energie. Der Weg dorthin und was dafür notwendig ist, kann und wird strittig sein. Aber nochmal: Wie sich gerade in Deutschland gezeigt hat, kann Starkregen noch viel stärker sein, als wir es bisher kannten. Ich will den Dresdnern aber auch keine Angst machen, gemeinsam werden wir die richtigen Entscheidungen treffen.

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